Wer den Antisemitismus erklären will, muß den Nationalsozialismus meinen. Ohne Begriff von dem, was in Deutschland geschehen ist, bleibt das Reden über den Antisemitismus in Siam oder in Afrika bedeutungslos. Der neue Antisemitismus ist der Sendbote der totalitären Ordnung, zu der die liberalistische sich entwickelt hat. Es bedarf des Rückgangs auf die Tendenzen des Kapitals. Aber es ist, als seien die vertriebenen Intellektuellen nicht bloß des Bürgerrechts, sondern auch des Verstands beraubt worden. Denken, die einzige Verhaltensweise, die ihnen anstünde, ist in Mißkredit geraten. Der »jüdisch-hegelianische Jargon«, der einst aus London bis zur deutschen Linken drang und schon damals in den Brustton von Gewerkschaftsfunktionären übertragen werden mußte, gilt jetzt vollends als überspannt. Aufatmend werfen sie die unbequeme Waffe weg und kehren zum Neuhumanismus, zu Goethes Persönlichkeit, zum wahren Deutschland und anderem Kulturgut zurück. Die internationale Solidarität habe versagt. Weil die Weltrevolution nicht eintrat, seien die theoretischen Gedanken nichts wert, nach denen sie als Rettung aus der Barbarei erschien. Jetzt, da es wirklich so gekommen ist, da Harmonie und Progressionsmöglichkeit der kapitalistischen Gesellschaft sich als die Illusion entlarven, die die Kritik der freien Marktwirtschaft seit je denunzierte, da trotz und wegen des technischen Fortschritts die Krise, wie vorausgesagt, permanent geworden ist und die Nachfahren der freien Unternehmer ihre Stellung nur durch Abschaffung der bürgerlichen Freiheit behaupten können, jetzt preisen die literarischen Gegner der totalitären Gesellschaft den Zustand, dem sie ihr Dasein verdankt, und verleugnen die Theorie, die sein Geheimnis aussprach, als es noch Zeit war. Daß die Emigranten der Welt, die den Faschismus aus sich erzeugt, gerade dort den Spiegel vorhalten, wo sie ihnen noch Asyl gewährt, kann niemand verlangen. Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen. Die englischen Gastfreunde von heute machen bessere Erfahrungen als Friedrich mit dem Lästermaul Voltaire. Mag das Loblied, das die Intellektuellen auf den Liberalismus anstimmen, oft schon zu spät kommen, da die Länder rascher in totalitäre sich umwandeln, als die Bücher Verleger finden, sie gehen die Hoffnung nicht auf, daß irgendwo die Reformierung des westlichen Kapitalismus glimpflicher sich abspielt als die des deutschen und gut empfohlene Fremde doch noch eine Zukunft haben. Aber die totalitäre Ordnung ist nichts anderes als ihre Vorgängerin, die ihre Hemmungen verloren hat. Wie alte Leute zuweilen so böse werden, wie sie im Grunde immer waren, nimmt die Klassenherrschaft am Ende der Epoche die Form der Volksgemeinschaft an. Den Mythos der Interessenharmonie hat die Theorie zerstört; sie hat den liberalistischen Wirtschaftsprozeß als Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen vermittels freier Verträge dargestellt, die durch die Ungleichheit des Eigentums erzwungen werden. Die Vermittlung wird jetzt abgeschafft. Der Faschismus ist die Wahrheit der modernen Gesellschaft, die von der Theorie von Anfang an getroffen war. Er fixiert die extremen Unterschiede, die das Wertgesetz am Ende produzierte.
Ihn zu erkennen, bedarf es keiner Revision der ökonomischen Theorie. Der gleiche und gerechte Tausch hat sich selbst ad absurdum geführt, und die totalitäre Ordnung ist dies Absurdum. Folgerecht genug hat sich der Übergang aus dem Liberalismus vollzogen, und nicht so gewaltsam wie der aus dem Merkantilsystem ins 19. Jahrhundert. Dieselben ökonomischen Tendenzen, die durch den Konkurrenzmechanismus zur immer höheren Produktivität der Arbeit treiben, schlagen in Kräfte sozialer Desorganisation um. Der Stolz des Liberalismus, die technisch äußerst entfaltete Industrie, macht sein Prinzip zuschanden, indem der Verkauf der Arbeitskraft für große Teile der Bevölkerung unmöglich wird. Die Reproduktion des Bestehenden auf dem Umweg über den Arbeitsmarkt wird unrationell. Früher war das Bürgertum ökonomisch dezentralisiert, ein vielköpfiger Herrscher; die Vergrößerung des Betriebs war für jeden Unternehmer Bedingung, seinen Anteil am gesellschaftlichen Mehrprodukt zu steigern. Er brauchte die Arbeiter, um im Konkurrenzkampf zu bestehen. Im Zeitalter der Monopole verspricht die unbegrenzte Investierung von immer neuem Kapital keine große Steigerung der Profite mehr. Die Masse der Arbeiter, aus denen der Mehrwert herfließt, geht im Vergleich zum Apparat, den sie bedienen, zurück. Industrielle Produktion hat in der neueren Zeit nur als Bedingung für Profit, für Erweiterung der Gewalt von Gruppen und Individuen über menschliche Arbeit existiert. Der Hunger allein bietet keinen Anlaß zur Herstellung von Konsumgütern. Für das ohnehin zahlungsunfähige Bedürfnis, für die arbeitslosen Massen produzieren, liefe dem Gesetz der Ökonomie und Religion zuwider, das die Ordnung zusammenhält: ohne Arbeit kein Brot.
Noch die Fassade verrät die Überholtheit der Marktwirtschaft. Die Reklameschilder in allen Landern sind ihre Monumente. Ihr Ausdruck ist lächerlich. Zu den Passanten sprechen sie wie törichte Erwachsene mit Kindern oder Tieren, in einem verlogen zutraulichen Jargon. Wie Kindern wird denn auch den Massen etwas vorgespiegelt: daß sie als selbständige Subjekte die Freiheit hätten, sich die Waren auszuwählen. Doch ist die Wahl schon weithin diktiert. Seit Jahrzehnten gibt es ganze Sphären des Verbrauchs, in denen bloß die Etiketten verschieden sind. Die bunte Welt der Qualitäten, an der man sich ergötzt, steht auf dem Papier. Wenn die Reklame stets für die faux frais der bürgerlichen Warenwirtschaft charakteristisch war, so hat sie früher als Mittel der Bedürfnissteigerung eine progressive Funktion ausgeübt. Heute wird noch dem Käufer eine ideologische Reverenz erwiesen, die er nicht einmal ganz glauben soll. Die Reklame für die großen Markenartikel versteht er bereits als nationale Parolen aufzunehmen, denen man nicht widersprechen darf. In den faschistischen Ländern kommt die Disziplin, an welche die Reklame appelliert, zu sich selbst. An den Plakaten erfahren dort die Menschen, was sie wirklich sind: Soldaten. Die Reklame wird richtig. Der strikte staatliche Befehl, der bei totalitären Wahlen von allen Mauern droht, entspricht der modernen Organisation der Wirtschaft genauer als die einerlei bunten Beleuchtungseffekte in den Einkaufszentren und Vergnügungsvierteln der Welt. Die ökonomischen Programme der guten Europäer unter den Staatsmännern sind illusionär. In der Endphase des Liberalismus wollen sie die Unfähigkeit der zerfallenden Marktwirtschaft, die Menschen zu ernähren, durch staatliche Aufträge kompensieren, im Einverständnis mit den Wirtschaftsgewaltigen die Wirtschaft ankurbeln, so daß sie allen einen Unterhalt gewährt. Sie vergessen, daß der Widerwille gegen neue Investitionen keine Schrulle ist. Die Industriellen haben keine Lust, ihre Werke auf dem Umweg über Steuern, die sie einer allzu unparteiischen Regierung entrichten müssen, in Gang zu setzen, bloß um die bankrotten Bauern und andere Arbeitslose aus der Verlegenheit zu ziehen. Für die Klasse zahlte sich ein solches Verfahren nicht aus. Soviel auch regierungsfreundliche Ökonomen den Unternehmern vorreden, daß es ihnen zugute komme, die großen haben einen besseren Instinkt für ihre Interessen und höhere Ziele im Auge als eine notdürftige Konjunktur mit Streiks und was sonst zum proletarischen Klassenkampf gehört. Die Staatsmänner, die den Liberalismus zu guter Letzt noch humanitär lenken wollen, verkennen seine Eigenart. Sie mögen Bildung repräsentieren und von Experten umgeben sein, ihr Bestreben ist ein Widersinn: sie wollen die Schicht, deren partikuläre Interessen wesenhaft den generellen zuwiderlaufen, der Allgemeinheit unterordnen. Eine Regierung, die mit den Steuern der Unternehmer aus den Objekten der Wohlfahrtspflege Subjekte freier Arbeitsverträge machte, muß schließlich unterliegen: sie entartete sonst entgegen ihrem eigenen Willen aus dem Beauftragten der Unternehmer zum Vollzugsorgan der Arbeitslosen, ja der abhängigen Schichten überhaupt. Nahezu konfiskatorische Steuern, etwa die Erbschaftssteuer, die nicht bloß durch die Freisetzung von Arbeitern in der Industrie, sondern auch durch die Folgen der unlösbaren Agrarkrise erzwungen sind, drohen ohnehin schon, die kapitalistisch Schwachen zu »Ausbeutern« der Kapitalisten zu machen. Solche Umkehrung der Verhältnisse lassen die Unternehmer auf die Dauer in keinem Weltreich zu. In den Parlamenten und dem ganzen öffentlichen Leben sabotieren sie die spätliberalistische Wohlfahrtspolitik. Selbst wenn sie der Konjunktur zugute käme, blieben sie unversöhnt: Konjunkturen sind ihnen nicht mehr genug. Die Produktionsverhältnisse setzen sich gegen die humanitären Regierungen durch. Die Pioniere aus den Unternehmerverbänden schaffen einen neuen Apparat. Ihre Sachwalter nehmen die Ordnung der Gesellschaft in die Hand; anstelle des zersplitterten Kommandos in den einzelnen Fabriken entsteht die totalitäre Herrschaft des Partikularinteresses über das ganze Volk. Den Individuen wird dabei eine neue Zucht auferlegt, die an den Grund der Sozialcharaktere rührt. Die Transformation des gedrückten Arbeitsuchenden aus dem 19. Jahrhundert in das beflissene Mitglied faschistischer Organisationen gemahnt in ihrer historischen Tragweite an die Umwandlung des mittelalterlichen Handwerksmeisters in den protestantischen Bürger durch die Reformation oder des englischen Dorfarmen in den modernen Industriearbeiter. Angesichts solcher Verlagerung der Fundamente erscheinen die Staatsmänner des mittleren Fortschritts als reaktionär.
An die Stelle des Tausches mit der Arbeit tritt das Diktat über sie. Waren die Massen in den letzten Jahrzehnten aus Kontraktpartnern Bettler, Objekte der Fürsorge geworden, so werden sie jetzt unmittelbar Objekte der Herrschaft. Im vorfaschistischen Stadium bedrohten sie die Ordnung. Der Übergang zu einer Wirtschaft, welche die getrennten Elemente vereinigte, die Menschen in den Besitz der feiernden Maschinen und des nutzlosen Getreides setzte, schien in Deutschland unabwendbar und die Weltgefahr des Sozialismus ernst. Zu seinen Feinden stand, was in der demokratischen Republik etwas zu sagen hatte. Es wurde mit Unterstützungen, mit kaiserlichen Staatsbeamten und weißen Offizieren regiert. Aus Organen des Klassenkampfs wollten die Gewerkschaften sich in staatliche verwandeln, sie wollten dazu dienen, die Zuwendungen zu verteilen, die Bedachten zur fügsamen Gesinnung zu erziehen, kurz, an der Beherrschung mitzuwirken. Den Mächtigen aber war solche Hilfe suspekt. Als das deutsche Kapital die imperialistische Politik wieder aufnahm, ließ es die Arbeiterbürokratie, die politische und gewerkschaftliche, die ihm dabei geholfen hatte, fallen. Trotz redlichsten Willens wären sie den neuen Verhältnissen nicht gewachsen gewesen. Nicht für die Steigerung ihres eigenen Lebens sollten die Massen aktiviert werden, nicht daß sie essen, sondern daß sie gehorchen, ist die Aufgabe des faschistischen Apparats. Regieren hat dort einen ändern Sinn bekommen. Anstelle routinierter Funktionäre werden phantasiereiche Organisatoren und Fronvögte gebraucht; sie müssen dem Bannkreis der Ideologie von Freiheit und Menschenwürde entrückt sein. Im Spätkapitalismus verwandeln sich die Völker zuerst in Unterstützungsempfänger und dann in Gefolgschaften. Lange vor dem faschistischen Umschwung bilden die Arbeitslosen eine unwiderstehliche Versuchung für Industrielle und Agrarier, die sie für ihre Zwecke organisieren wollen. Wie zu Beginn der Epoche sind wieder freie Massen vorhanden. Nur kann man sie nicht wie damals in die Manufakturen pressen, die Zeit der privaten Unternehmung ist vorbei. Der faschistische Agitator faßt seine Leute zum Kampf gegen die demokratischen Regierungen zusammen. Wenn es während des Übergangs immer weniger lockt, Kapital in die nützliche Produktion zu investieren, so wird das Geld in die Organisation der Masse gesteckt, die man der aufgeklärten vorfaschistischen Regierung entreißen will. Ist das zu Hause gelungen, wird es international versucht. Die faschistischen Staaten treten auch in fremden Ländern als Organisatoren der Macht gegen die renitenten Regierungen auf. Ihre Emissäre bereiten den Boden für faschistische Eroberungen, sie sind die Nachfahren der christlichen Missionare, die den Kaufleuten voranzogen. Heute strebt nicht der englische, sondern der deutsche Imperialismus nach Expansion. Wenn tatsächlich der Faschismus aus dem kapitalistischen Prinzip hervorgeht, ist er nicht bloß den »armen«, den »have not«-Ländern im Gegensatz zu saturierten angepaßt. Daß der Nationalsozialismus ursprünglich von bankrotten Industrien getragen war, betrifft seine spezifisehe Auslösung, nicht seine Eignung zum universalen Prinzip. Schon zur Zeit der höchsten Rentabilität hat die Schwerindustrie ihren Anteil am Gewinn der Klasse durch ihre wirtschaftliche Machtstellung erzwungen. Stets überstieg die Durchschnittsprofitrate, die auch ihr zufiel, den Mehrwert, der in ihrem eigenen Bereich entstand. Weniger als andere gehorchten Krupp und Thyssen dem Konkurrenzprinzip. So zeigte denn der Bankrott, den schließlich die Bilanz auswies, nichts über die Harmonie zwischen der Schwerindustrie und dem Bedürfnis des Bestehenden an. Daß die chemische Industrie an Rentabilität der schweren auf dem Markt überlegen war, konnte gesellschaftlich nicht den Ausschlag geben. Im Spätkapitalismus ist die Aufgabe gestellt, die Bevölkerung in ein für zivile und militärische Zwecke einsatzbereites Kollektiv umzumodeln, so daß sie in den Händen der neu formierten Herrscherklasse funktioniert. Die schlechte Rentabilität trieb bloß bestimmte Teile der deutschen Industrie vor anderen dazu an, die Entwicklung zu forcieren. Die herrschende Klasse hat sich gewandelt. Ihre Mitglieder sind nicht identisch mit den Inhabern des kapitalistischen Eigentums. Das gespaltene Gros der Aktionäre war längst der Führung des Direktoriats verfallen. Mit dem Fortschritt des Betriebs von einer unter vielen konkurrierenden Wirtschaftseinheiten zur uneinnehmbaren sozialen Machtstellung des modernen Konzerns gewann die Betriebsführung absolute Gewalt. Der Umfang und die Differenziertheit der Werke hat eine Bürokratie geschaffen, deren Spitze mit dem Kapital der Aktionäre notfalls gegen diese ihre eigenen Ziele verfolgt. Derselbe Grad der organischen Zusammensetzung des Kapitals, der den ökonomischen Anreiz zu weiteren Investitionen vermindert, ermöglicht es den Leitern, im Zug politischer Machinationen den Produktionsmechanismus zu bremsen, ja die Räder stillzustellen, ohne selber viel zu spüren. Die Direktorengehälter können sich zuzeiten von den Bilanzen emanzipieren. An die Stelle der juristischen Eigentümer tritt die hohe industrielle Bürokratie. Es zeigt sich, daß die reale Verfügung, der physische Besit/ und nicht das nominelle Eigentum sozial entscheidend ist. Die juristische Form, die über das Glück des Individuums real bestimmte, hat gesellschaftlich immer zur Ideologie gehört. Die enteigneten Gruppen der Bourgeoisie klammern sich jetzt an die hypostasierte Form des Privateigentums und denunzieren den Faschismus als neuen Bolschewismus, während dieser umgekehrt die Form der Vergesellschaftung des Eigentums theoretisch hypostasiert und in der Praxis die Monopolisierung des Produktionsapparats nicht zu unterbinden vermag. Ob es der Staat den Seinen unter dem Titel von regulierten Privatgewinnen oder direkt als Beamtengehälter zukommen läßt, ergibt noch keinen wesentlichen Gegensatz. Die faschistische Ideologie verschleiert das gleiche Verhältnis wie die alte harmonistische: die Herrschaft einer Minderheit auf Grund des faktischen Besitzes der materiellen Produktionswerkzeuge. Das Profitstreben endet heute in dem, was es stets schon war: im Streben nach gesellschaftlicher Macht. Das wahre Selbst des juristischen Eigentümers der Produktionsmittel tritt ihm als faschistischer Kommandant von Arbeiterbataillonen gegenüber. Die soziale Herrschaft, die mit ökonomischen Mitteln nicht zu halten war, weil das private Eigentum sich überlebt hat, wird mit direkt politischen fortgesetzt. Diesem Zustand gegenüber repräsentiert der Liberalismus noch in seiner Verfallsform das größtmögliche Glück der größtmöglichen Anzahl. Denn die Menge des Unglücks, das die Majorität in den kapitalistischen Mutterländern erlitt, ist kleiner als die heute auf die verfolgten Minoritäten konzentrierte. Der Liberalismus ist nicht wieder einzurichten. Er hinterläßt ein demoralisiertes, von den Führern verratenes Proletariat, in dem die Arbeitslosen eine Art amorpher Klasse bilden, die geradezu nach Organisierung von oben schreit, Bauern, deren Produktionsmethoden und Bewußtseinsformen hinter der technischen Entwicklung weit zurückgeblieben sind, und die Generäle der Industrie, des Heeres und der Verwaltung, die sich verständigen und die Neuordnung in die Hand nehmen. Nach dem hundertjährigen Zwischenspiel des Liberalismus ist die Oberschicht in den faschistischen Ländern auf ihre Grundeinsichten zurückgekommen. Die Existenz der Individuen wird im 20. Jahrhundert wieder bis in alle Einzelheiten kontrolliert. Ob nach der Entfesselung der Kräfte in der Industriegesellschaft die totalitäre Unterdrückung auf die Dauer möglich ist, läßt sich nicht deduzieren. Deduzierbar war der ökonomische Zusammenbruch, nicht die Revolution. Theorie und Praxis sind nicht unmittelbar identisch. Nach dem Krieg war die Frage praktisch gestellt. Die deutschen Arbeiter besaßen die Qualifikation zur neuen Einrichtung der Welt. Sie wurden besiegt. Wie weit der Faschismus sein Ziel erreicht, wird sich erst in den Kämpfen der Epoche zeigen. Die Anpassung der Individuen an ihn drückt auch rationale Fähigkeiten aus. Daß nach dem Verrat der eigenen Bürokratie seit 1914, nach der Entwicklung der Parteien in weltumspannende Maschinerien zur Vernichtung der Spontaneität, nach der Ermordung der Revolutionäre die Arbeiter sich gegen die totalitäre Ordnung neutral verhalten, ist kein Zeichen der Verblödung. Die Erinnerung an die vierzehn Jahre hat mehr Reize für die Intellektuellen als für das Proletariat. Der Faschismus hat ihm vielleicht nicht weniger zu bieten als die Weimarer Republik, die den Faschismus aufzog.
Die totalitäre Gesellschaft hat ökonomische Chancen auf lange Frist. Zusammenbrüche stehen nicht in naher Aussicht. Die Krisen waren rationale Zeichen, die entfremdete Kritik der Marktwirtschaft, die, wenn auch blind, am Bedürfnis orientiert war. In der totalitären Wirtschaft erscheint der Hunger zu Kriegs- und Friedenszeiten nicht so sehr als Störung wie als vaterländische Pflicht. Für den Faschismus als Weltsystem wäre ökonomisch kein Ende abzusehen. Die Ausbeutung reproduziert sich nicht mehr planlos über den Markt, sondern in der bewußten Ausübung der Herrschaft. Die Kategorien der politischen Ökonomie: Äquivalententausch, Konzentration, Zentralisation, sinkende Profitrate und so fort haben auch heute noch reale Gültigkeit, nur ist ihre Konsequenz, das Ende der politischen Ökonomie, erreicht. Die Konzentration in den faschistischen Ländern schreitet eilends fort. Sie ist jedoch in die Praxis planmäßiger Gewalt eingegangen, die die sozialen Gegensätze unmittelbar zu meistern sucht. Die Ökonomie hat keine selbständige Dynamik mehr. Sie verliert ihre Macht an die ökonomisch Mächtigen. Das Versagen der freien Marktwirtschaft offenbart die Unfähigkeit weiterer Fortschritte in den Formen der antagonistischen Gesellschaft überhaupt. Der Faschismus kann trotz des Krieges weiterleben, wenn die Völker nicht begreifen, daß die Kenntnisse und Maschinen, die sie besitzen, nicht der Verewigung der Macht und des Unrechts, sondern ihrem eigenen Glück zu dienen haben. Er ist nicht rückständig im Vergleich zum bankrotten laissez-faire-Prinzip, sondern zu dem, was für die Menschen erreichbar wäre.
Selbst wenn es gelungen wäre, die Rüstungen zu limitieren und die Erde aufzuteilen, worin die Konzerne mit gutem Beispiel vorangehen (es ist etwa an die Bestrebungen zum britisch-deutschen, darüber hinaus zum europäischen, Kohlenkartell zu denken [1], so hätte der Faschismus keine Verlegenheit zu befürchten gebraucht. Es sind unzählige Werke zu verrichten, die Arbeit und Brot geben und zugleich die Individuen nicht übermütig werden lassen. Mandeville, der wußte, worauf es ankam, hat schon zu Beginn des Kapitalismus das Fernziel faschistischer Arbeitsbeschaffung designiert: »Es gibt bei uns noch für hunderttausend Arme mehr, als wir tatsächlich haben, Arbeit auf drei- bis vierhundert Jahre hinaus. Um unser Land in allen Teilen nutzbar und im ganzen stattlich bevölkert zu machen, wären viele Flüsse schiffbar zu machen und zahlreiche Kanäle anzulegen. Manche Gegenden wären zu entwässern und für die Zukunft gegen Überschwemmungen zu schützen. Weite Strecken dürren Bodens wären fruchtbar, viele Quadratmeilen Landes leichter zugänglich und damit einträglicher zu machen. Du laboribus omnia vendunt. Es gibt keine Schwierigkeiten auf diesem Gebiete, die Arbeit und Ausdauer nicht zu bewältigen vermöchten. Die höchsten Berge lassen sich in die Täler stürzen, die bereitstehen, sie in sich aufzunehmen, und Brücken können geschlagen werden, wo wir jetzt gar nicht würden daran zu denken wagen.« [2] »Es ist Sache des Staats, den sozialen Mißständen abzuhelfen und das zuerst in die Hand zu nehmen, was von seilen der Privatpersonen am meisten vernachlässigt wird. Gegensätze werden am besten durch Gegensätze geheilt; und da im Falle nationalen Versagens das Beispiel mehr wirkt als das Gebot, so sollte die Regierung sich zu irgendeinem großen Unternehmen entschließen, das lange Zeit hindurch gewaltige Arbeit beanspruchen müßte, und sollte so die Welt davon überzeugen, daß sie nichts tut ohne ängstliche Rücksicht auf die späteste Nachkommenschaft. Dies wird festigend wirken auf den schwankenden Geist und den luftigen Sinn des Volkes, es wird uns daran erinnern, daß wir nicht bloß für uns selbst leben, und wird schließlich ein Mittel sein, um die Menschen weniger mißtrauisch zu machen und ihnen dafür mehr wahrhafte Vaterlandsliebe und treue Anhänglichkeit an den heimatlichen Boden einzuflößen, was für die Höherentwicklung einer Nation vor allem anderen notwendig ist. [3] Der Terror, zu dem die herrschende Klasse dabei ihre Zuflucht nimmt, ist seit Macchiavelli von den Autoritäten immer wieder empfohlen worden. »Das wilde Tier, das man Volk nennt, bedarf notwendig der eisernen Führung: ihr seid sogleich verloren, wenn ihr zulaßt, daß es seiner Kraft bewußt wird. [ ... ] Das regierte Individuum bedarf keiner anderen Tugend als der Geduld und der Unterordnung; Geist, Talente, Wissenschaften gehören auf die Seite der Regierung. Das größte Unglück resultiert aus dem Umsturz dieser Grundsätze. Die wirkliche Autorität der Regierung wird aufhören, wenn jeder sich berufen glaubt, sie zu teilen; der Schrecken der Anarchie geht aus solcher Extravaganz hervor. Das einzige Mittel, diese Gefahren zu vermeiden, ist, die Kette möglichst anzuspannen, strengste Gesetze zu erlassen, die Aufklärung des Volkes zu verweigern, vor allem sich der funesten Pressefreiheit zu widersetzen, dem Ursprung aller Kenntnisse, die das Volk entfesseln, und es zum Schluß durch schwere und vielfache Strafen zu erschrecken. [ ...]. Bilden Sie sich nicht ein, [ ...] daß ich unter dem Volk die Klasse verstehe, die man als dritten Stand bezeichnet; gewiß nicht. Ich nenne Volk die feile und verächtliche Klasse, die, wie der Abschaum der Natur, auf unsere Erde geworfen, nur im Schweiß ihres Angesichts existieren kann.« [4] Was die Nationalsozialisten wissen, hat man schon vor hundert Jahren gewußt. »Man sollte Menschen nur in der Kirche oder unter den Waffen versammeln; da überlegen sie nicht, sie hören und gehorchen.« [5] An die Stelle der Peterskirche rückt der Berliner Sportpalast. Nicht bloß die dunklen Philosophen, die bei den ideologischen Nachfahren als unmenschlich gelten, haben die Abhängigkeit des Volkes als Voraussetzung stabiler Zustände erklärt, sie haben die Verhältnisse nur deutlicher bezeichnet als die Idealisten. Der späte Kant ist von den Freiheitsrechten der unteren Schichten nicht viel überzeugter als Sade und Bonald. Nach der praktischen Vernunft hat das Volk zu parieren wie im Zuchthaus, nur mit dem Unterschied, daß es neben den Schergen der jeweiligen Macht auch noch sein eigenes Gewissen als Gefängniswärter und Antreiber haben soll. »Der Ursprung der obersten Gewalt ist für das Volk, das unter derselben steht, in praktischer Absicht unerforschlich: d.i. der Unterthan soll nicht über diesen Ursprung [ ...] werkthätig vernünfteln | ...]; denn wollte der Unterthan, der den letzteren Ursprung nun ergrübelt hätte, sich jener jetzt herrschenden Autorität widersetzen, so würde er nach den Gesetzen derselben, d. i. mit allem Recht, bestraft, vertilgt, oder (als vogelfrei, exlex) ausgestoßen werden.« [6] Kant bekennt sich zu der Lehre, »daß dem, welcher sich im Besitz der zu oberst gebietenden und gesetzgebenden Gewalt über ein Volk befindet, müsse gehorcht werden, und zwar so juridisch-unbedingt, daß auch nur nach dem Titel dieser seiner Erwerbung öffentlich zu forschen, also ihn zu bezweifeln, um sich bei etwaiger Ermangelung desselben ihm zu widersetzen, schon strafbar, daß es ein kategorischer Imperativ sei: Gehorchet der Obrigkeit (in allem, was nicht dem inneren Moralischen widerstreitet), die Gewalt über euch hat.« [7] Aber der Kant-Kenner weiß: das »innere Moralische« kann nie gegen eine harte Arbeit protestieren, die von der jeweiligen Gewalt befohlen ist.
Die faschistische Verstaatlichung, die Aufstellung eines terroristischen Parteiapparats neben der Administration, ist das Gegenteil von Vergesellschaftung. Nach wie vor funktioniert das Ganze für die Interessen einer festen Gruppe. Das Kommando über fremde Arbeit durch die Bürokratie ist jetzt formell die letzte Instanz, das Kommando der konkurrierenden Eigentümer nur delegiert, aber die Gegensätze verwischen sich: die Eigentümer werden Bürokraten und die Bürokraten Eigentümer. Der Begriff des Staates verliert vollends seinen Widerspruch zum Begriff einer herrschenden Partikularität, er ist der Apparat der koalierten Führer, ein privates Machtwerkzeug, und dies je mehr er sich verselbständigt, je mehr er vergottet wird. Sowohl in Italien wie auch in Deutschland wurden große gemeinnützige Unternehmungen reprivatisiert. In Italien sind elektrische Betriebe, die Monopole des Telephons, der Lebensversicherung und andere staatliche und städtische Verwaltungen, in Deutschland vor allem die Banken an private Gesellschaften übergegangen. [8] Davon profitieren freilich nur die Großen. Daß der mittlere Unternehmer gegen die Konzerne in Schutz genommen werde, erweist sich auf die Dauer als purer Propagandaschwindel. Die Zahl der Gesellschaften, welche die gesamte Industrie beherrschen, wird immer kleiner. Unter der Oberfläche des Führerstaats spielt sich ein wütender Kampf der Interessenten um die Beute ab. Die deutschen und sonstigen Eliten in Europa, welche die Absicht, die Bevölkerung in Schach zu halten, miteinander teilen, würden ohne dies einigende Band sich drinnen und draußen längst bekriegt haben. Innerhalb der totalitären Staaten ist diese Spannung so groß, daß Deutschland über Nacht in ein Chaos von Gangsterkämpfen sich auflösen könnte. Die Geste der Tragik so gut wie die unablässige Versicherung vieltausendjähriger Dauer in der nationalsozialistischen Propaganda reflektierten von Anbeginn die Ahnung solcher Hinfälligkeit. Nur weil die berechtigte Angst vor den Massen alle immer wieder zusammenbringt, lassen sich die Unterführer schließlich vom Mächtigsten integrieren und notfalls massakrieren. Hinter der Einheit und Harmonie ist, mehr als es je im Kapitalismus der Fall war, die Anarchie verborgen, hinter der Planmäßigkeit das atomistische Privatinteresse. Es findet ein Ausgleich statt, der gegenüber menschlichen Bedürfnissen nicht weniger zufällig ist als ehemals die Preisskala freier Märkte. Die Kräfte, welche die Verteilung der gesellschaftlichen Energien auf die verschiedenen Produktionszweige bewirken, sind bei aller Lenkung so irrational wie die Mechanismen der Profitwirtschaft, die der menschlichen Macht sich entzogen hatten. Die Freiheit der Führer ist Trug wie die des Geschäftsmanns; wie er vom Markt abhing, hängen sie von blinden Konstellationen ab. Das Rüsten wird ihnen durch das Spiel zwischen den Gruppierungen, durch die Angst vor den eigenen und fremden Völkern, durch die Abhängigkeit von Teilen der Geschäftswelt ebenso diktiert wie die Vergrößerung der Fabriken den Unternehmern in der Industriegesellschaft, diktiert durch soziale Gegensätze, nicht durch die Auseinandersetzung der Menschen mit der Natur, von der eine vernünftige Gesellschaft sich einzig noch bestimmen ließe. Die Stabilität des Faschismus beruht auf der Allianz gegen die Revolution und der Ausschaltung des ökonomischen Korrektivs. Das atomistische Prinzip, nach dem der Erfolg des einen mit dem Elend des anderen zusammenhing, ist heute noch verschärft. In den faschistischen Verbänden herrschen Gleichheit und Brüderlichkeit nur an der Oberfläche. Der Kampf um den Aufstieg in der barbarischen Hierarchie macht aus den Genossen präsumptive Gegner. Der Umstand, daß in der Kriegswirtschaft mehr Arbeitsplätze als Arbeiter vorhanden sind, hebt den Konflikt aller mit allen nicht auf. Die Unterschiede zwischen den Löhnen in den einzelnen Fabriken, für Männer und Frauen, für Arbeiter und Angestellte, für verschiedene Kategorien von Proletariern sind krasser als früher. Mit der Abschaffung der Arbeitslosigkeit ist die Vereinsamung der Menschen nicht durchbrochen worden. An die Stelle der Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes tritt die Furcht vor dem Staat. Die Angst atomisiert. Das gemeinsame Interesse aller Ausgebeuteten ist heute, wo es stärker ist als je, weniger als je zu erkennen. Auf der Höhe des Liberalismus blieb trotz aller Krisen das Proletariat mit dem Prozeß der Warenproduktion verbunden, die Arbeitslosigkeit des einzelnen ging vorüber. Die Arbeit der Proletarier in der Industrie bildete die Basis der Solidarität, wie noch die Sozialdemokratie sie verstand. In der Zeit, die dem Faschismus unmittelbar vorhergeht, wird ein großer Teil der Bevölkerung dauernd arbeitslos und verliert das Rückgrat. Die Banden der technischen Nothilfe haben auch den beschäftigten deutschen Arbeitern demonstriert, wie schwach sie waren. Je weiter zudem die mit der ökonomischen Ohnmacht gesetzte Vernichtung jeder Spontaneität durch die Politik der alten Massenparteien getrieben wurde, um so leichter konnten die Opfer von der neuen erfaßt werden. Hier wie dort ist der Kollektivismus die Ideologie der atomisierten Masse, die ganz Objekt der Herrschaft ist. Wie die Arbeit unter dem Diktat des Staates erscheint der vom Staat propagierte Glaube an Führer und Gemeinschaft als Ausweg aus dem trostlosen Dasein. Der Glaube lebt davon, daß es wieder regelmäßig Arbeit gibt. Jeder weiß, was er zu tun hat und wie ungefähr der nächste Tag aussieht. Man ist kein Bettler mehr, und wenn es Krieg gibt, stirbt man nicht allein. Die Volksgemeinschaft setzt die Ideologie von 1914 fort. Nationale Aufbrüche sind der erlaubte Ersatz für die Revolution. Unbewußt realisieren sie das Grauen ihrer Existenz, das zu ändern sie doch nicht vermögen. Die Erlösung muß von oben kommen. So unaufrichtig aber der Glaube an die Nichtigkeit des einzelnen, an das Überleben des Volkes oder an die Führer als Gestalten immer sein mag, gegenüber dem ausgehöhlten Christentum drückt er wenigstens eine Erfahrung aus. Verlassen ist die Gefolgschaft auch von den vergötzten Führern, aber nicht so verlassen wie seit je vom wahren Gott.
Über die Zustände vor seinem Machtantritt geht der Faschismus nicht bloß negativ, sondern positiv hinaus. Wenn die Lebensformen der liberalistischen Phase des Kapitalismus hemmende Funktionen hatten, wenn die idealistische Kultur schon zum Gespött geworden war, muß ihre Demolierung im Faschismus auch Kräfte frei machen. Der falschen Sicherheiten wird das Individuum beraubt, die faschistische Rettung von Eigentum, Familie, Religion läßt nicht viel von ihnen übrig. Die Massen werden zu mächtigen Instrumenten, und die Macht der vom fremden Willen durchströmten totalitären Organisation ist der Schwerfälligkeit des Reichstags überlegen, der vom eigenen Willen des Volkes getragen war. Die Zentralisation der Verwaltung, die der Nationalsozialismus in Deutschland vorgenommen hat, löst eine alte bürgerliche Forderung ein, die anderswo im siebzehnten Jahrhundert schon erfüllt war. Der demokratische Zug des neuen Deutschlands, die formelle Abschaffung der Stände ist bürgerlich rationell. Richelieu freilich ist energischer mit den Feudalen umgesprungen als Hitler mit der sogenannten Reaktion. Der große Grundbesitz erfreut sich noch des gut getarnten Schutzes vor der Siedlungspolitik. Der inneren Schlagkraft entsprechen die Erfolge der faschistischen Außenpolitik. Sie beglaubigen die Versprechungen des Regimes. Der wichtigste Grund der Indolenz, mit dem es von den Massen geduldet wird, ist die kühle Erwartung, es möchte den brüchigen Staatsgebilden ringsum einiges abtrotzen, was auch dem kleinen Mann zugute kommt. Nach der Phase der Eroberungen, die freilich erst begonnen hat, hofft der Nationalsozialismus, den Massen so viel abzugeben, wie geschehen kann, ohne Opfermut und Disziplin etwas zu entziehen. Im Faschismus nimmt hier der Umfang an Betriebsunfällen, dort der Umsatz bei den Sektfabriken zu, aber die Gewißheit, daß es weiter Arbeit gibt, wirkt schließlich als die bessere Demokratie. Unter Wilhelm wurde das Volk nicht mehr respektiert als unter Hitler. Einen langen Krieg wird es schwerlich zulassen. Wahr ist, die Produktivkräfte werden im Faschismus stärker unterdrückt als je zuvor. Die Erfindung von Ersatzstoffen bietet keinen Ersatz für die Verstümmelung der menschlichen Anlagen, die bis zur Vernichtung des Menschlichen geht. Aber dies setzt bloß einen Prozeß fort, der ohnehin katastrophisches Ausmaß angenommen hatte. In der jüngsten Phase, der faschistischen, verstärken sich auch die Gegentendenzen.
Der Gedanke von Nation und Rasse überschlägt sich. Im Grund glauben die Deutschen nicht mehr daran. Die Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und totalitärem Staat verläuft nicht mehr gemäß den Landesgrenzen. Der Faschismus erobert von außen und innen zugleich. Zum ersten Mal ist die ganze Welt in dieselbe politische Entwicklung gerissen. Indien und China sind nicht mehr bloße Randgebiete, historische Größen sekundärer Ordnung, sie sind von der gleichen Spannung erfüllt wie die hochkapitalistischen Länder.
Die Lüge von der Gerechtigkeit innerhalb der modernen Gesellschaft, die Lüge von der freien Bahn, die Lüge vom Gottesurteil des Erfolgs, alle Kulturlügen, die das Leben vergifteten, sind durchsichtig geworden oder abgeschafft. Die Bürokratie entscheidet über Leben und Tod. Sie schiebt die Verantwortung für das Scheitern von Existenzen nicht wie die alten Kapitalisten auf Gott, sondern auf die staatliche Notwendigkeit. Wahrscheinlich treffen die unmenschlichen Figuren, die jetzt über Menschen verfügen, keine ungerechtere Auswahl als der Markt, den der bloße Wille zum Profit bewegte. Der Faschismus hat die Verfügung über die Produktionsmittel für die Minderheit gerettet, die als entschlossenste aus dem Konkurrenzkampf hervorgegangen ist. Er ist die zeitgemäße Form. Auch wo in Europa der Faschismus nicht an der Macht ist, regen sich starke gesellschaftliche Tendenzen, welche die administrative, juristische, politische Apparatur in den autoritären Stand setzen wollen. Schon aus Konkurrenzgründen, dem wahren liberalistischen Motiv, sind die Kapitalisten und was an ihnen hängt dazu getrieben. »If the British Government«, schreibt der Whaley-Eaton Service, »is forced to choose between active Inflation and totalitarian control of finance and industry, it will take the latter course.« [9] Ob man es bei Halbheiten und Kompromissen lange bewenden läßt, steht dahin.
So steht es mit den Juden. Sie weinen der Vergangenheit viele Tränen nach. Daß es ihnen im Liberalismus besser ging, verbürgt nicht seine Gerechtigkeit. Selbst die französische Revolution, die der bürgerlichen Wirtschaft politisch zum Sieg verhalf und den Juden die Gleichheit gab, war zweideutiger, als sie sich heute träumen lassen. Nicht die Ideen, sondern der Nutzen bestimmt das Bürgertum. »Die revolutionären Änderungen herbeizuführen«, sagt Mornet, »hat man sich erst entschieden, weil man darüber nachgedacht. Solches Nachdenken war nicht die Sache einiger weniger avancierter Geister; es war eine sehr zahlreiche Elite, die über ganz Frankreich die Ursache der Übel und die Natur der Abhilfe diskutierte.« [10] Nachdenken heißt hier kalkulieren. Soweit die Revolution über die ökonomisch wünschenswerten Ziele hinausschoß, wurden die Dinge später wieder eingerenkt. Man kümmerte sich nicht so viel um Philosophie wie um Schwerfälligkeiten der Verwaltung, um provinzielle und staatliche Reformen. Die Bürger waren stets Pragmatisten, sie hatten ihr Eigentum im Auge. Ihm zuliebe fielen die Privilegien. Auch die radikalere, durch den Sturz der Terroristen unterbrochene Entwicklung wies nicht bloß in die Richtung größerer Freiheit. Schon damals war man vor die Wahl verschiedener Formen der Diktatur gestellt. Robespierres und Saint Justs Pläne sahen etatistische Elemente, eine Befestigung des bürokratischen Apparats vor, ähnlich den autoritären Systemen der Gegenwart. Die Ordnung, die 1789 als fortschrittliche ihren Weg antrat, trug von Beginn an die Tendenz zum Nationalsozialismus in sich.
Trotz aller grundlegenden Verschiedenheit zwischen dem Wohlfahrtsausschuß und den Führern des Dritten Reichs, denen erstaunliche Parallelen entgegenzuhalten sind, entspringt ihre Praxis derselben politischen Notwendigkeit: die Verfügung über die Produktionsmittel den Gruppen zu erhalten, die sie schon innehaben, damit die anderen bei der Arbeit ihrer Leitung unterstehen. Politische Freiheit für jedermann, die Gleichberechtigung der Juden und alle humanen Institutionen wurden als Mittel akzeptiert, um den Reichtum ausgiebig zu verwerten. Die demokratischen Einrichtungen förderten das Angebot billiger Arbeitskräfte, die Möglichkeit, sicher zu kalkulieren, die Ausbreitung des freien Verkehrs. Mit der Änderung der Verhältnisse verlieren die Einrichtungen den utilitären Charakter, dem sie ihr Dasein verdanken. Vemünftigkeit, die den spezifischen Verwertungsbedingungen auf der je erreichten Stufe zuwiderläuft, hat auch der jüdische Unternehmer für verstiegen oder subversiv gehalten. Diese Art von Rationalität wendet sich jetzt gegen ihn. Der Wirklichkeit, in der die Juden groß geworden sind, war eine natürliche Moral immanent, nach der sie jetzt zu leicht befunden werden, die Moral der ökonomischen Macht. Dieselbe Rationalität, nach der unterlegene Konkurrenten schon immer ins Proletariat versanken und um ihr Leben betrogen waren, diese ökonomische Zweckmäßigkeit hat jetzt auch den Juden das Urteil gesprochen. Wieder diskutiert eine zahlreiche Elite, diesmal nicht bloß über Frankreich, sondern über ganz Europa, »die Ursache der Übel und die Natur der Abhilfe«. Das Resultat ist für die Juden schlecht. Sie kommen unter die Räder. Andere als sie sind heute die Tüchtigsten: die Führer der neuen Ordnung in Wirtschaft und Staat. Dieselbe ökonomische Notwendigkeit, die irrational das Heer der Arbeitslosen schuf, hat sich jetzt in Gestalt wohl abgewogener Verordnungen gegen ganze Minderheiten gewandt.
Die Sphäre, die für das Schicksal der Juden in doppelter Weise bestimmend war, als der Ort ihres Erwerbs und als das Fundament der bürgerlichen Demokratie: die Sphäre der Zirkulation verliert ihre ökonomische Bedeutung. Die berühmte Macht des Geldes ist im Schwinden begriffen. Im Liberalismus knüpft es die Kapitalmacht an die Erfüllung nützlicher Funktionen. Aus dem Wachstum oder Schwinden des Geldkapitals, das dem Unternehmer als Ergebnis jeder Unternehmung am Ende wieder zufloß, konnte er ersehen, ob und in welchem Umfang sie für die bestehende Gesellschaft nützlich war. Das Urteil des Marktes über die Verkäuflichkeit der Waren deklarierte ihren Anteil am Fortgang des allgemeinen Lebens. Mit der zunehmenden Ausschaltung des Marktes fällt auch die Rolle des Geldes als des Materials weg, in dem die Deklaration sich vollzog. Die Bedürfnisse werden jetzt nicht angemessener und gerechter befriedigt als durch den mechanischen Ausgleich verschieden equipierter Kapitalinteressen. Nur wird der Urteilsspruch des Marktes darüber, wie jeder leben darf, der Spruch über Wohlsein und Elend, Hunger und Macht, mit dem auch die herrschenden ökonomischen Gruppen immerhin zu rechnen hatten, jetzt von ihnen selbst gefällt. Die Anonymität ist in Planmäßigkeit übergegangen, anstatt in die freie der geeinten Menschheit in die abgefeimte ihrer verschworenen Todfeinde. Anonym war früher nicht bloß der Urteilsspruch, er visierte auch die Sünder und Auserwählten des Produktionsprozesses ohne Ansehen ihrer menschlichen Besonderheit, er tat den Personen die Ehre an, sie zu ignorieren. Soweit war er menschlich in seiner Unmenschlichkeit. Im Führerstaat werden die, die leben und die sterben sollen, vorsätzlich designiert. Die Juden sind als Agenten der Zirkulation entmachtet , weil die moderne Struktur der Wirtschaft die ganze Sphäre weithin außer Kurs setzt. Sie werden als erste Opfer vom Diktat der Herrschenden getroffen, das die ausgefallene Funktion übernimmt. Die staatliche Manipulierung des Geldes, die ohnehin den Raub als notwendige Folge hat, schlägt in die brutale Manipulierung seiner Repräsentanten um. Die Juden werden sich ihrer Verzweiflung bewußt, wenigstens die, die es schon getroffen hat. Wer in England und Frankreich noch mit den Ariern über die Steuern schimpfen darf, sieht die flüchtigen Rassegenossen nur ungern über die Grenze kommen; die Faschisten berechnen solche Verlegenheit voraus. Die Ankömmlinge haben eine schlechte Aussprache und unbeholfene Manieren im neuen Land. Man sieht es den Koryphäen nach. Die anderen sind wie Ostjuden oder noch Schlimmeres: politische Anrüchige. Sie kompromittieren die eingesessenen, die sich da zu Hause fühlen und die wiederum den eingesessenen Christen auf die Nerven gehen. Als ob der Begriff des Zuhause in einer grauenvollen Wirklichkeit nicht jedem einzelnen der Judenheit, die es seit Jahrtausenden erfahren hat, ein Zeichen der Lüge und des Hohnes sein sollte, als ob die Juden, die sich irgendwo noch eingesessen wähnen, im Innersten nicht wüßten, daß sich die saubere Hausordnung, von der sie profitieren, morgen schon gegen sie selbst kehrt. Die Ankömmlinge sind jedenfalls unbequem. Die ideologische Praxis, die dahin treibt, Objekte des sozialen Unrechts im Geist noch einmal zu erniedrigen, um dem Unterschied den Anstrich der Vernunft zu geben, diese seit Aristoteles schon klassische Übung der Herrscherschichten, von der auch der Antisemitismus lebt, ist jüdisch nicht weniger als gentil; sie gehört zu jeder antagonistischen Gesellschaft. Wer in dieser Wirtschaft unterliegt, darf von denen, die zu ihr beten, in der Regel nichts anderes erwarten als die Anerkennung des ökonomischen Urteils, das ihn enteignet hat, des anonymen oder des namentlichen. Wahrscheinlich sind die Betroffenen so schuldlos nicht. Wie sollten arrivierte Juden oder Arier draußen, die mit der Verelendung sozialer und nationaler Gruppen, mit der Massenarmut in Mutter- und Tochterländern, mit den ordentlichen Zucht- und Irrenhäusern stets sich abgefunden haben, angesichts der deutschen Juden zur Besinnung kommen?
Der nationalsozialistische Plan, was von ihnen übrig bleibt, ins Lumpenproletariat hinabzustoßen, bezeugt aufs neue, daß seine Urheber die Umwelt ausgezeichnet kennen. Sind die Juden einmal verlumpt, wird ihnen auch das flüchtige Gefühl der bürgerlichen Klassensolidarität nicht mehr zugute kommen: die Entrüstung, daß auch reiche Leute nicht mehr sicher sind. Arme Juden sind weniger bedauernswert. Arme Leute muß es geben, die Welt kann man nicht ändern. Zwischen den ungestillten Bedürfnissen der Ohnmächtigen und den unstillbaren Bedürfnissen der Mächtigen besteht eine prästabilierte Harmonie. Die Unteren dürfen nicht zu glücklich werden, sonst hören sie auf, Objekte zu sein. Die Wut aber, die durch das Elend erzeugt wird, die tiefe, inbrünstige, geheime Wut der an Leib und Seele Abhängigen betätigt sich dort, wo Gelegenheit ist, also gegen das Schwache und Abhängige selbst. Die Arbeiter in Deutschland, die durch die Schule einer revolutionären Denkart gegangen sind, haben den Pogromen mit Ekel zugesehen: wie die Bevölkerung anderer Länder sich verhielte, weiß man nicht genau. Wo die auswandernden Juden ankommen, finden sie, wenn das Interesse wieder abnimmt und der Alltag beginnt, bei allem Wohlwollen aufgeklärter Geister die Kälte der Konkurrenz und den dumpfen, ziellosen Haß der Menge vor, der aus mehr als einem Grund an ihrem Anblick Nahrung findet.
Heute gegen den Faschismus auf die liberalistische Denkart des 19. Jahrhunderts sich berufen heißt, an die Instanz appellieren, durch die er gesiegt hat. Die Parole »freie Bahn dem Tüchtigen« kann der Sieger für sich in Anspruch nehmen. Er hat den nationalen Konkurrenzkampf so gut bestanden, daß er ihn abschaffen kann. Laissez-faire, laissez-aller, könnte er fragen, warum soll ich nicht machen, was ich will? Für keine kleineren Massen bin ich Arbeit- und Brotgeber als irgendein Wirtschaftschampion freien Stils. Ich bin auch in der Chemie voran. Proleten, Kolonialvölker, unzufriedene Elemente beklagen sich. Mein Gott, haben sie das nicht schon immer getan? Die Hoffnung der Juden, die sich an den zweiten Weltkrieg heftet, ist armselig. Wie er auch enden mag, die lückenlose Militarisierung führt die Welt weiter in autoritär-kollektivistische Lebensformen hinein. Die deutsche Kriegswirtschaft im ersten Weltkrieg war eine Vorform moderner Jahrespläne, die Zwangsaushebung im neuzeitlichen Volkskrieg ist ein Hauptstück totalitärer Technik. Den Arbeitskolonnen, die der Rüstungsindustrie, dem Bau von immer neuen Autostraßen, Untergrundbahnen und Gemeinschaftshäusern zugewiesen waren, bringt die Mobilmachung nicht viel Neues, es sei denn das Massengrab. Das unablässige Ausheben des Erdreichs im Frieden war schon der Stellungskrieg. Ob Krieg ist, bleibt heute den Kämpfenden selbst zuweilen verborgen. Die Begriffe heben sich nicht mehr wie im 19. Jahrhundert klar voneinander ab. Die Umsiedlung der Völker in den Unterstand ist Hitlers Triumph, selbst wenn er geschlagen wird. Vielleicht werden dann die Juden im ersten Schrecken nicht mehr bemerkt, auf die Dauer müssen sie mit allen vor dem erzittern, was jetzt über die Erde kommt. Ein großer Teil der Massen, die man gegen die totalitären Staaten führt, fürchtet den Faschismus im Grunde nicht. Konservierung ist sinnvoll so wenig als Kriegs- wie als Friedensziel. Vielleicht werden nach langem Krieg für kurze Zeit in einzelnen Territorien die alten ökonomischen Verhältnisse wiederhergestellt. Dann wiederholte sich die ökonomische Entwicklung: der Faschismus ist nicht durch Zufall entstanden. Seit dem Versagen der Marktwirtschaft sind die Menschen ein für allemal vor die Wahl zwischen Freiheit und faschistischer Diktatur gestellt. Als Agenten der Zirkulation haben die Juden nichts mehr vor sich. Als Menschen können sie erst dann leben, wenn endlich Menschen die Vorgeschichte zum Abschluß bringen.
In der totalitären Ordnung wird der Antisemitismus ein natürliches Ende finden, wenn keine Humanität, aber vielleicht noch ein paar Juden übrig sind. Der Judenhaß gehört der Phase des faschistischen Aufstiegs an. Ein Ventil ist der Antisemitismus in Deutschland höchstens noch für jüngere Jahrgänge der SA. Der Bevölkerung gegenüber wird er als Einschüchterung gebraucht. Man zeigt, daß das System vor nichts zurückschreckt. Die Pogrome visieren politisch eher die Zuschauer. Ob sich etwa einer rührt. Zu holen ist nichts mehr. Die große antisemitische Propaganda wendet sich ans Ausland. Mögen arische Prominente der Wirtschaft und anderer Ressorts sich noch so empört äußern, zumal wenn ihre Länder weit vom Schuß liegen: ihre prospektiv faschistischen Massen nehmen es nicht sehr ernst. Die Grausamkeit, über die man sich entrüstet, weiß man insgeheim zu würdigen. In Kontinenten, von deren Ertrag die Menschheit sich ernähren könnte, fürchtet jeder Bettler, daß der jüdische Einwanderer ihn um seine Nahrung bringt. Heere von Arbeitslosen und Kleinbürgern lieben Hitler auf der ganzen Erde um des Antisemitismus willen, und der Kern der herrschenden Klasse stimmt in solcher Liebe mit ihnen zusammen. Durch das Steigern der Grausamkeit ins Absurde wird das Entsetzen über sie beschwichtigt. Die Straflösigkeit, in der die versuchte göttliche Gewalt den Übeltäter läßt, beweist immer aufs neue, daß sie gar nicht existiert. In der Reproduktion der Unmenschlichkeit bestätigt man sich, daß die alte Humanität und Religion und die ganze liberalistische Ideologie keinen Wert mehr haben. Die Totalität muß noch das schlechte Gewissen abschaffen. Das Mitleid ist wirklich die letzte Sünde. Auch ein unnatürliches Ende ist abzusehen: der Sprung in die Freiheit. Der Liberalismus enthielt die Elemente einer besseren Gesellschaft. Das Gesetz besaß noch eine Allgemeinheit, die auch die Herrschenden betraf. Der Staat war nicht unmittelbar ihr Instrument. Wer sich unabhängig äußerte, war nicht notwendig verloren. Freilich gab es solchen Schutz nur auf einem kleinen Teil der Erde, in den Ländern, denen die ändern ausgeliefert waren. Selbst die brüchige Gerechtigkeit war auf partielle geographische Bezirke beschränkt. Wer jedoch an einer beschränkten menschlichen Ordnung teilhat, darf sich nicht wundern, wenn er gelegentlich selbst unter die Beschränkungen fällt. Einer der größten bürgerlichen Philosophen hat zustimmend festgestellt: »daß einem unschuldigen Mann, der kein Untertan ist, irgendein Übel zugefügt wird, wenn es nur für das Wohl der Allgemeinheit und ohne Verletzung einer vorhergehenden Abmachung geschieht, ist kein Bruch des Naturgesetzes. Denn alle Menschen, die keine Untertanen sind, sind entweder Feinde oder sie haben durch frühere Abmachungen aufgehört, solche zu sein. Feinde aber, welche nach Ansicht des Staats ihm gefährlich sind, darf man nach dem ursprünglichen Naturrecht bekriegen; hierbei trifft das Schwert kein Urteil, noch unterscheidet der Sieger zwischen schuldig und unschuldig im Hinblick auf die Vergangenheit, noch nimmt er irgendeine besondere Rücksicht auf Gnade, es sei denn, daß es im Interesse seiner eigenen Leute geschieht.« [11] Einer, der nicht dazugehört, nicht durch Verträge geschützt ist, hinter dem keine Macht steht, ein Fremder, ein bloßer Mensch, ist restlos preisgegeben. Selbst durch die biedere Sprache der klassischen Ökonomen scheint die Beschränktheit des bürgerlichen Begriffs vom Menschen hindurch. »Unser guter Wille hat keine Grenzen, er kann das unendliche Weltall umfassen. Die Verwaltung des Weltalls freilich, die Sorge um das allgemeine Glück aller vernünftigen und verständigen Wesen, geht Gott und nicht die Menschen an. [ ...] Der den Menschen angewiesene Teil ist bescheidener [ ...] die Sorge um sein eigenes Wohl, das Glück seiner Familie, seiner Freunde, seines Landes; daß er das Höhere im Auge hat, entschuldigt niemals die Vernachlässigung dieses bescheideneren Teils.« [12] Die Sorge um Familie, Land, Nation war in der bürgerlichen Gesellschaft eine Realität, die Achtung der Menschheit eine Ideologie. So lange aber ein einziger Mensch durch die bloße Einrichtung der Gesellschaft elend ist, enthält die Identifikation mit dieser Ordnung im Namen der Menschlichkeit einen Widersinn. Die praktische Anpassung mag für das Individuum unausweichlich sein, die Verschleierung der Gegensätze zwischen dem Begriff des Menschen und der kapitalistischen Wirklichkeit bringt das Denken um jede Wahrheit. Wenn die Juden die Vorgeschichte des totalitären Staats, Monopolkapitalismus und Weimarer Republik, in verständlichem Heimweh verklären, so behalten die Faschisten gegen sie recht. Sie haben stets ein offenes Auge für die Hinfälligkeit jener Zustände gehabt. Die Milde gegenüber den Schäden der bürgerlichen Demokratie, das Liebäugeln mit den Mächten der Reaktion, soweit sie nur nicht zu offen antisemitisch war, das sich Einrichten im Bestehenden ist schon damals die Schuld der heutigen Refugies gewesen. Das deutsche Volk, das den Führerglauben krampfhaft zur Schau stellt, hat ihn heute schon besser durchschaut als jene, die Hitler einen Irren nennen und Bismarck einen Genius. Von dem Bündnis zwischen Großmächten ist nichts zu hoffen. Auf den Zusammenbruch der totalitären Wirtschaft ist kein Verlaß. Der Faschismus fixiert die sozialen Resultate des kapitalistischen Zusammenbruchs. Vollends naiv ist es, von draußen her den deutschen Arbeitern zum Umsturz gut zuzureden. Wer Politik nur spielen kann, sollte sich von ihr fernhalten. Die Verwirrung ist so allgemein geworden, daß der Wahr-heit um so größere praktische Würde zukommt, je weniger sie auf die vermeintliche Praxis hinschielt. Es bedarf der theoretischen Einsicht und ihrer Übermittlung an solche, die schließlich einmal vorangehen können. Der Optimismus des politischen Aufrufs entspringt heute der Mutlosigkeit. Daß die fortschrittlichen Kräfte erlegen sind und der Faschismus endlos dauern kann, verschlägt den Intellektuellen den Gedanken. Sie meinen, daß alles, was funktioniert, auch gut sein müsse, und beweisen deshalb, daß der Faschismus nicht funktionieren könne. Aber es gibt Perioden, in denen das Bestehende in seiner Kraft und Tüchtigkeit das Schlechte geworden ist. Die Juden sind einmal stolz gewesen auf den abstrakten Monotheismus, die Ablehnung des Bilderglaubens, die Weigerung, ein Endliches zum Unendlichen zu machen. Ihre Not heute verweist sie darauf zurück. Die Respektlosigkeit vor einem Seienden, das sich zum Gott aufspreizt, ist die Religion derer, die im Europa der Eisernen Ferse nicht davon lassen, ihr Leben an die Vorbereitung des besseren zu wenden.
[1] Frankfurier Zeitung, 2. Februar und 9. März 1939.
[2] Mandevilles Bienenfabel, hrsg. v. Otto Bobertag, Georg Müller, München 1914. Eine Abhandlung über Barmherzigkeil, Armenpflege und Armenschule, S. 283 f.
[3] Jb., S. 286 f.
[4] De Sade. Histoire de Justine, t. IV, en Hollande 1797, S. 275/78.
[5] de Bonald, Pensées sur divers sujets et discours politiques. CEuvres, tome VI.Paris 1817, S. 147.
[6] Kant, Die Metaphysik der Sitten, erster Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, zweiter Theil, erster Abschnitt. Akademieausgabe, Bd. VI, S. 318 f.
[7] A. a. O., Anhang, S. 371.
[8] Vgl. für Italien u.a. Perroux, »Economie corporative et Systeme capitaliste«, In: Revue d’Economie politique, Sept./Oct. 1933; für Deutschland u.a.Frankfurter Zeitung, 21. Juli 1936 und 26. Februar 1937.
[9] Whaley-Eaton Foreign Service, Letter 1046, May 2, 1939.
[10] D. Mornet, Les origines intellectuelles de la Revolution Française, Paris 1912, S. 2.
[11] The English works of Thomas Hobbes. Vol. III. John Bonn. London 1839; the second part of Commonwealth, Kapitel 28, S. 305. Vgl. The Latin works of Thomas Hobbes, a.a.O., S. 228.
[12] Adam Smith, The Theory of Moral Sentiments, vol. II. Basel 1793, S. 79/83.