Antifaschistische Aktion Freiburg
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Überblick

In dieser Rubrik veröffentlichen wir Texte, die wir für diskutierens- und lesenswert halten.

Antifaschistische Aktion Freiburg - Broschüre: Nazis den Saft abdrehen! 1 2 3 4 5 6
Antifaschistische Aktion Freiburg - Die Nazis und der 1. Mai
Antifaschistische Aktion Freiburg - Redebeitrag auf der Love or Hate Parade 2007
Antifa Freiburg - The Nazis never really went away
Antifa Freiburg - Keine Zentren für Nazis!
Theodor W. Adorno - Erziehung nach Auschwitz
Bündnis 31. Januar 1943 - Stalingrad - Anfang vom Ende der Barbarei
Paul Celan - Die Todesfuge
Georgi Dimitroff - Der Klassencharakter des Faschismus
Wiglaf Droste - Mit Nazis reden?
Max Horkheimer - Die Juden und Europa
Karl Marx, Friedrich Engels - Manifest der Kommunistischen Partei
Kurt Pätzold - Judenmord — warum?
Moishe Postone - Antisemitismus und Nationalsozialismus
Rüdiger Scholz - Die Misere der Freiburger Universität
August Thalheimer - Über den Faschismus
Kurt Tucholsky - Rosen auf den Weg gestreut
Nancy Wagenknecht - Queering Erinnerungspolitik

Diverse - Der Schwur von Buchenwald
Diverse - Coole Kids tragen kein Palituch

18. Oktober 2008 - DruckansichtURL - Top

Broschüre AASBH I: Vorwort

Über 150 Menschen sind seit 1990 in Deutschland von Neonazis ermordet worden. Nicht selten mitten in der Gesellschaft, aber von dieser weitgehend unbeachtet, organisieren sich Nazis und verbreiten ihr menschenverachtendes Gedankengut. In der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg sieht das nicht anders aus, im Gegenteil. Hier wohnt zum Beispiel Jürgen Schützinger, der aktuelle Vorsitzende der baden-württembergischen NPD. Seit 1980 sitzt dieser im Gemeinderat von Villingen-Schwenningen. Für 2009 hat die NPD angekündigt, den Schwerpunkt im Kommunalwahlkampf unter anderem auf diesen Landkreis zu legen.
Dem stillen und offenen Auftreten von Nazis entgegenzutreten, hat sich das Antifaschistische Aktionsbündnis Schwarzwald-Baar-Heuberg (AASBH) zum Ziel gesetzt. Den Auftakt für dieses Bündnis bildet die Kampagne „Gemeinsam gegen Rechts“, die vom Oktober 2008 bis zur Kommunalwahl 2009 andauern wird. Mit Vorträgen, Konzerten, Ausstellungen, Infoständen und weiteren Veranstaltungen wird über Nazis aufgeklärt und verdeutlicht, dass die Gefahr, die von Nazis ausgeht, nicht verschwiegen werden darf. Die Kampagne richtet sich an viele verschiedene Menschen und ruft dazu auf, sich gegen Nazis zu engagieren – für eine solidarische Welt.

Aktuelle Informationen auf: gemeinsam-gegen-rechts

Aktuell gehören dem Antifaschistischen Aktionsbündnis Schwarzwald-Baar-Heuberg an:

Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) Region Schwarzwald-Baar-Heuberg, Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Schwarzwald-Baar-Kreis, IG Metall Verwaltungsstelle Villingen-Schwenningen, IG Metall Verwaltungsstelle Albstadt, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Schwarzwald-Baar-Kreis, MC Linkskurve, DIDF, AWO Tuttlingen und Schwarzwald-Baar-Kreis, Jugend- und Kulturzentrum Spektrum, Antifaschistische Aktion Freiburg, Antifa Konstanz, VVN-BdA Freiburg … sowie viele Einzelpersonen aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg.

Diese Broschüre wurde für das Aktionsbündnis von der Antifaschistischen Aktion Freiburg erstellt.

17. Oktober 2008 - DruckansichtURL - Top

Broschüre AASBH II: Gemeinsam gegen Rechts

Gemeinsam gegen Rechts – Nazis den Saft abdrehen!

Eine Kampagne des Antifaschistischen Aktionsbündnisses Schwarzwald-Baar-Heuberg

Situation vor Ort

„In deutscher Verbundenheit“ grüßt Jürgen Schützinger von seiner persönlichen Homepage. Der in Villingen wohnhafte NPD-Landesvorsitzende ist seit 1980 in lokalen und regionalen Gremien vertreten. Schützinger ist ein rechter Multifunktionär: Er war von 1978-1991 Landesvorsitzender der faschistischen NPD und hat dieses Amt seit 2005 erneut inne. Er ist Bundessprecher der „Deutschen Liga für Volk und Heimat“ (DLVH), einer extrem rechten Gruppierung, für die er auch im Kreistag und Gemeinderat sitzt. Er ist aktiv in der „Gesellschaft für freie Publizistik“, einer rechten ‚Kulturvereinigung’ von HolocaustleugnerInnen. 1987 wurde Schützinger wegen seiner extrem rechten Gesinnung und Aktivitäten aus dem Polizeidienst entlassen.

Schützinger ist ein Führungskader der baden-württembergischen und bundesweiten Rechten; was den Schwarzwald-Baar-Kreis jedoch zu einer rechten Hochburg macht, sind die über viele Jahre stabilisierten Strukturen, auf deren Grundlage der relative Erfolg der extremen Rechten beruht. So unterhält die NPD sechs monatlich stattfindende „patriotische Stammtische“ im Schwarzwald-Baar-Kreis - deutlich mehr als in jedem anderen Landkreis in Baden-Württemberg. Öffentlich luden Jürgen und Liselotte Schützinger, beide Stadträte für die DLVH, zur Gesprächsrunde in die Schwenninger Kneipe „Zu den zwei Löwen“ ein – während VertreterInnen faschistischer Parteien andernorts Schwierigkeiten haben, Räume und öffentliche Plätze für ihre Propaganda zu finden, scheint dies in Villingen-Schwenningen problemlos möglich zu sein. Ein beredtes Beispiel für die lokalen politischen Verhältnisse war die Leichtigkeit, mit der der NPD-Landesparteitag am 19.11.2006, nachdem er an zwei Orten in Baden-Württemberg durch antifaschistische Interventionen verhindert werden konnte, in den Villinger Gasthof „Zur Bertholdshöhe“ verlegt werden konnte. Die ca. 80 Neonazis, die als Delegierte anwesend waren, konnten störungsfrei die nationalistische und rassistische Politik der NPD planen.

Im Jahr 2009 finden Kommunalwahlen in Baden-Württemberg statt. Auf ihrem Landesparteitag im Jahr 2008, der am 18. Mai in Tuttlingen stattgefunden hat, legte die NPD die örtlichen Schwerpunkte ihrer faschistischen Propaganda fest. Neben Stuttgart, Böblingen, Sindelfingen, Mannheim und Karlsruhe soll auch die Region um Villingen-Schwenningen Ziel der Wahlkampagne werden. Die NPD kündigt monatlich stattfindende öffentliche Kundgebungen und andere Wahlkampfaktivitäten an.

Die NPD findet in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg ein politisches und kulturelles Klima vor, das ihr in die Karten spielt. Öffentlich wahrnehmbaren Protest gegen die Aktivitäten extrem rechter Gruppen hat es vor Ort bislang kaum gegeben. Die weitgehend ungestörten Entfaltungsmöglichkeiten rechter Parteien und Vereine bereiten anderen Formen des Neofaschismus den Boden: So wurden im Schwarzwald-Baar-Kreis in der Vergangenheit immer wieder Schmierereien von Hakenkreuzen und anderen eindeutig rechten Symbolen beobachtet. Es tauchten Plakate an Stromkästen auf, auf denen der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gewürdigt wurde.

Es wird wenig gegen das gesellschaftliche Klima unternommen, das es gestattet, dass Rechtsextreme öffentliche Ämter bekleiden und dass faschistischer Propaganda Raum geboten wird. Der Realität zum Trotz wird auf die Strategien der Verharmlosung und Verdrängung gesetzt: So wurde ein Polizeisprecher am 24. August 2007 im Schwarzwälder Boten mit den Worten zitiert, das Auftauchen der Heß-Plakate ließe „auf gar keinen Fall“ auf eine „fremdenfeindliche Szene“ schließen. Vielmehr zeigte jener Sprecher sich bemüht, zu versichern, dass es eine lokale Naziszene überhaupt nicht gebe – wider besseres Wissen, so muss angesichts der rechten Strukturen in der Region vermutet werden.

Durch das Verschweigen des Offensichtlichen wird die Lage aber nicht besser: Es sind vor allem die rechten Kräften, die profitieren, wenn sie ohne viel Kritik und Widerstand ihre Strukturen festigen und ihre Propaganda verbreiten können. Das mögliche Ende solcher Entwicklungen kann man in Gegenden betrachten, in denen die rechte Hegemonie in offener Gewalt gegen MigrantInnen, Homosexuelle, Linke und Menschen jüdischen Glaubens ihren direktesten Ausdruck findet.

Neonazis sind für über 150 Morde in Deutschland seit 1990 verantwortlich.

Hegemonie von rechts

Die NPD ist zwar nur eine unter vielen Fraktionen und Parteien des zersplitterten Spektrums der extremen und faschistischen Rechten. Gerade in Baden-Württemberg waren die „Republikaner“ lange Jahre eine maßgebliche Kraft und konnten zweimal in den Stuttgarter Landtag einziehen. Doch mittlerweile muss die 1964 von Alt-Nazis gegründete NPD als die wichtigste Kraft des organisierten Neofaschismus in der BRD betrachtet werden. Sie ist in zwei Landtagen vertreten, kokettiert mit ihrer Affinität zum Nationalsozialismus, kooperiert mit anderen rechten Parteien und bindet die militanten, gewalttätigen Nazis der sog. „Freien Kameradschaften“ ein. Sie agiert also auf mehreren Ebenen und mit verschiedenen Zielen – dahinter steckt ein taktisches Kalkül, das umso mehr verfängt, desto mehr es beschwiegen wird. Denn neben dem Bemühen, durch den Einzug in Landesparlamente an staatliche Gelder, mediale Öffentlichkeit und ein seriöses Image zu gelangen, betreibt die NPD auch gezielt den Aufbau einer kulturellen Hegemonie von rechts: v.a. in ländlichen Gegenden, in denen es kaum alternative oder linke Strukturen und kulturelle Angebote gibt, versuchen Neonazis, v.a. (aber nicht nur) Jugendliche zu rekrutieren und eine Gewöhnung an ihr Auftreten im Alltag herzustellen. Rechte Subkulturen und damit verbundene rassistische, nationalistische, homophobe und sexistische Einstellungen sollen zum jugendlichen Mainstream aufsteigen – der vermeintliche Tabubruch, der darin besteht, sich zu einer rechten Gesinnung zu bekennen, soll, so das strategische Ziel rechter IdeologInnen, verführerisch wirken und antifaschistische, emanzipatorische oder schlicht non-konforme Positionen bedrohen und verdrängen.

Zur konkreten Gefahr werden solche Szenarien für die, die in das faschistische Weltbild nicht passen: MigrantInnen, Homosexuelle, Linke, Jüdinnen und Juden, Obdachlose. Ihnen werden individuelle Entfaltungsmöglichkeiten geraubt, ihre Lebensentwürfe werden marginalisiert, und schließlich sind sie mit der Gefahr faschistischer Gewalt konfrontiert. Die Etablierung dieser Zonen der Angst ist ein dezidiertes Ziel rechter StrategInnen, die auf diese Weise auch nicht-organisierte Personen einbeziehen, die zwar an Parteiarbeit kein Interesse haben, aber doch rechte Einstellungen und Meinungen vertreten. Insofern ist die Anzahl organisierter Rechter in einer Gegend auch bei Weitem nicht identisch mit dem realen Gewaltpotential, dem sich alle gegenüber sehen, die nicht in die „Zigarettenschachtelwelt“ (Wiglaf Droste) der Neonazis passen.

Ein bisschen Deutschland…

Die Anhänger neonazistischer Parteien und Kameradschaften, deren Aufmärsche an beinahe jedem Wochenende irgendwo in Deutschland stattfinden, vereinen all das, was aus antifaschistischer Sicht bekämpfenswert ist. Vom Himmel gefallen sind sie indes nicht. Die Wahlerfolge der NPD und das Anwachsen einer rechten Jugendkultur wären nicht erklärbar, hätten sie keine Anknüpfungspunkte an gesellschaftliche Diskurse. Dass eine stabile Mehrheit der Deutschen die Ansicht vertritt, es gebe „zu viele Ausländer“ in Deutschland, spricht ebenso Bände, wie die von vielen geteilte Überzeugung, dass „Juden versuchen, Vorteile aus der Vergangenheit zu ziehen“ (Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, 2006) und Israel „die größte Bedrohung für den Weltfrieden“ darstellt (EU-Meinungsumfrage, 2003). Die Neonazis, die in den 1990ern Flüchtlingsheime abfackelten und dabei zahlreiche Menschen ermordeten, verletzten und traumatisierten, wähnten sich nur als Vollstrecker des „Volkswillens“ – und fühlten sich durch die faktische Abschaffung des Asylrechts 1993 belohnt.

Aktuell lässt sich an kaum einem anderen Beispiel die Anschlussfähigkeit extrem rechter Ideologien an gesellschaftliche Diskurse so gut zeigen, wie am Nationalismus. Dieser ist mittlerweile salonfähig geworden; die Aussage „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!“ galt vor nicht allzu langer Zeit – zu Recht – als eindeutiger Beleg einer stramm nationalistischen Gesinnung. Seit Deutschland wieder eine „normale Nation“ ist, die normale Angriffskriege führt oder, wenn es ins Kalkül passt, sich diesen auch mal selbstbewusst verweigert, ist die Identifikation mit dem „eigenen Land“ einfacher geworden – deutschen PolitikerInnen ging gar die Dreistigkeit über die Lippen, gerade Deutschland als moralisch überlegene „Friedensmacht“ zu verkaufen.

Flankiert wird diese Entwicklung durch eine anhaltende Umdeutung der Deutschen von Täter-
Innen zu Opfern: Doku-Soaps über das Leid der „Vertriebenen“ (deren große Mehrzahl Parteigänger Hitlers gewesen waren und frenetisch die deutschen Besatzungstruppen begrüßt hatten) füllen das Abendprogramm und erreichen beste Einschaltquoten; Wehrmacht- und SS-Veteranen dürfen bei Guido Knopp unwidersprochen ihre Version der Geschichte zum Besten geben. Dass der zweite Weltkrieg allein von Deutschland ausging und die nun beklagten „eigenen Opfer“ nichts als die logische Folge der eigenen Kriegspolitik waren, rückt in den Hintergrund. Das von allen Seiten als friedliches Großereignis gefeierte Mega-Event „WM im eigenen Land“ ließ schließlich die letzte Rücksicht fallen. Seither gilt es selbst in Kreisen, die dem Nationalismus bislang fern standen, als unverkrampft, die Farben der deutschen Nation mit sich herum zu tragen. In eine ähnliche Kerbe schlägt die Kampagne „Du bist Deutschland“, die Deutschland als eine Art Wohlfühl-Paradies präsentiert, in dem es keine Diskriminierung und keinen Rassismus, sondern nur lauter glückliche Kinder gebe.

Aus antifaschistischer Perspektive ist es angesichts dieser „Normalisierung des Nationalismus“ umso wichtiger, darauf hinzuweisen, dass es nach wie vor keinen Grund gibt, stolz zu sein auf das „eigene Land“ – zumal nicht auf Deutschland. Der Nationalismus war stets eine irrationale und aggressive Ideologie der Spaltung, des Krieges und des drohenden Pogroms.

Der Deutschland-Hype ist eine Zumutung für die Vorstellung einer solidarischen Gesellschaft. Für Neonazis ist er eine unverhoffte Steilvorlage; sie waren schließlich schon immer der Ansicht, dass man auf Deutschland stolz sein müsse. Die „neue Unverkrampftheit“ macht es ihnen nicht schwerer, sondern leichter, an gesellschaftliche Diskurse anzudocken und ihre Propaganda zu verbreiten. Gegenüber jenen, die auf den „neuen Nationalismus“ aufspringen, können sie darauf verweisen, in diesem Fall das „Original“ zu sein.

Wir kommen um zu bleiben

FaschistInnen müssen bekämpft werden, solange eine rechte Hegemonie noch nicht gefestigt ist und rechte Gewalt noch nicht den Alltag bestimmt. In der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg wird es höchste Zeit, den neonazistischen Umtrieben Widerstand entgegen zu stellen und antifaschistische Strukturen aufzubauen. Aus diesem Grund wollen wir mit einer antifaschistischen Kampagne intervenieren, solange noch nicht solche Zustände bestehen, wie sie im schlimmsten Fall drohen.

Kurzfristig muss es darum gehen, gegen den angekündigten Wahlkampf der NPD ein kraftvolles antifaschistisches Zeichen zu setzen, gegen die Etablierung rechter Kader in politischen Ämtern vorzugehen und die Stärke rechter Strömungen öffentlich zu thematisieren. Mittel- und langfristig geht es um den Aufbau lokaler antifaschistischer Strukturen, die wirksam gegen die rechten Parteien und Gruppen vorgehen und ihren Einfluss zurückdrängen. Antifaschistische Interventionen sind in Villingen-Schwenningen und Umgebung gerade deshalb notwendig, weil rechtsextreme Kreise hier eine relativ weitgehende Stabilisierung erreicht und dementsprechend einen Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf diese Gegend gelegt haben. Umso größer wäre aus antifaschistischer Sicht der Nutzen, könnte ihnen diese Hochburg genommen werden.

Die Kampagne soll explizit keine Eintagsfliege sein, sondern die Basis legen für kontinuierlichen Widerstand gegen die extreme Rechte. Gemeinsam wollen wir am Aufbau und der Stärkung antifaschistischer Initiativen in der Region arbeiten.

Kein Fußbreit dem Faschismus!

16. Oktober 2008 - DruckansichtURL - Top

Broschüre AASBH III: Wie Nazis ticken

Einen Nazi erkennt man nicht unbedingt daran, wie er/sie aussieht. Rechte Positionen setzen sich aus ideologischen Fragmenten zusammen, die nicht selten auch im gesellschaftlichen Mainstream zu finden sind. Kommen jedoch mehrere oder gar alle dieser Fragmente zusammen, kann man von einem extrem rechten Weltbild sprechen. Dieses beinhaltet Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus und Homophobie, auf die im Folgenden eingegangen wird. Alle diese Ideologien waren auch zentrale Merkmale der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“, des Wahnsystems, das die Nazis während ihrer faschistischen Diktatur errichten wollten.

Rassismus

Rassismus ist eine Ideologie, die davon ausgeht, dass es verschiedene „Menschenrassen“ gebe. Menschen werden nicht als Individuen betrachtet, die aufgrund ihrer Sozialisation, ihrer Erfahrungen usw. zu dem werden, was sie sind, sondern nur als „Exemplare“ einer „Rasse“. Die „Rassenzugehörigkeit“ soll bestimmte Eigenschaften mit sich bringen. Als Erkennungsmerkmale von „Rassen“ werden oberflächliche Dinge wie Hautfarbe, Haarfarbe usw. herangezogen, die über den Charakter eines Menschen nichts aussagen. Mit der Einteilung in verschiedene „Menschenrassen“ geht auch eine Wertung einher - obwohl RassistInnen dies seit einiger Zeit nicht mehr so offen zugeben. Als Begründer der „Rassenlehre“ gilt der französische Schriftsteller Arthur de Gobineau, der eine Überlegenheit der „arischen Rasse“ postulierte. RassistInnen argumentieren entweder biologisch - Menschen seien aufgrund ihrer Natur ungleichwertig - oder kulturell - jeder „Rasse“ entspreche eine Kultur, die vor anderen Kulturen geschützt werden müsse. Rassismus kann sich als Fremdenfeindlichkeit oder als Wohlstandschauvinismus ausdrücken. Gemeinsam ist allen Formen von Rassismus aber, dass sie ein gleichberechtigtes, solidarisches und friedliches Zusammenleben verhindern und Menschen die Freiheit absprechen, sich als Individuen zu definieren und weiterzuentwickeln.

Antisemitismus

Der Begriff „Antisemitismus“ wurde 1879 von dem Berliner Journalisten Wilhelm Marr geprägt und sollte der mittelalterlichen, über Jahrhunderte hinweg religiös begründeten Judenfeindschaft („Antijudaismus“) einen wissenschaftlichen Anstrich geben. Neu war am „modernen Antisemitismus“, dass er die „Judenfrage“ zu dem entscheidenden, schicksalhaften politischen Thema überhaupt stilisierte – dies kommt in dem Zitat des Antisemiten Heinrich von Treitschke zum Ausdruck: "Die Juden sind unser Unglück" (1879). Der deutsche Philosoph Eugen Düring verschärfte den Antisemitismus noch einmal, indem er von einer parasitären „jüdischen Rasse“ schrieb, deren destruktive „rassischen“ Eigenarten ein für allemal feststünden – damit blieben als „Lösung“ im Grunde nur Vertreibung und Vernichtung. Mit Beginn der Nazi-Herrschaft 1933 waren wesentliche Elemente der antisemitischen Ideologie bereits formuliert und antisemitische Ressentiments weit verbreitet. Dies war allerdings nicht nur in Deutschland, sondern in vielen europäischen Ländern so. Einzigartig war die ideologische Konsequenz, mit der die Nazis das umsetzten, was Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ angekündigt hatte: Sie betrachteten die jüdische Bevölkerung als „Untermenschen“, als „Gegenprinzip“ zum Deutschtum. Die Nazis verallgemeinerten das antisemitische Ressentiment vom „raffgierigen Geldjuden“ zum jüdischen „raffenden Kapital“, welches das deutsche „schaffende Kapital“ parasitär aussauge. Dieses „raffende Kapital“, das für Unheil auf der ganzen Welt verantwortlich gemacht wurde, müsse, so die Naziideologie, vollständig ausgerottet werden. Die Nazis machten das Judentum sogar nicht nur für die negativen Folgen des Kapitalismus verantwortlich, sondern für die Moderne überhaupt, also auch für den Sozialismus. Der Nazijargon schwadronierte von einer „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“, deren Opfer die deutschen Arbeiter und Bauern seien. Wie zentral der Antisemitismus für die Nazis war zeigt sich darin, dass das historisch einmalige Verbrechen, die Shoa, also der industriell betriebene Massenmord an ca. 6 Millionen Jüdinnen und Juden, gegen jede ökonomische oder militärische Logik unnachgiebig umgesetzt wurde – als Selbstzweck. Auch nach Auschwitz ist der Antisemitismus nicht einfach verschwunden, sondern facettenreicher geworden: Er artikuliert sich in der Relativierung oder Leugnung der Shoa, im Hass auf Israel, in Verschwörungstheorien. Eine verkürzte Kritik des Kapitalismus, die „gutes schaffendes“ von „bösem raffendem“ Kapital unterscheidet, wird leider nicht nur von faschistischen Bewegungen formuliert – antisemitisch ist sie aber immer. Für Neonazis ist der Antisemitismus, der aus strategischen und rechtlichen Gründen nicht mehr so offen geäußert wird wie vor 1945, ein nicht weg zu denkender Bestandteil ihrer Ideologie. Er zeigt sich in versteckten Anspielungen, etwa auf die „Ostküste“ (damit ist die angeblich jüdisch dominierte Wirtschaftsmacht der USA gemeint), in der völkischen „Kapitalismuskritik“, die sich eindeutig am historischen Vorbild des Nationalsozialismus orientiert, und natürlich in der Leugnung der Shoa. Der Antisemitismus, egal in welcher Form er heutzutage geäußert wird - ob verschwörungstheoretisch, pseudo-wissenschaftlich oder „kapitalismuskritisch“ - ist eine reine Ideologie. Er sagt nichts über Jüdinnen und Juden aus, wohl aber über die Bedürfnisse der AntisemitInnen.

Nationalismus

Das Weltbild der extremen Rechten kreist um die Ideologie des Nationalismus. Sein Kern ist die Vorstellung, die „eigene“ Nation sei anderen überlegen und die Angehörigen einer Nation seien verpflichtet, sich mit dieser zu identifizieren und sie zu verteidigen. Die Nationalsozialisten verabsolutierten diese Idee und bildeten ihr Wahnsystem auf der Basis eines aggressiven, expansionistischen Nationalismus. Sie degradierten andere Nationen zu „Hilfsvölkern“ und dezimierten deren Bevölkerung. Die Nation überhöhten sie zur alles entscheidenden, überhistorischen Größe - der nationalistischen Ideologie gilt es als „natürlich“, dass wir in einer Welt leben, die in Nationalstaaten aufgeteilt und von Staatsgrenzen durchzogen ist, als wären Nationen nicht erst in der Neuzeit entstanden und politisch geformt worden. Nationen sind immer Zwangsapparate, denen man in der Regel nicht aus Überzeugung beitritt, sondern in die man durch Zufall hineingeboren wird - weshalb es auch völlig irrational ist, auf eine Nation stolz zu sein. Die Nation wurde in Deutschland zudem in Abgrenzung von den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution stets als Blutskollektiv verstanden, in das man nicht aufgenommen werden kann, sondern dem man qua Abstammung zugehört - oder eben nicht. Der deutsche Nationalismus hat keine emanzipatorische Tradition, sondern eine rückwärts gewandte, völkische. Diese völkische Interpretation hinterlässt heute noch ihre Spuren im deutschen Staatsangehörigkeitsrecht: Während fast alle europäischen Staaten die zu ihren BürgerInnen machen, die in ihren Grenzen geboren wurden, zählt in Deutschland nach wie vor die Abstammung - nach dem Motto „deutsch ist, wer deutsches Blut hat“. Der Nationalismus hat auch konkrete politische Funktionen: Er kann dafür sorgen, dass Menschen ihre eigenen Bedürfnisse „zum Wohle der Nation“ aufgeben und sich mit weniger Lohn, sozialer Sicherheit und individueller Freiheit zufrieden geben. Er kann dazu dienen, Menschen aufzuhetzen und für Kriege zu mobilisieren, wie die europäische und gerade die deutsche Geschichte zeigen. Er ist ein Mittel, um innenpolitische Differenzen zu verdrängen, etwa durch eine aggressive Außenpolitik, welche die Bevölkerung zu einer „nationalen Einheit“ zusammenschweißen soll. Der Nationalismus ist eine aggressive Ideologie, die für Ausgrenzung und Spaltung steht.

Homophobie

Der Begriff „Homophobie“ bezeichnet die Feindschaft gegenüber Homosexuellen. Homophobie betrifft aber nicht nur schwule oder lesbische Menschen, da sie auch auf einem traditionellen Geschlechterbild beruht und dieses immer wieder bestärkt. Wer schwul ist, gilt in einem homophoben Verständnis nicht als „richtiger Mann“. Umgekehrt bedeutet das auch, dass man, um als Mann oder Frau sozial anerkannt zu sein, nicht schwul oder lesbisch sein darf. Männer und Frauen werden so über ihre Sexualität definiert und als gegensätzlich gedacht. Dieses Verständnis von Geschlecht ist aber keineswegs „natürlich“, sondern erst seit der Neuzeit entstanden. Transsexuelle, intersexuelle, schwule, lesbische, bisexuelle Menschen – alle, die nicht in dieses rückschrittliche Geschlechterbild passen, gelten als „unnormal“. Dieses Denken schränkt die vielfältigen Möglichkeiten, sich selbst zu definieren und die eigene Sexualität zu leben, immens ein. Homophobie ist beileibe nicht auf Neonazis beschränkt, doch sie ist ein Bestandteil ihres Weltbildes und hat eine lange Tradition in der extremen Rechten. Während des Nationalsozialismus waren Homosexuelle politischer Verfolgung ausgesetzt. Tausende wurden wegen des Vorwurfs der „entarteten Lebensweise“ in Gefängnisse oder Konzentrationslager gesperrt. Dort wurden sie mit einem rosafarbenen Winkel belegt, so dass sie für Wärter (und auch andere Häftlinge) als homosexuell zu erkennen waren, was zusätzliche Anfeindungen und Übergriffe zur Folge hatte. Rund die Hälfte der Verhafteten wurde in den Lagern ermordet. Auch heute ist es für Neonazis eine Selbstverständlichkeit, dass Homosexualität „widernatürlich“ und „krank“ sei, daher sind vor allem Schwule häufig von gewalttätigen Übergriffen betroffen. Nazis, die der nationalsozialistischen Wahnidee der „Volksgemeinschaft“ anhängen, betrachten Homosexuelle als „Schädlinge“, die die Moral des Kollektivs zersetzen und für den „politischen Kampf“ nicht zu gebrauchen sind. Die sehr wenigen Nazis, die sich selbst als schwul geoutet haben, geben übrigens sogar zu, dass sie in ihrer eigenen „Kameradschaft“ gefährlich leben. Auch außerhalb der Naziszene ist es leider weit verbreitet, Menschen zu diskriminieren, die zu ihren Vorlieben stehen. So finden sich u.a. in zahlreichen Reggae-Songs oder bei Hip Hop-Acts offene Aufrufe zu Gewalt gegen Schwule. Das Wort „schwul“ wird oft als Beleidigung verwendet. Dabei muss es jedem Menschen selbst überlassen sein, in wen er oder sie sich verliebt oder wen er oder sie attraktiv findet – alles andere ist rechtes Denken, auch wenn nicht alle, die so denken, sich selbst als rechts bezeichnen würden.

15. Oktober 2008 - DruckansichtURL - Top

Broschüre AASBH IV: To know them better...

Nazi ist nicht gleich Nazi. Um effektiv gegen rechte Organisationen vorzugehen, muss man diese erst einmal kennen. Denn die Rechten organisieren sich in verschiedenen Strukturen, die sich inhaltlich und formal unterscheiden.

NPD

Die NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) wurde 1964 gegründet. Sie war das Auffangbecken verschiedener faschistischer Parteien. Ehemalige Mitglieder der verbotenen Parteien NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) und SRP traten in die NPD ein, so dass man die NPD als NSDAP-Nachfolgepartei bezeichnen kann. In den ersten Jahren ihres Bestehens konnte die NPD einige Erfolge verbuchen: 1966 bis 1968 gelang es ihr, in sieben Landtage einzuziehen, in Baden-Württemberg erhielt sie 1968 gar 9,8% der Stimmen. Bei den folgenden Bundestagswahlen verpasste sie mit 4,3% der Stimmen nur knapp den Einzug in den Bundestag. Zu dieser Zeit hatte die NPD ca. 28.000 Mitglieder. In den 1970er und 1980er Jahren verlor die Partei an Bedeutung. Andere Formen des Neofaschismus, etwa die militante Strategie der ANS/NA (Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten) um Michael Kühnen, gewannen vor allem unter jugendlichen Rechtsextremen an Attraktivität. Die NPD erhielt ein behäbiges ‚Alt-Herren’-Image, ihre Mitgliederzahl sank auf unter 3.000. Einen Umschwung markierten die frühen 1990er Jahre, in denen die NPD unter dem Vorsitz des Heidelbergers Günter Deckert eine strategische Neupositionierung vornahm: Nach dem Verbot zahlreicher militanter faschistischer Gruppierungen öffnete sich die NPD für deren Mitglieder. Auch sucht die Partei seitdem eine enge Bindung an die militanten „Freien Kameradschaften“. Seit diesem Strategiewechsel steigt nicht nur die Mitgliederzahl der NPD an - momentan hat sie etwa 7.200 Mitglieder und ist damit die mitgliederstärkste Kraft am rechten Rand -, sie hat sich seither auch enorm radikalisiert. Zugleich gelang es der NPD erneut, Erfolge bei Landtagswahlen zu erzielen. Aktuell sitzen Abgeordnete der nazistischen Partei in den Landtagen von Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Auch hat sie zahlreiche kommunale Mandate inne. Maßgeblich verantwortlich für den anhaltenden Radikalisierungskurs der NPD ist ihr derzeitiger Bundesvorsitzender Udo Voigt. Auf dem Bundesparteitag 1996 beschloss die NPD ein so genanntes „Drei-Säulen-Konzept“ als politische Strategie. Nach diesem sieht die faschistische Partei neben dem „Kampf um die Parlamente“, also der Beteiligung an Wahlen, im „Kampf um die Straße“ und im „Kampf um die Köpfe“ ihre zentralen Tätigkeitsfelder. Konkret bedeutet dies, dass die NPD durch Aufmärsche Präsenz und Stärke vermitteln will, um für potentielle AnhängerInnen attraktiv zu wirken, politische GegnerInnen einzuschüchtern und eine Gewöhnung an faschistisches Gedankengut im Alltag zu erreichen. Seit dem Jahr 2004 wurde dieses Konzept um einen 4. Aspekt erweitert, dem „Kampf um den organisierten Willen“. Dahinter verbirgt sich das Ziel, die lang anhaltende Zersplitterung der rechten Szene in Kleinstgruppen durch eine „Volksfront von Rechts“ zu überwinden, also die extreme Rechte unter dem Dach der NPD zu vereinigen. Schritte in diese Richtung sind Wahlabsprachen mit anderen Parteien und die Kooperation mit den „Freien Kameradschaften“. Landesvorsitzender der NPD Baden-Württemberg ist Jürgen Schützinger aus Villingen-Schwenningen.

JN

Die JN (Junge Nationaldemokraten) sind die Jugendorganisation der NPD (1969 gegründet). Aktueller Bundesvorsitzender ist Michael Schäfer, Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, wo die JN nach eigenen Angaben 10 Stützpunkte unterhält, ist Lars Gold. Das Programm der JN ist, angelehnt an das der NPD, extrem rassistisch, antidemokratisch, antisemitisch und antiamerikanisch. Die JN treten jedoch ungleich aggressiver als die Mutterpartei auf. Die Verbindungen zur militanten Neonaziszene sind bei den JN noch offensichtlicher als bei der NPD. Bundesweit haben sie momentan etwa 350 Mitglieder, von denen viele wegen Gewaltdelikten vorbestraft sind.

Freie Kameradschaften

Als „Freie Kameradschaften“ bezeichnen sich faschistische Gruppen, die sich keine gesetzlich definierte Organisationsform wie Parteien oder Vereine geben. Untereinander sind sie stark vernetzt. In der BRD gibt es etwa 150 regional und überregional agierende „Kameradschaften“ mit einer ungefähren Mitgliederzahl von je fünf bis dreißig Personen. Diese Vernetzungen bringen zuweilen „Aktionsbüros“ hervor, also regionale Zusammenschlüsse von „Kameradschaften“, in denen Aktivitäten koordiniert werden. Beispiele hierfür sind das „Aktionsbüro Rhein-Neckar“ und das „Aktionsbüro Saar“. Das Wort ‚frei‘ im Namen soll die Unabhängigkeit von Parteien, etwa der NPD, betonen. Viele Kameradschaften verorten sich in ihrem Selbstverständnis noch weiter rechts als die NPD. Intern ist die Frage nach Umgang und Abgrenzung zur NPD umstritten. Inzwischen sind aber praktisch alle Kameradschaftsführer auch Mitglied der NPD. Die NPD wiederum unternimmt Aktivitäten, um Mitglieder der „Freien Kameradschaften“ einzubinden. So ist der der Kameradschaftsführer Thorsten Heise in den Bundesvorstand der Partei aufgestiegen und betreut dort ein eigens eingerichtetes „Referat Freie Kameradschaften“. Das Aktionsfeld der „Freien Kameradschaften“ reicht von der Durchführung von Aufmärschen und Kundgebungen über paramilitärisches Training („Wehrsportübungen“), die Organisation von politischen Schulungen und Kameradschaftsabenden bis hin zu „Anti-Antifa-Arbeit“, also der Bespitzelung und Bedrohung politischer GegnerInnen. Vereinzelt gab es auch schon terroristische Aktivitäten: Für bundesweites Aufsehen sorgte der glücklicherweise vereitelte Plan der „Kameradschaft Süd“ unter Führung von Martin Wiese, am 9. November 2003 zum 65. Jahrestag der Reichspogromnacht ein Sprengstoffattentat bei der Grundsteinlegung des jüdischen Kulturzentrums in München zu verüben. Ein neues Phänomen innerhalb der Kameradschaftsszene sind die so genannten „Autonomen Nationalisten“. Diese lehnen ihr Auftreten an das linker Autonomer an, etwa im Kleidungsstil, der so genannte Palästinensertücher oder T-Shirts mit dem Konterfei Ché Guevaras einschließt. Auch Symbolik und Parolen klauen sie von Linken, wobei sie - untypisch für den rechten Bereich - auch Anglizismen einsetzen. Von diesem Auftreten erhoffen sich die FaschistInnen, in Bereiche der Jugendsubkultur (z.B. Punk oder Hip Hop) vorzudringen, die bisher links kodiert waren. Attraktiv sind „Freie Kameradschaften“ aufgrund ihres rebellischen Images und der solidarischen Unterstützung, die sich ihre Mitglieder untereinander vermeintlich gewähren –beides ist aber reine Propaganda: Es handelt sich um extrem hierarchische Organisationen, die gerade gegen die eigenen Mitglieder oft Gewalt und Druck anwenden, um Gehorsam zu erzwingen.

DLVH (Deutsche Liga für Volk und Heimat)

Die DLVH wurde 1991 als Partei gegründet. Prominentestes Gründungsmitglied war der frühere NPD-Bundesvorsitzende Martin Mußgnug. Als drei gleichberechtigte Bundesvorsitzende fungierten Rudolf Kenzia, Harald Neubauer und Jürgen Schützinger aus Villingen-Schwenningen. Durch Übertritte von Mandatsträgern der DVU (Deutsche Volksunion) und den REP (Die Republikaner) hatte die DLVH von 1991 bis 1993 in Bremen und von 1993 bis 1996 in Schleswig-Holstein Landtagsmandate inne und bildete von 1991 bis 1993 eine Fraktion im Kölner Stadtrat. Bis 1994 war Neubauer Mitglied des Europaparlaments. Bei den Kommunalwahlen in Baden-Württemberg 1994 erhielten Martin Mußgnug (Tuttlingen) und Jürgen Schützinger (Villingen-Schwenningen) 5,2 bzw. 6,1% der Stimmen. Dass die DLVH bei größeren Wahlen selbst keine Erfolge verbuchen konnte, war wohl der Grund dafür, dass sie 1997 ihren Parteistatus aufgab und seitdem als Verein besteht. 2004 bekam die DLVH einen Sitz im Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises für Jürgen Schützinger sowie bei der Kommunalwahl in Villingen-Schwenningen dennoch 6,2% und somit 2 Sitze für Jürgen und Liselotte Schützinger im Gemeinderat. Die DLVH ist eng vernetzt mit vielen anderen Kräften der extremen Rechten. Lange Zeit übte sie eine starke Anziehungskraft auf enttäuschte Mitglieder der REP, der NPD, der DVU und anderer extrem rechter Organisationen aus. Das Projekt einer neuen rechten Sammlungspartei ist allerdings gescheitert, daher wird das Lager der extremen Rechten bei den Kommunalwahlen 2009 in Baden-Württemberg ganz auf die NPD und nicht auf die DLVH setzen. Ihren Sitz hat die DLVH in Villingen-Schwenningen. Geschäftsführender Vorsitzender ist Jürgen Schützinger.

Die Republikaner (REP)

Die REP wurden 1983 von ehemaligen Mitgliedern der CSU (Christlich-Soziale Union) gegründet. 1989 konnten die REP mit jeweils über 7% in das Europaparlament und das Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. In den 1990er Jahren profitierten sie von dem allgemeinen Rechtsruck nach der deutschen Vereinigung. Erfolge verzeichneten sie insbesondere in Baden-Württemberg: Sie waren von 1992 bis 2001 im Landtag in Fraktionsstärke vertreten. 1992 erhielten sie bei den Landtagswahlen 10,9% (15 Sitze), 1996 gelang ihnen der Wiedereinzug mit 9,1% der Stimmen (14 Sitze). Außerdem hatten und haben die REP zahlreiche kommunale Wahlmandate inne. Politisch treten die REP weit weniger radikal auf als etwa die NPD. Ihre Themen sind „innere Sicherheit“ und die Propaganda gegen eine angeblich drohende „Überfremdung“. Selbst ordnen sie sich dem rechten Rand des Konservatismus zu. Innerhalb der Partei gibt es einen eher gemäßigten nationalkonservativen und einen offen antidemokratischen und rassistischen Flügel. Für diesen stand insbesondere Franz Schönhuber, der bis 1994 Bundesvorsitzender der Partei war und eine enge Kooperation mit der DVU anstrebte. Momentan wird die Partei jedoch vom eher gemäßigten, nationalkonservativen Flügel um den aktuellen Bundesvorsitzenden Rolf Schlierer dominiert. So haben sich die REP 2005 nicht am „Deutschlandpakt“ von NPD, DVU und DP (Deutsche Partei) beteiligt, in dem diese Parteien vereinbarten, bei Wahlen nicht mehr in Konkurrenz zueinander anzutreten. Eine Beteiligung der REP war von den anderen Kräften explizit erwünscht. Gegen diesen gemäßigten Kurs opponierten jedoch zahlreiche Mitglieder und traten zur NPD über. Die Mitgliederzahl der REP sank zwischen 1994 und 2007 von 20.000 auf 5.500. Die Zeit der Wahlerfolge scheint für die REP vorerst vorüber.

„Nationale Zentren“

Seit einigen Jahren versuchen Nazis verstärkt, Immobilien zu erwerben, um sie für ihre politischen Zwecke zu nutzen - auch in Süddeutschland. Mit „Nationalen Zentren“, die oft in eher ländlichen Gegenden eingerichtet werden, versuchen Gruppen der extremen Rechten, sich in Dorfstrukturen zu integrieren, Jugendliche durch Freizeitangebote zu ködern und Räume für rechte Konzerte und Schulungen zu sichern. Zum einen soll durch „Nationale Zentren“ ein Rückzugsraum für Nazis entstehen, den sie in Großstädten aufgrund antifaschistischer Interventionen oft nicht bekommen. Durch die dauerhafte Präsenz soll zum anderen erreicht werden, dass die Nazis für die örtliche Bevölkerung zu ‚ganz normalen Leuten’ werden und nicht mehr als bedrohlich oder gewalttätig erscheinen. Ihre permanente Anwesenheit ist aber stets eine Bedrohung, besonders für MigrantInnen, Linke und andere, die von Nazis als „undeutsch“ betrachtet werden. Gerade in Baden-Württemberg gibt es aktuelle Versuche von Nazis, „Nationale Zentren“ durchzusetzen: In Karlsruhe-Durlach haben Nazis ein Haus erworben, wogegen es bereits zahlreiche Proteste durch antifaschistische Gruppen gab. Im Sommer 2008 gab es Spekulationen um eine zum Verkauf stehende Immobilie in Strassberg im Zollernalbkreis. In Hohenberg im Ostalbkreis befindet sich seit 2005 der ehemalige Gasthof „Goldenes Kreuz“ im Besitz von Neonazis. Zunächst war der Nazi-Kader Lars Käppler mit einem rechten Verlag eingezogen, mittlerweile befindet sich dort die Landesgeschäftsstelle der NPD.

14. Oktober 2008 - DruckansichtURL - Top

Broschüre AASBH V: Know your Enemy

Wer sich gegen Nazis engagieren will – ob in der Schule, im Betrieb, im Jugendhaus oder sonst wo – muss in der Lage sein, sie zu erkennen. Das ist gar nicht immer so einfach, denn viele Nazis entsprechen nicht dem Klischee, das in den Medien nach wie vor dominiert: Es gibt ihn zwar noch, den rechten Skinhead mit Bomberjacke und Springerstiefeln, aber er ist längst nicht mehr so typisch wie einst. Die Naziszene hat sich in den letzten Jahren (nicht nur) optisch stark ausdifferenziert – Codes, die ohne Hintergrundwissen nicht zu erkennen sind und Marken, die sich an zeitgemäßen Modestilen orientieren, sind zunehmend im Umlauf. Gleichzeitig gibt es Marken wie Lonsdale oder Fred Perry, denen zwar ein rechtes Image anhaftet, die aber überhaupt nicht als rechts oder gar nazistisch zu bezeichnen sind. Einige dieser Marken unterstützen sogar antirassistische Projekte oder haben aufgehört, Naziläden zu beliefern. Im Folgenden sollen daher einige Marken, Codes und Symbole vorgestellt werden, die wirklich rechts sind oder sich in einer Grauzone bewegen.

Thor Steinar

Bei „Thor Steinar“ handelt es sich um eine Kleidermarke, die von der in Brandenburg ansässigen Mediatex GmbH vertrieben wird. Thor Steinar stellt den Versuch dar, qualitativ hochwertige und an aktuelle Modetrends angepasste Textilien zu verbreiten, die mit dem Klischee-Look der Naziszene (Bomberjacke, Springerstiefel, etc.) brechen, von Neonazis aber trotzdem klar als Erkennungszeichen identifiziert werden können. Auf Produkten von Thor Steinar werden nur uneindeutige Symbole verwendet, um die Marke auch außerhalb rechtsextremer Versandhäuser platzieren zu können. Dennoch hat Thor Steinar nicht, wie manchmal verharmlosend behauptet wird, einfach nur ein „rechtes Image“; es ist eine Marke von Nazis für Nazis: Die Betreiber von Mediatex haben klare Verbindungen zur Naziszene und das ehemalige Markenlogo, zwei gekreuzte Runen, war sogar zeitweise verboten. Mittlerweile wurde es durch ein Logo ersetzt, das weniger an die Ästhetik des Nationalsozialismus erinnert. An der politischen Gesinnung der Hersteller und der großen Mehrzahl der TrägerInnen von Thor Steinar hat dies jedoch nichts geändert. Einige Fußballvereine, etwa Werder Bremen, Hertha BSC Berlin, Borussia Dortmund oder der FC St. Pauli, haben in ihren Stadien gar das Tragen von „Thor Steinar“-Klamotten verboten. Antifaschistische Informationen über und gegen Thor Steinar finden sich unter anderem hier: thorsteinar stoppen.

Consdaple

Die Marke Consdaple ist eindeutig extrem rechts. Der Schriftzug enthält die Buchstabenfolge NSDAP, die besonders dann auffällt, wenn eine halboffene Jacke die Buchstaben an den beiden Rändern verdeckt – diese Mode hatte sich schon um die Marke „Lonsdale“ etabliert, deren Schriftzug aber nur zufällig die Buchstaben NSDA beinhaltet. Zahlreiche T-Shirts von Consdaple sind zudem mit einem an den nationalsozialistischen Reichsadler erinnernden Logo bedruckt. Entwickelt wurde das Design von Franz Glasauer, einem (ehemaligen) Funktionär der „Republikaner“ und der NPD, der einen Naziversand in Oberbayern betreibt.

Thorshammer

Der Thorshammer ist ein Symbol aus der germanischen Mythologie und war ein äußerst beliebtes Zeichen der völkischen Bewegung bis zum Ende des ersten Weltkrieges. Er war aber nie ein offizielles Symbol der Nazis und ist somit auch nicht verboten. Getragen wird der Thorshammer meist als Kettenanhänger oder als Aufdruck auf T-Shirts – allerdings nicht nur in der rechten Szene, sondern auch unter unpolitischen Metal-Fans oder AnhängerInnen heidnischer Religionen. Er ist also kein eindeutiges Nazi-Symbol. Dennoch wird er von rechtsextremen Versandhäusern angeboten und ist in der rechten Szene beliebt, weil Nazis mit der nordischen Mythologie Stärke und Männlichkeit verbinden – im Gegensatz zu den vermeintlich „schwächlichen“ und „artfremden“ jüdischen und christlichen Religionen. Gerade die Tatsache, dass der Thorshammer rechtlich unangreifbar ist, sich inhaltlich aber in einer Grauzone bewegt, macht ihn für Nazis zu einem interessanten und viel genutzten Symbol und Erkennungszeichen.

Zahlencodes

Großer Beliebtheit in der Naziszene erfreuen sich Zahlenkombinationen, die für Außenstehende schwer zu erkennen sind, für Nazis untereinander aber eindeutige Bekenntnisse zu ihrer Ideologie darstellen. Darüber hinaus erlauben es solche Kombinationen, strafrechtlich relevante Inhalte auszudrücken, ohne sie offen auszusprechen – strafbar sind diese Zahlen natürlich nicht, auch wenn ihre Aussage eindeutig ist. In der Regel werden Buchstaben durch Zahlen ersetzt, die deren Position im Alphabet anzeigen. So steht die Kombination 18 für AH, also „Adolf Hitler“. Die Zahl 88 ersetzt HH, also „Heil Hitler“. Die 28 steht für BH, also Blood & Honour, ein im Jahr 2000 in Deutschland verbotenes, international agierendes Netzwerk neonazistischer Bands, Labels und KonzertveranstalterInnen. Daneben existieren noch weitere ähnliche Codes und es kommen regelmäßig neue hinzu – deren Bedeutung vermutlich sogar manchem Neonazi nicht geläufig ist.

13. Oktober 2008 - DruckansichtURL - Top

Broschüre AASBH VI: Aktiv werden gegen Nazis!

Wehrt euch, wenn ihr Nazis bemerkt! Egal wo, ihr könnt immer aktiv werden gegen Nazis oder wenn Leute rassistische, sexistische oder antisemitische Sprüche ablassen.

Es gibt keine einfache Anleitung, wie ihr euch am Besten gegen Nazis wehrt. Selbst nachdenken und aktiv werden ist gefragt! Greift ein, wenn ihr mitbekommt, dass Nazis jemanden dumm anmachen und entfernt Naziaufkleber, wenn ihr sie seht. Nur wenn niemand gegen Naziparolen oder Angriffe protestiert, trauen sich die Nazis immer mehr.

Die Möglichkeiten, antifaschistisch aktiv zu werden sind vielfältig und es ist immer hilfreich, ein paar Dinge zu beachten:

* Sich alleine für etwas zu engagieren ist manchmal nicht ganz ungefährlich oder auch gar nicht möglich. Organisiert zu sein ist die beste Grundlage für antifaschistische Arbeit. So ist man am besten geschützt und kann am effektivsten und mit viel Spaß arbeiten. Wie ihr euch organisiert, kann ganz unterschiedlich sein: Ihr könnt eine eigene Gruppe bilden oder euch bestehenden Strukturen, wie zum Beispiel Gewerkschaften, anschließen. In beiden Fällen helfen euch erfahrene AntifaschistInnen auf jeden Fall weiter, fragt diese nach Unterstützung! In der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg könnten dies zum Beispiel die Antifaschistische Aktion Freiburg oder die Antifa Konstanz sein.

* Gut informiert zu sein, ist die Basis jeder antifaschistischen Arbeit. Diskutiert darüber, welche Informationen ihr braucht, um aktiv werden zu können. Je nach Situation, können das ganz unterschiedliche Informationen sein – und damit auch Wege an sie heranzukommen. Sichert euch immer ab, dass eure Informationen wirklich stimmen!

* Ein Weg, etwas gegen Nazis zu unternehmen, ist über sie zu informieren. Dann sind eigene Flugblätter, Pressemitteilungen oder Artikel gefragt. Ihr könnt ein Flugblatt oder ein Plakat entwerfen oder selbst eine Zeitung oder eine Broschüre herausgeben.

* Eine gute Möglichkeit, mehr Leute anzusprechen, sind Infotische. Die sind einfach zu organisieren und erreichen viele Leute. Wenn Ihr schon ein gut eingespieltes Team seid, könnt ihr auch Veranstaltungen zu verschiedenen Themen machen. Das kann eine Info-Veranstaltung, ein Konzert oder etwas ganz anderes sein. Informiert euch, wo ihr am besten und nach euren Vorstellungen etwas veranstalten könnt. Gewerkschaften sind zum Beispiel ein guter Ansprechpartner.

* Wenn Ihr andere Aktionen oder eine Demo veranstalten wollt, ist es gut, verschiedene Dinge zu beachten. Wendet euch für Tipps und Tricks am besten auch an erfahrene AntifaschistInnen!

* Wichtig ist auch, euch selbst zu schützen. Nicht immer ist der Staat damit einverstanden, was ihr gegen Nazis macht. Informiert euch daher über juristische Bedingungen (z.B. hier: Rote Hilfe) und verschlüsselt eure Computer und Emails. Ihr braucht keine Paranoia schieben, aber prahlt auch nicht vor anderen mit eurer politischen Arbeit und verhaltet euch verantwortungsvoll. Damit seid ihr auch am besten vor den Nazis geschützt.

* Politische Arbeit kostet Geld. Die beste Idee kann an der fehlenden Kohle scheitern und diese zu organisieren, bedeutet meist schon viel Arbeit für sich. Wege an Geld zu kommen, gibt es viele: seid kreativ! Auch andere antifaschistische Gruppen können euch evtl. weiterhelfen oder ihr könnt gemeinsam eine Soliparty veranstalten. Denkt dran – ihr seid nicht allein!

Aktiv werden – Nazis den Saft abdrehen!

12. Oktober 2008 - DruckansichtURL - Top

Die Nazis und der 1. Mai

Beitrag zur Broschüre: 1. Mai - Geschichte eines Tages

Auch in diesem Jahr sind für den 1.Mai, den internationalen Kampftag der ArbeiterInnenklasse, mehrere faschistische Aufmärsche geplant. So wollen Dortmunder FaschistInnen unter dem Motto „Gemeinsam gegen Kapitalismus - Heraus zum 1. Mai!“ marschieren. Die NPD Hessen hat am selben Tag einen Doppelaufmarsch in Raunheim und Rüsselsheim angekündigt. Auch ihr Aufruf ist von antikapitalistischen Floskeln durchsetzt. Doch warum marschieren ausgerechnet FaschistInnen am Kampftag ihres politischen Gegners? Warum bemühen sie sich einer antikapitalistischen Demagogie? Wie weit ist es mit dem Antikapitalismus der Nazis tatsächlich her? Als Antwort auf diese und andere Fragen ist ein Blick auf die Nazi-Ideologie und auch in die Geschichte notwendig. Bekanntlich waren es die Nazis, die den 1. Mai kurz nach der Machtübertragung 1933 zum ersten Mal in seiner Geschichte in Deutschland zu einem bezahlten Feiertag machten, freilich nicht unter der Losung des Kampftages der internationalen ArbeiterInnenklasse, sondern als „Tag der nationalen Arbeit“.

Die Ideologie der Nazis und der 1. Mai

Volk und „Volksgemeinschaft“

Jedwede ideologische Überlegung der Nazis geht aus von der Kategorie des Volks. Die Nazi-Lesart des Volksbegriffs leitet sich dabei nicht etwa von dem Versuch einer Abgrenzung Beherrschter von Herrschenden her, sondern folgt biologistisch-rassistischen Kriterien. Konkret heißt das: „Rassisch Unreine“, d.h. „Fremdstämmige“ oder Jüdinnen und Juden können nicht Teil des „Volkes“ werden. Für das Überleben des „Volkes“ sei dessen Einigkeit Voraussetzung. Daher ist grundlegend für die Ideologie der Nazis die Vorstellung einer „deutschen Volksgemeinschaft“, in der alle sozialen Gruppen und Klassen aufgehen sollen und zu organisieren sind. Der Nation, verkörpert in der „Volksgemeinschaft“, sollen die verschiedenen sozialen Gruppen ihre Partikular- und Gruppeninteressen opfern. Also sollen z.B. die ArbeiterInnen nicht selbst in Gewerkschaften für ihre Interessen kämpfen, sondern auf die „Volksgemeinschaft“ vertrauen, die ihren berechtigten Forderungen schon irgendwie nachkommen werde. Folgerichtig heißt eine aktuelle Parole der neofaschistischen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) „Volksgemeinschaft statt Klassenkampf!“.

Die Nazis und die ArbeiterInnen

Dass die Nazis dem „deutschen Arbeiter“ schon immer einen gewichtigen Platz in ihrer Gedankenwelt eingeräumt haben, ist schon an ihrer Namensgebung ersichtlich. Die deutschen FaschistInnen gaben ihrer Partei den Namen „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ (NSDAP). Freilich sollte man die Begriffe „Sozialismus“ und „Arbeiter“ nicht einfach für bare Münze nehmen und als Tatsache für die eigene Analyse übernehmen, handelt es sich ja zunächst einmal nur um die Eigenwerbung der Nazis, denn die NSDAP war weder sozialistisch noch in erster Linie eine Arbeiterpartei. Gleichzeitig allerdings sagt diese Namensgebung sehr wohl einiges über Zielsetzung und Selbstverständnis der Nazis aus. So gaben die Nazis die Gewinnung des „deutschen Arbeiters“ für den „nationalen Sozialismus“ als ein vorrangiges Ziel aus. Adolf Hitler hierzu: „Ich werde keinen gröeren Stolz in meinem Leben besitzen als den, am Ende meiner Tage sagen zu können: Ich habe dem Deutschen Reich den deutschen Arbeiter erkämpft.“ Neben dem Soldaten und dem Bauern kommt also dem Arbeiter eine besondere und tragende Rolle für das Ideal der „deutschen Volksgemeinschaft“ zu, auf die der „deutsche Arbeiter“ verpflichtet werden soll. Den Nazis geht es dabei nicht um die Befreiung der ArbeiterInnen vom Kapitalismus oder auch nur ansatzweise um die Erfüllung von deren individuellen Bedürfnissen. Sie sollen sich im Gegenteil als Soldaten für die „größere Sache der Nation“ aufopfern.

Die Nazis und die ArbeiterInnenbewegung

Das Angebot der Nazis an die ArbeiterInnen ist also ein grundlegend anderes und verhält sich gegensätzlich zu dem der ArbeiterInnenbewegung. Damit befinden sich ArbeiterInnenbewegung und FaschistInnen in einer Konkurrenzsituation. Die Beseitigung der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung war von großer Bedeutung für die Nazis, um den Einfluss ihrer nationalistischen und antisemitischen Ideologien in der ArbeiterInnenschaft zu festigen und zu steigern Daher gehörten die Zerschlagung der Organisationen der ArbeiterInnenbewegung und die Einlieferung von deutschlandweit zehntausenden KommunistInnen und SozialistInnen in die dazu errichteten frühen Konzentrationslager zu den ersten Maßnahmen, die die Nazis bereits einige Wochen nach der Machtübertragung in Angriff nahmen.

Die Nazis und der 1. Mai

Im Jahr 1933 wurde der 1. Mai unter den Nazis zum ersten Mal in der deutschen Geschichte zu einem bezahlten Feiertag. Die Nazis wollten mit diesem Akt die symbolische Integration der deutschen ArbeiterInnenschaft in die „Volksgemeinschaft“ vollziehen. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), der Dachverband der sozialistischen Gewerkschaften, hatte diesen Schritt begrüßt und rief die ArbeiterInnen zur Teilnahme an den 1. Mai-Feiern der Nazis auf, an denen schließlich Hakenkreuz-Fahnen neben denen des ADGB wehten. Bereits zuvor hatte sich die ADGB-Führung unter Theodor Leipart der faschistischen Regierung angedient und die Kontakte zum Internationalen Gewerkschaftsbund abgebrochen, dessen Entwicklung seit der Jahrhundertwende maßgeblich von den deutschen Gewerkschaften geprägt worden war. Die ADGB-Führung erhoffte sich durch diese opportunistische Politik des Anbiederns an die neuen Herren den Erhalt der eigenen Organisation. Doch auch diese naive Hoffnung blieb unerfüllt. Bereits einen Tag später stürmten und besetzten Sturmabteilung (SA), Schutzstaffel (SS) und Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) in ganz Deutschland die Gewerkschaftshäuser, verhafteten dabei zahlreiche GewerkschafterInnen und Angestellte und verbrachten zahlreiche von diesen in Konzentrationslager. In diesem Zusammenhang kam es auch zu mehreren Morden an KollegInnen. Der 1. Mai 1933 stand unter dem Slogan „Feiertag der nationalen Arbeit“ und markierte so schon im Motto den Unterschied zum internationalen Kampftag der revolutionären ArbeiterInnenklasse. Es geht hier nicht mehr die Klasse der ArbeiterInnen, sondern um das „deutsche Volk“ als homogene Zusammenfassung von ArbeiterInnen, KapitalistInnen und allen Individuen, dem der „deutsche Arbeiter“ zu dienen habe. Die Interessenwahrnehmung der arbeitenden Bevölkerung gegenüber den Unternehmen wurde nicht mehr thematisiert. Der 1. Mai diente nicht mehr dazu, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, sondern zelebrierte das Leiden körperlicher Arbeit als „deutsche Tugend“.

Die Nazis und die Arbeit

Bedeutendes Moment in der Ideologie der Nazis ist deren Arbeitsbegriff. Dieser scheidet ein negativ bewertetes, angeblich jüdisches „raffendes“ Finanzkapitel, das von außen komme, von einem positiv verstandenem „schaffendem deutschen Industriekapital“. Die vordergründige antikapitalistische Demagogie der FaschistInnen richtet sich also lediglich gegen „ausländisches Kapital“. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, der Kapitalismus als soziales Verhältnis überhaupt, bleibt unangetastet. So ist offensichtlich, dass es sich beim „Antikapitalismus“ der Nazis insoweit nur um Phrasen handelt, als darunter ein Ende von Ausbeutung und Unterdrückung zu verstehen wäre. Für die realen Verhältnisse machen sie fremde Mächte verantwortlich. Dabei ist grundlegend, dass es sich hierbei um eine explizit antisemitische Konstruktion handelt: Hinter dem Finanzkapital, der „schlechten Seite des Kapitalismus“, stehe das „internationale“ und deshalb „national unzuverlässige“ Judentum.

Die Nazis heute

Alle behandelten Elemente sind auch konstituierend für die heutigen Nazis. Das betrifft die Forderungen nach Auflösung der selbständigen Organisationen der ArbeiterInnen genauso wie das Ziel der Verwirklichung einer „Volksgemeinschaft“ oder die antisemitische Wahnvorstellung der Existenz eines internationalen „raffenden jüdischen Finanzkapitals“, dem ein positives „schaffendes, nationales Kapital“ gegenübergestellt wird. So kündigte die NPD Freiburg im März 2006 auf ihrer Homepage einen Vortrag mit dem Faschisten Stefan Wollenschläger zum Thema „Wem gehört die deutsche Wirtschaft?“ an. Das braucht nicht zu verwundern. Tatsächlich hat niemals ein Bruch zwischen alten und neuen FaschistInnen stattgefunden, weder in der Ideologie noch in der Organisation. In diesem Zusammenhang sind auch die aktuellen Versuche und Provokationen der Nazis zu sehen, den 1. Mai für sich zu beanspruchen. Kennzeichnend ist weiter, dass die Nazis, damals wie heute, dies alles in eine raffinierte antikapitalistische Demagogie verpacken. So stand auf einem Wahlplakat der NSDAP aus dem Jahr 1932: „Der Marxismus ist der Schutzengel des Kapitalismus“. Unter Kapitalismus wiederum wird dabei lediglich ausländisches Kapital verstanden, das angeblich das „deutsche Volk“ versklave. Das geschieht grundsätzlich mit antisemitischem Unterton, denn die Nazis behaupten, hinter allem stünden die Juden. Auch das Gerede der heutigen Nazis von wegen „Gemeinsam gegen Kapitalismus“ ist so zu verstehen. Um die Beseitigung der Ausbeutung geht es ihnen niemals. Indem sie aber den Widerspruch der Interessen von ArbeiterInnen und KapitalistInnen leugnen, ihnen mit dem Ziel einer „Volksgemeinschaft“ gar gemeinsame Interessen unterstellen, stehen sie tatsächlich für eine Intensivierung der Ausbeutung.

Antifaschistische Perspektiven

Inhaltliche Konsequenzen:

Die offene Verbreitung solcher Nazi-Ideologie findet kaum Verbreitung über den Kreis der FaschistInnen selbst. Dennoch fällt auf, dass Versatzstücke einer solchen Ideologie durchaus auch bis in die Kreise der politischen Linken und der Gewerkschaften einen gewissen Einfluss haben: So vollzog die Freiburger Bürgerinitiative „Wohnen ist Menschenrecht“, die durch ihr Wirken erfolgreich den Verkauf des städtischen Wohnungsbestandes verhinderte, jene Trennung von gutem und schlechten Kapital, bildlich dargestellt in Heuschrecken, die aus dem Ausland auf den städtischen Wohnungsbestand in Freiburg herfallen. Die hiesige, wenn auch völlig unbedeutende, NPD nahm diese Steilvorlage nur zu gerne auf und verwendete auf ihrer Homepage exakt die Symbolik der Bürgerinitiative. Auch ist für jeden Menschen mit halbwegs klarem Verstand eine gewisse Analogie der von den Gewerkschaftsführungen propagierten „Sozialpartnerschaft“ von ArbeiterInnen und UnternehmerInnen zu der von den Nazis propagierten „Volksgemeinschaft“ ersichtlich: Beide Modelle unterstellen den ArbeiterInnen, im selben Boot mit den UnternehmerInnen zu sitzen und lehnen den Klassenkampf ab.

Praktische Konsequenzen:

Die Kritik einer antifaschistischen Linken muss sich folglich sowohl der Taktik der Sozialpartnerschaft als auch Erklärungsversuchen, die für die Privatisierung von Wohnraum „ausländische Heuschrecken“ verantwortlich macht, entgegenstellen. Weitere Schlussfolgerungen sind weniger theoretisch: Weiterhin gilt es, Nazis überall und auf allen Ebenen zu isolieren und zu bekämpfen. Es darf keinen Raum und keinen Ort geben, an denen die FaschistInnen sich ungestört breitmachen und aufmarschieren können, gerade nicht am 1. Mai, dem Kampftag der Linken.

Den Provokationen der Nazis am 1. Mai und immer entgegentreten! FaschistInnen isolieren und bekämpfen!

Antifaschistische Aktion Freiburg, April 2007

Dieser Text erschien als Beitrag in einer Broschüre zum 1. Mai, die von der Zeitung Sisyphos herausgegeben wurde.

20. April 2007 - DruckansichtURL - Top

Rüdiger Scholz - Die Misere der Freiburger Universität

Festschrift zum 550jährigen Jubiläum. Ein Pamphlet

Feiern oder Trauern?
550 Jahre Freiburger Universität: Die Offiziellen – vom Rektor über den Universitätsrat, den Senat bis zu den Dekanen der Fakultäten, selbstverständlich im Kreis der Honoratioren von Land, Stadt und Kirche, also: Ministerpräsident, Wissenschaftsminister, Oberbürgermeister, Erzbischof, Polizeipräsident, usw. – zelebrieren seit mehreren Monaten ein Programm zum Nachweis eigener großer Bedeutendheit, gipfelnd in einer Festwoche im Juli, in der dieses Hochgefühl der großen Leistungen die Gemüter beflügeln soll. Trunken von der sogenannten „Exzellenzinitiative“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zu den zehn besten deutschen Universitäten zu gehören und eventuell zur besonderen Förderung ausgewählt zu werden, soll ein ekstatischer Feierrausch Freiburg trunken machen. Ein ganzer Straßenzug wird dafür eine Woche lang gesperrt. Viele Dozentinnen und Dozenten, Studentinnen und Studenten beurteilen dieses Dauerfeiern, organisiert von extra dafür eingestellten MitarbeiterInnen und bezahlt von einer vielfältigen Lobby aus der nahen und fernen Wirtschaft, als Verhöhnung. Denn der überall greifbare Mangel, besonders in der Lehre, kontrastiert mit teuren Luxuserneuerungen vom Sockel in der Halle des Kollegiengebäudes I (mit Homer und Aristoteles vor dem Eingang) bis zum sündhaft teuren neuen Doppelportal. Angesichts der Finanzlage im Wissenschafts- und Lehrbetrieb schlugen Studenten deshalb vor, den Bibelspruch am Kollegiengebäude I, in Gold natürlich – „Die Wahrheit wird euch frei machen“ – umzuändern in: „Die Wahrheit wird euch arm machen“.
Zum Feiern besteht allerdings kein Grund – im Gegenteil: Die Freiburger Universität steckt in einer großen Misere, nicht nur finanziell. Das Elend erstreckt sich auf alle Felder: auf die Struktur der (Selbst)Verwaltung, auf die Wissenschaften, auf die Art der Ausbildung der Studentinnen und Studenten und auf den Sitz der Universität in der Gesellschaft, ihre Teilhabe an der öffentlichen Diskussion über die Entwicklung unseres Gesellschaftssystems. Die Ursachen haben verschiedene Reichweiten: alle Universitäten des gegenwärtigen weltumspannenden Produktions- und Handelssystems sind betroffen von den Widersprüchen dieses Wirtschaftsystems. Es wird ihnen aufgebürdet die Diskussion über gesellschaftspolitische Ziele der Wissenschaften und dem universitären Teil der Berufsausbildung in einem andauernden und sich verschärfenden Antagonismus zwischen Allgemeinwohl und privatem Besitzegoismus, über die ständige Bedrohung der Natur als lebbarem Raum für die Milliarden von Menschen und die Möglichkeiten, Maßnahmen zur Abwehr der Bedrohung zu entwickeln. Universitäten müssen handeln in dem Widerspruch von autoritären Herrschaftsstrukturen in Regierungen und Wirtschaftsbetrieben und dem demokratischen Verfassungsstaat mit seinen Mechanismen der Beteiligung der gesamten Bevölkerung an der Rolle, welche den Universitäten in der Gesellschaft zugewiesen wird.
Universitäten müssen zurechtkommen mit dem System ihrer Finanzierung durch Steuergelder und deren Verteilung durch politische Entscheidungen, sie müssen sich bewegen können in einem weiteren Konglomerat von Finanzierungsquellen, zu denen sie nur über politische Entscheidungen und private Willkür Zugang haben.
Das System zweier politischer Instanzen – der Bundesregierung und der Länderregierungen, im Fall von Freiburg der Landesregierung von Baden-Württemberg – erzeugt widersprüchliche Eingriffe in die Struktur der Verwaltung der Universitäten. Vor allem die Landesregierung bestimmt die Arbeitsbelastung der Professoren, zwingt ihnen Prüfungssysteme und Studiengänge auf, legt die Zahl der zu verkraftenden Studierenden fest, verlangt erdrückend hohe Lehrbelastungen und zugleich vorzeigbare Forschungsarbeit. Die gegenwärtige, von Landesregierungen forcierte Entwicklung der Universitätsstruktur in Richtung eines Industriebetriebes, ähnlich wie eine Aktiengesellschaft, erzeugt neben dem nur schwer zu verkraftenden Anpassungsdruck neue Widersprüche, weil der Auftrag, zu forschen und auszubilden, mit einer Struktur eines Produktions- oder Dienstleistungsbetriebes mit hierarchischen Arbeitssektoren nur schwer oder gar nicht zu vereinbaren ist.
Die Universität Freiburg hat in den letzten Jahren auf diese vielen und kaum miteinander zu vereinbaren Anforderungen mit einem hektischen Aktionismus reagiert. Es werden fast monatlich immer neue Einrichtungen geschaffen, „Zentrum für...“ oder „...Akademie“ genannt, deren Bedeutung großbuchstabige Abkürzungen suggerieren, ohne dass es für diese Neuschöpfungen gesonderte Sachmittel und wissenschaftliches Personal gibt. Professor/en/innen, die schon bisher in der Regel überlastet sind, werden neue Aufgaben zugewiesen, das heißt ihnen wird noch mehr Arbeit abverlangt; als Gegenleistung springt, auch nur für einige von ihnen, lediglich der Titel „Direktor“ heraus. Solche Maßnahmen erzeugen Bürokratie ohne erkennbaren Nutzen, die Zusammenarbeit bei konkreten Projekten ist geringer als die aufgewendete Arbeitszeit, die verplempert erscheint. Reagiert hat die Universität zugleich mit einem Programm der Internationalisierung, die mit vielen Kooperationsverträgen mit ausländischen Universitäten einen übermäßigen Wissenschaftstourismus erzeugt hat und die sich in immer abenteuerlicheren Anglizismen ergeht, welche Initiative, Modernisierung, Fortschritt, Kompetenz vorspiegeln, z. T. aber nur die Oberflächlichkeit und Hohlheit der Maßnahmen verschleiern. Der Antrag, am Kuchen von Sondergeldern beteiligt zu werden, zeigt dies in erschreckender Weise. Sein Titel: „Windows for Research“.
Ein großer Teil der Misere der Universität Freiburg resultiert also aus der internationalen Entwicklung der Hochschulen, ein weiterer Teil aus der Politik von Bundesregierung und vor allem der Landesregierung von Baden-Württemberg, ein weiterer Teil aus der bundesdeutschen Entwicklung in den Wissenschaften. Es gibt aber auch die eigene Schuld der Universität selbst, deren Entwicklung in den letzten vierzig Jahren durch Versäumnisse und Blockaden, bedingt durch eine strukturkonservativ eingestellte Mehrheit des wissenschaftlichen Personals und der Universitätsleitungen, einen beträchtlichen Anteil an der Misere haben.
Es besteht also kein Anlass zum Feiern, sondern zur Trauer. Die gegenwärtige Verfassung der deutschen Universitäten und auch der Freiburger Universität legt nahe, Trauerkleidung anzulegen, eine Trauermiene aufzusetzen und statt des Jubiläums-Balls im Konzerthaus die Beerdigung dessen zu zelebrieren, was Jahrhunderte lang die herausragende Besonderheit durch fast alle Staatsformen hindurch war und was heute mehr denn je nötig wäre: Die gesellschaftliche Wirkung durch die relative Unabhängigkeit der Forschungen und Formen der Lehre von den Geldgebern, die weitgehende Selbstverwaltung durch Mehrheitsentscheidungen von Gremien, eine selbständige, direkt gewählte Studentenvertretung, eigene Formen der Öffentlichkeit als Teilhabe an der gesellschaftspolitischen Öffentlichkeit, national wie international.
Wie die anderen Universitäten auch hat die Freiburger Universität in den letzten drei Jahrzehnten enorm an Freiheit und Selbständigkeit eingebüßt. Die alten großen Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie erliegen mehr denn je der Gängelung durch geldgebende Stiftungen und Firmen, die Möglichkeiten von Biologie und Forstwissenschaft, ihrer Aufgabe der Erforschung zum Wohle der Umwelt nachzukommen, sind abhängig von den Vorgaben der Geldgeber. Unter dem neuen Leitbegriff „Kulturwissenschaften“ haben sich die historischen Gesellschaftswissenschaften aus der Diskussion um die Weiterentwicklung der demokratischen Zivilgesellschaft bis auf Restbestände verabschiedet. Wie an den Publikationen, Forschungsprojekten und Kongressen ablesbar, ist in die Gesellschaftswissenschaften („Geisteswissenschaften“) ein technokratischer und engstirniger Geist nie gekannten Ausmaßes eingezogen. Die Wirtschaftswissenschaften und die Rechtswissenschaften, in denen 1968ff wenigstens ein Hauch von Systemkritik zu spüren war, erzwungen von Studierenden, prägt heute wieder eine Haltung der Konformität, die keinen Blick mehr zulässt auf die gesellschaftlichen Wirkungen des wissenschaftlichen Tuns. Die Medizin ist fest im Würgegriff der pharmazeutischen Industrie und der industriellen Medizintechnik, die alten hierarchischen Strukturen und die sozialen Defizite der Medizinerausbildung haben sich erhalten. Unberührt sind eigentlich nur die Archäologie und die Mathematik, und auch hier nur als Wissenschaft, nicht als Studienfach.
Die Ausbildung der Studentinnen und Studenten ist im Prozess der gravierendsten Dequalifizierung durch Massenhaltung in Lehrveranstaltungen und durch den neuen Kurzstudienganz „Bachelor“. Wie die Pläne zeigen, werden wir in den nächsten Jahren den weiteren Gang nach unten in die passive Wissensaneignung und Abprüfung erleben.
Die Strukturen der Selbstverwaltung, die 1969 eine neue demokratisch repräsentative Reform erfuhren, wurden erst stückweise, vor sieben Jahren in Baden-Württemberg, durch die Neuformulierung der Hochschulgesetze, gänzlich zerschlagen. Auch an der Freiburger Universität herrscht jetzt ein Geist des befehlenden Managements, der die Eingriffe des Ministeriums in den Jahrzehnten zuvor, die schon schlimm genug waren, als idyllisches laisser faire erscheinen lässt.
Die Wirkung universitärer Forschungen und universitären Lebens auf die politische Öffentlichkeit nähert sich in nahezu allen Fächern bedenklich gegen null.

Die Zerschlagung demokratischer Strukturen der Selbstverwaltung
Grund zum Feiern haben allerdings die Vertreter einer obrigkeitlichen, antidemokratischen Gesellschaftsform und eines autoritären Staates, denen die gesellschaftskritischen Inhalte, die demokratischen Formen des Studierens und die relative Selbständigkeit der Universitäten stets ein Dorn im Auge waren.
Wenngleich von Anfang durch die in der Regel fürstlichen/staatlichen Geldgeber bedroht, bildeten die Universitäten mit ihrer Struktur einer praktizierten Form korporativer demokratischer Selbstverwaltung in den Gesellschaften ein starkes Gegengewicht zu den überall sonst grassierenden Hierarchien. In den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fürstenstaaten und im neuzeitlichen Absolutismus waren die Universitäten zeitweise sogar Vorbilder für einen demokratischen Verfassungsstaat. Und auch in den Demokratien waren die Universitäten ein Gegenbild zu den Hierarchien in den Unternehmen und in der Staatsverwaltung. Die Welle der Demokratisierung in den sechziger Jahren konnte sich auf frühere Strukturen berufen, bei ihnen anknüpfen, sie ausweiten und sie nach den Gegebenheiten der Massenuniversität verändern. Der Versuch, alle Gruppen an der Universität, vor allem auch die Studierenden, an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen, hat trotz aller Widerstände und Verwässerungen wenigstens den Ansatz einer demokratischen Verfassung gesichert.
Davon existieren heute nur noch Hohlformen. Die antidemokratische Tendenz, die sich seit Mitte der siebziger Jahre in den vielen Novellierungen der Hochschulgesetze durch die Länderparlamente und auch durch das Hochschulrahmengesetz des Bundes durchsetzte, hat zur Folge, dass die alten Gremien wie Senat und Fakultätsrat nichts mehr zu entscheiden haben. Mit der Neuformulierung der baden-württembergischen Hochschulgesetze, im Jahr 2000 in Kraft getreten, die den vorläufigen Höhepunkt der Aushöhlung bedeuteten, sind auch die Restbestände demokratischer Formen verschwunden. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ohne Widerstand, ist in der Bundesrepublik überall der Selbstverwaltung durch gewählte Gremien der Garaus gemacht worden. Die Universitäten werden, so weit es geht, inzwischen wie Privatunternehmen geführt, deren hierarchische Strukturen sich schon immer eher am Militär als am Parlament orientiert haben. Und konsequent hat der Baden-Württembergische Wissenschaftsminister Frankenberg in der Novellierung des Hochschulgesetzes vom 5. Januar 2005 den Universitätsrat in „Aufsichtsrat“ umbenannt. Rektor, Prorektoren und Verwaltungsfachleute bilden den „Vorstand“, den Begriff „Rektor“ wollte er durch „Vorstandvorsitzender“ ersetzen, denn die Novellierung des Hochschulgesetzes solle den Weg zu „unternehmerischen Hochschulen“ öffnen. Der Aufsichtsrat schlägt, konsequent, dem Ministerium die Mitglieder des Vorstands vor; die Wahl im Senat, der sowieso schon nur zur Hälfte aus gewählten Mitgliedern besteht, wird zur Farce des Abnickens. Dasselbe gilt für den Aufsichtsrat, dessen 11 Mitglieder das Ministerium bestellt; auch hier ist die Wahl durch den Senat eine Pseudoveranstaltung. Um Unruhe zu vermeiden, sind alte Gremien bislang erhalten geblieben, die aber – wie in Diktaturen – nichts mehr zu sagen haben. Die Merkmale:


- Über die Entwicklung der Universität entscheidet nicht mehr der Senat, das Gremium der gewählten Vertreter der Mitglieder der Universität, sondern der Universitätsrat, ein Gremium von Mitgliedern, von denen die Hälfte aus außeruniversitären „Persönlichkeiten“ besteht. Schon seit 1969 musste der Senat Kompetenzen an den Verwaltungsrat abgeben, ein kleines Gremium, das sich de facto zur eigentlichen Leitung entwickelte, d.h. der Verwaltung die Dominanz einräumte.
- In den Fakultätsräten haben die gewählten VertreterInnen kein Entscheidungsrecht über die Verteilung der Geldmittel für die Sach- und Personalausstattung der Institute. Entschieden wird vom Fakultätsvorstand, einem dreiköpfigen Gremium, das dem Fakultätsrat nicht rechenschaftspflichtig ist.
- Nicht einmal bei der Verteilung der neuen Studiengebühren, beträchtlichen Beträgen – das Deutsche Seminar z. B. hat im Sommersemester 2007 230.000 € erhalten - haben die Studenten, die doch die Geldgeber sind, ein Recht auf Mitentscheidung. Das Rektorat allein entscheidet, und nach Verteilung der Mittel auf die Institute entscheidet die Direktion dieses Institute, wofür Geld ausgegeben wird, ohne jegliche studentische Beteiligung. Das Rektorat wollte 40% in völlig eigener Regie ausgeben. Nur mühsam konnte dieser Anteil in Verhandlungen auf 30% reduziert werden, was ein Student in der Beratungskommission schon als Erfolg verbucht, während 5% angemessen gewesen wären.
- Der Fakultätsrat kann nicht einmal mehr seinen eigenen Dekan / seine eigene Dekanin wählen; den oder die kann faktisch der Rektor bestimmen, der jeden ihm nicht genehmen Kandidaten und jede ihm nicht genehme Kandidatin verhindern kann. Die Wahl ist nur noch eine Farce.
- In allen Gremien, in die im Zuge der Universitätsreform 1969 die Studentenschaft gewählte VertreterInnen entsenden, wurde durch mehrere Maßnahmen dafür gesorgt, dass StudentInnen bei allen wichtigen Fragen nichts mit zu bestimmen haben. Schon in den 1970er Jahren wurde der ASTA als direkt von den Studierenden gewählte Vertretung abgeschafft, nachdem ihm schon zuvor ein Maulkorb verpasst worden war. Der heutige sogenannte U-ASTA (unabhängiger Asta) ist eine nicht legale Vertretung.
- Der Mittelbau – das sind alle nicht habilitierten Lehrkräfte -, neben den Studierenden der große Motor bei der Reform der Universitätsverfassung in den 1960er Jahren , wurde völlig entmachtet; auch die spärlichen Ansätze zu größerer Unabhängigkeit von den Professoren sind heute beseitigt. In Freiburg existiert kein Mittelbaukonvent mehr, er hat sich schon vor Jahrzehnten aufgelöst. An der stummen Servilität des Nachwuchses hat auch der von der Bundesregierung eingeführte „Juniorprofessor“ mit der selbständigen Tätigkeit gleich nach der Promotion kaum etwas geändert, weil in fast allen Fächern dafür gesorgt wird, dass dieses Modell für die Inhaber eine Sackgasse ist, d.h. sie bei Bewerbungen auf eine Dauerprofessorenstelle gegenüber Habilitierten benachteiligt werden.


Nach dem Willen der Landesregierung von Baden-Württemberg soll auch die bestehende Form ausgehöhlter Wahlgremien untergehen. In der jüngsten, geplanten Gesetzesnovelle ist die völlige Abschaffung der Gruppenuniversität vorgesehen. Universitäten können mit Zustimmung des Wissenschaftsministeriums gänzlich von Prinzip der Teilhabe aller Gruppen an der Selbstverwaltung abweichen. Diese Haltung ist zynisch, aber auch logisch. Wenn die Gremien nichts mehr zu beschließen haben, brauchen in sie auch keine Vertreter der verschiedenen Gruppen mehr gewählt werden. Die politische Lage ist offenbar so protestarm, dass sich die Landesregierung das trauen kann.
Selbst da, wo es noch eine Wahl gibt, beim Amt des Rektors, wird diese ausgehöhlt. Wie eine solche Wahl in der Praxis aussieht, zeigte der derzeitige Freiburger Rektor. Wolfgang Jäger betätigte sich als aktiver Totengräber der Rektorwahl. Obwohl er 2005 hätte in Pension gehen müssen, ließ er sich von seiner Claque, der CDU-Regierung und CDU–Fraktion in Stuttgart, ein Gesetz schneidern, das ihm die Verlängerung seiner Dienstzeit ermöglichte.
Bei der anstehenden Wahl knüpfte er seine Kandidatur an die Bedingung, dass kein Gegenkandidat und keine Gegenkandidatin aufgestellt wird. Das Wahlgremium ließ sich diese Erpressung gefallen, und so wurde Wolfgang Jäger als einziger Kandidat erneut zum Rektor „gewählt“.
Der Vorgang zeigt deutlich, dass es in Entscheidungsgremien der Freiburger Universität keine ausreichende Anzahl von Mitgliedern gibt, die demokratische Institutionen der Universität schützen.

Widersprüche der universitären Wissenschaften in der Gesellschaft
Angesichts der Entwicklung zur politischen und profitablen Nutzung der Wissenschaften wird es immer dringlicher, dass sich Forschungen an Leitzielen wie der Erhaltung der Natur, der weltweiten sozialen Gerechtigkeit, der Demokratisierung der Gesellschaften und ihrer Verfassungen orientieren. _ Solange es den Widerspruch zwischen dem auf die egoistische Aneignung gerichteten Interesse privatwirtschaftlicher Betriebe und dem Allgemeinwohl gibt, ein Antagonismus, der immer schlimmer wird, haben staatliche Institutionen wie die Universitäten die Aufgabe, Wissenschaft und Ausbildung an den Zielen der Gesamtheit der Gesellschaft auszurichten und privatwirtschaftliche Interessen einzelner Firmen zurückzudrängen. Eine parteiliche Wissenschaft im Sinne des Allgemeinwohls ist das dringendste Erfordernis der Wissenschaften und des Studiums an den Hochschulen.
In der zweiten Hälfte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden die westdeutschen Universitäten unsanft aus ihrem Dornröschenschlaf im Schloss Elfenbein geweckt und in die politische Realität gestoßen. Die Universitäten erlebten in vielen Fächern eine lebhafte Diskussion über die gesellschaftliche Bedeutung ihres Tuns. Der Tenor war eine Kritik des Gesellschaftssystems der westlichen Industriestaaten und die Rolle der Wissenschaften, vor allem an den Universitäten, in ihr.
Die Kritik am jeweiligen Gesellschaftssystem ist Jahrhunderte lang eine der wichtigsten und vornehmsten Aufgaben gewesen. Gerade wegen der Schäden, die das System Kapitalismus angerichtet hat und anrichtet, fällt den Wissenschaften eine Grundkritik zu. Den Naturwissenschaften ist in den letzten 50 Jahren immer stärker die Rolle einer Wächterin der Natur zugefallen. Zu fordern ist ferner eine Kritik der Weltökonomie und des Eigentumsbegriffs in den Wirtschafts- und den Rechtswissenschaften. Davon ist an den Universitäten kaum etwas vorhanden. In den Wirtschafts- und den Rechtswissenschaften, die es 1967ff nur zu einem Hauch von Systemkritik brachten, ist nach 1989 endgültig eine Konformität eingezogen, die im Hochgefühl des Zusammenbruchs des Sowjetsozialismus keinen Blick mehr für die Schäden unseres Systems hat, die zu analysieren eigentlich ihre Aufgabe wäre.

Die Naturwissenschaften
Ursprünglich und drei Jahrhunderte lang setzten sich die verschiedenen, allmählich sich vermehrenden und sich erweiternden Naturwissenschaften an den Universitäten die Erkenntnis der Gesetze der Natur zum Ziel, ohne Rücksicht auf bestehende religiöse Weltbilder und die mögliche Verwertung dieser Erkenntnisse.
Diese Forschung gibt es auch heute noch, doch ihr Spielraum wird immer enger, eingegrenzt zugunsten einer Forschung im Dienste der produktiven Verwertbarkeit und privaten Aneignung von kommerziellen Firmen. Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa der Astronomie oder Archäologie sind die Naturwissenschaften an den Universitäten auf dem Weg, zu Zulieferbetrieben für kapitalistische Betriebe zu werden, oder sie sind es teilweise schon. Besonders die Naturwissenschaften können keineswegs eine Forschung zum Wohle der Allgemeinheit praktizieren, da sie finanziell abhängig sind von Firmen und Stiftungen, welche die Forschungsprogramme und damit die Erkenntnisziele bestimmen.
Denn auch der Status der Stiftungen und der Veröffentlichungszwang schützt nicht vor einer Forschungslenkung durch den Stiftungsbeirat und damit den Stifter. Und die großen Stiftungsorganisationen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die VW-Stiftung prägen seit Ende der 1970er Jahre Programme, die den Geist der Kritik bestehender Wissenschaft und der Ziele der gesellschaftlichen Nutzung vermissen lassen.
In den 1960er Jahren wurde von der Reformbewegung die Freiheit der Forschung verteidigt, das heißt die Unabhängigkeit bei der Festlegung der Forschungsvorhaben von materiellen Interessen Waren produzierender Privatunternehmen. Außerdem kämpften Studenten und einige Lehrkräfte gegen Militärforschung. Der Kampf gegen die Auftragsforschung, gegen Forschen für den Profit, vor allem in den Naturwissenschaften, war eine zentrale Forderung im Kampf um eine demokratische Hochschule.
Das Resultat dieses Kampfes ist für die Demokraten deprimierend. Es ist selbst gegenüber den 1950er Jahren eine radikale Verschlechterung eingetreten. Heute ist die Höhe der Forschungsgelder aus den öffentlichen Haushalten mit abhängig von der „Einwerbung von Drittmitteln“. Hinter dieser harmlos klingenden Formulierung verbirgt sich die Abhängigkeit der universitären Forschung von privaten Geldgebern, deren Interessen die Ziele und die Inhalte der Forschungen mit bestimmen. Kritiker haben nicht zu Unrecht formuliert, dass naturwissenschaftliche Forschung an Universitäten auf dem Weg ist, zu einem Zulieferbetrieb für die Industrie zu verkommen.[1]
Die Konsequenzen sind auch an der Freiburger Universität sichtbar. Die gravierendste Veränderung der Fächerstruktur nach dem 2. Weltkrieg bestand in der Neugründung einer weiteren Fakultät, der „Fakultät für Angewandte Wissenschaften“ mit ihrem Kern eines „Instituts für Mikrosystemtechnik“, 1995 ins Leben gerufen. Schon der Titel besagt, dass hier nicht mehr Grundlagenforschung betrieben wird, sondern eine Forschung für die technische Ausbeutung für Industriebetriebe. Die „15. Fakultät“, wie sie lange Zeit uni-intern genannt wurde (heute gibt es nur noch 11 Fakultäten), ist ein Beispiel für die ungeschminkte Dienstleistung für die Industrie und die Unterordnung unter deren Bedürfnisse.
Hierzu passt, dass ein „Zentrum für Angewandte Biowissenschaften“ gegründet wurde, das inzwischen aus dem Gebäude der Biologie ausgelagert ist und über einen eigenen Etat verfügt. In dieselbe Richtung geht das „Freiburger Materialforschungszentrum“, abgezweigt aus der Chemie. Die Freiburger Universität wird damit der Fraunhofer-Gesellschaft immer ähnlicher, einer großen Forschungsinstitution mit Sitz in München, bei der anwendungsorientierte Forschung in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft als Ziel und Zweck in der Satzung steht. Schon jetzt ist die personelle Verquickung sehr eng. Institutsleiter bei Fraunhofer sind oft zugleich bezahlte Professoren an Hochschulen.
Diese Verquickung von Privatinteresse und Universitätsforschung wird von Politikerinnen und Politikern auch ganz offen propagiert. Bundesforschungsministerin Annette Schavan erklärt in Interviews, wie sie „Wirtschaft und Wissenschaft verknüpfen“ will.
Eine Fakultät für Ökologie, welche die Erforschung von Umweltschäden und die Entwicklung ökologischer Technologie vereint, wurde nicht eingerichtet. Spät, sehr spät, nämlich im April 2007, wurde unter dem Druck des Jubiläums ein neues Sekretariat gegründet, das „Zentrum für erneuerbare Energien“, keineswegs mit neuen Professorenstellen und eigenem Forschungsetat, dafür aber unter Beteiligung von nicht weniger als sieben von elf Fakultäten, nur als Verbund von bestehenden Instituten und der Beteiligung der Fraunhofer Gesellschaft und des Öko-Instituts. Das Konzept lässt eher auf ein Feigenblatt schließen als auf einen ernsthaften Versuch, Umweltforschung mit der notwendigen Konsequenz zu betreiben. Wie bei anderen noch darzustellenden Vorgängen, etwa dem „Zentrum für Anthropologie und Gender Studies“, ist zu vermuten, dass es sich auch hier um einen Etikettenschwindel handeln wird, denn die Beteiligten haben schon Arbeit und Aufgaben an ihren Instituten genug; vor allem aber fehlt bislang ein Projekt- und Finanzierungsplan. Zur angekündigten „Stiftungsprofessur“ fehlt der Geldgeber, der auszuarbeitende Studiengang „Renewable Energy Management“ ist vorerst nur Wortgeklingel.
Es genügt nicht, dass Dächern von Universitätsgebäuden im Jubeljahr Photovoltaik-Anlagen verpasst werden und Prorektor Karl-Reinhard Volz vollmundige Ankündigungen macht zur Bestückung weiterer Dächer mit Solaranlagen. Es genügt auch nicht, eine Schau-Veranstaltung wie die „Internationalen Umwelttage“ abzuhalten (im April dieses Jahres), sich von dem Hygiene-Professor der eigenen Universität, Franz Daschner, der ausgerechnet auch noch Präsident des Jubelkomitees ist, „Exzellenz im Umweltschutz“ attestieren zu lassen und diesen auch noch mit einem „Umweltpreis“ auszuzeichnen. Kleinklüngeliger geht’s nicht mehr. Die Glaubwürdigkeit bleibt auf der Strecke.
Gefährdet ist die Forschung zum Umweltschutz vor allem deshalb, weil hinter den Forschungen z. T. Millionen Gewinne (oder Verluste) stehen. Das Beispiel der Gen-Forschung zeigt, welche Folgen es hat, wenn Ziele und Resultate unter die Verfügung agrarischer Großfirmen geraten. Der Widerspruch zwischen den gesellschaftspolitischen Zielen zum Wohle der Allgemeinheit und egoistischen Profitinteressen von Firmen zur profitablen Anwendung von Forschungsergebnissen treibt die Naturwissenschaften in die Zerreißprobe, und die jetzige Organisation unserer Gesellschaft führt dazu, dass Firmeninteressen sich immer deutlicher durchsetzen und das Allgemeinwohl auf der Strecke bleibt.
Die Diskussion über diesen Widerspruch wird – und das ist das schlimme Zeichen – kaum von den Universitäten geführt, sondern, wenn überhaupt, von außeruniversitären Organisationen. Die kritische Funktion der Universitäten sinkt dagegen in der politischen Öffentlichkeit immer weiter – in bedrohlichem Ausmaß.

Die Gesellschaftswissenschaften
Die Wirkung der Wissenschaften auf das Weltbild und die politische Entwicklung der Gesellschaften im Sinne der Kritik an den bestehenden Verhältnissen war seit ihrer Gründung eine Hauptaufgabe und das signifikanteste Merkmal der europäischen Universitäten. Die Unabhängigkeit der Professoren in den Zielen der Forschung garantierte dies. Obwohl schon im 19. Jahrhundert die Gesellschaftswissenschaften in den Bereich „Kultur“ abgedrängt wurden, ihre Gegenstände – Kunst, Literatur, Sprache - entpolitisiert und besonders Kunst und Literatur, Philosophie und Psychologie als Kompensation für die Schäden des Kapitalismus fungierten, fanden sie seit den 1960er Jahren, angestoßen durch die öffentliche Diskussion, zumindest teilweise zurück zu einem gesellschaftskritischen Realismus. Besonders sichtbar am Beispiel der Erforschung des deutschen Faschismus oder am Beispiel der Soziologie der Arbeiterschaft prägte das politische Interesse an der Entwicklung der deutschen Gesellschaft wenigstens Teile der Gesellschaftswissenschaften.
Das ist heute Vergangenheit. Die Gesellschaftswissenschaften haben sich von der Diskussion um die Weiterentwicklung der demokratischen Zivilgesellschaft fast ganz verabschiedet.
Schon die Namensgebung und die Veränderung sind charakteristisch. Seit Dilthey nannte man die historischen Wissenschaften in hegelianischer Begrifflichkeit „Geisteswissenschaften“, im Unterschied zu den Naturwissenschaften, und fiel damit, mit Hegels Geist als neuem Gott, hinter die Aufklärung zurück. Ein weltimmanenter, nicht hegelianischer Begriff von „Geist“ müsste die Mathematik zur alleinigen Geisteswissenschaft erklären; sinnvoll wäre er allenfalls noch beim Fach Philosophie. Sprachwissenschaften, Literaturwissenschaften, Psychologie oder Geschichtswissenschaft als Wissenschaften des „Geistes“ zu bezeichnen, ist absurd, da sie Phänomene gelebter Wirklichkeit untersuchen. Vernünftig wäre der Begriff „historische Gesellschaftswissenschaften“, denn Geschichte im engeren Sinn als politische Geschichte, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Verfassungsgeschichte, Mediengeschichte usw., Sprache und Literatur, auch die Philosophie, befassen sich mit Zeugnissen der Geschichte von Gesellschaften, mit unserer Vergangenheit, die uns heute prägt.
Dass sich der vernünftige Begriff „Gesellschaftswissenschaften“ als Sammelbezeichnung nicht durchgesetzt hat, zeigt die Ideologisierung dieser Wissenschaften. Aus der jüngeren Kritik des Begriffs „Geisteswissenschaften“ resultiert an den Universitäten der Begriff „Kulturwissenschaften“ als beliebter Ersatz. Darin dokumentiert sich eine erneute Entpolitisierung, die in die alte Ausgrenzung von Kultur aus der Erforschung der Geschichte der Menschheit unter dem Aspekt ihrer politischen Prozesse zurückfällt.
Ermöglicht hat das die jüngste politische Geschichte. Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts finden sich bis heute alle bundesdeutschen Wissenschaften unter dem Dach der Glorifizierung des Sieges über den ehemals real existierenden Sozialismus zusammen. Es gibt so gut wie keine Kontroversen mehr über die Entwicklung der Wirtschaftsverfassung und des Rechtssystems, über die Fortentwicklung der Demokratie. Die Anstöße dazu kommen von woanders, die Universität trägt kaum etwas dazu bei. Von den historischen Wissenschaften ist nur die weitere Aufklärung der NS-Zeit als politisches Ziel übriggeblieben, aber auch hier dominieren immer mehr englische Studien.
Einen großen Aufschwung genommen hat die Erforschung der Geschichte DDR. Es erscheinen laufend neue Bücher über die DRR, mit der unstillbaren Sucht, die Schlechtigkeit dieser 40 Jahre immer wieder neu nachzuweisen – eine Verzerrung und Verfälschung der Geschichte, die sich immer weiter vom Anspruch der Geschichtswissenschaft entfernt, die Wahrheit über den Prozeß der Geschichte aufzuklären. Die Erforschung der DDR absorbiert alles Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte der Bundesrepublik bis 1989, und wenn etwas erscheint, dann kaum kritisch, sondern geprägt von dem noch immer sichtbar tief in den Gemütern der Historiker sitzenden Antikommunismus der West-BRD seit 1947. Die sogenannte ’68er Bewegung, bedenkenlos als rein linke Bewegung auf dem direkten Weg zur RAF führend, ist der westdeutsche Buhmann, der, wie zu zeigen sein wird, für alles herhalten muss, was zur Zeit schlecht läuft.
Ein rigider Antikommunismus und Antimarxismus trägt bis heute das Hochgefühl bundesdeutscher Wissenschaften. Kürzlich erklärten der Karlsruher-Wiener Philosophieprofessor Peter Sloterdijk, der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann und der dilettierenden Philosophie-Publizist Rüdiger Safranski in einer Diskussion des Nachrichtenmagazins Der Spiegel Hegel zum Sieger über Marx – eine intellektuelle Hochleistung, die vom Bild dieser Wissenschaft „Philosophie“ in der Öffentlichkeit auf den Zustand der Hochschulphilosophie schließen lässt. Ein Aufschrei der Philosophen an den Universitäten gegen die Verballhornung Hegels ist ausgeblieben.
Mit solchem Niedergang der wissenschaftlichen Solidität, ermöglicht durch die politische Konformität, bieten die deutschen Universitäten trotz aller Umtriebigkeit ein Bild strukturkonservativer Erstarrung. Die wenigen Ausnahmen, etwa feministische Forschung oder die anhaltenden Veröffentlichungen zur den Massenmorden des Dritten Reiches, fallen zu wenig ins Gewicht. Forschungen zur Ökologie und zur Entwicklung alternativer Energieformen werden weitgehend von außeruniversitären Forschungsinstituten betrieben. Es ist ein engstirniger, technokratischer und sozialtechnischer Geist in Theorie und Praxis von Forschung und Lehre eingezogen, der dem Muff der 50er Jahre kaum nachsteht; nur die Art des Geruchs hat sich verändert.

Die Rechtslastigkeit der Freiburger Universität
Im folgenden ist an vier konkreten Beispielen zu zeigen, wie der Strukturkonservatismus die Freiburger Universität prägt. Der erste Fall ist die Beurteilung der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Hier zeigt sich die Art der Parteilichkeit im Dienste der Atomindustrie. Der zweite betrifft die Berufung eines ehemaligen NPD-Mitglieds zum C4-Professor für Staats-, Verwaltungs- und Völkerrecht, der mit der Ablehnung von zwei Promovierten ehemaligen Proteststudenten auf eine Mittelbau-Interimsstelle zu vergleichen ist und die Parteilichkeit der Professorenschaft in den Rechtswissenschaften und den Gesellschaftswissenschaften demonstriert. Der vierte betrifft die Wiederzulassung des Farben Tragens studentischer Korporationen auf Universitätsgelände.

27. Juni 1986: Der schwarze Freitag Freiburger Naturwissenschaften
Wie parteilich Naturwissenschaftler sein können, die eigentlich den mathematisch formulierten objektiven Gesetzen der Natur verpflichtet sind und, wie die Mediziner dem Wohl der Patienten, dem Wohl der Natur und damit auch den Menschen, zeigte die Haltung von Freiburger Professoren zur Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl. Als sich nach der Reaktorkatastrophe am 26. April 1986 die Forderung nach Abschalten aller Atomkraftwerke verstärkte, organisierte die Universitätsleitung eine Veranstaltung zu deren Rettung. Auf ihr sprachen der Physiker Kay Runge, der Biologe Hans Mohr und der Radiologe Michael Wannenmacher, alle drei Professoren der Freiburger Universität, die sich als Kenner der Wirkungen radioaktiver Strahlung ausgaben. Über das aktuelle Thema, die Frage der Langzeitschäden kleinerer ionisierender Strahlung, sprachen sie fast überhaupt nicht. Ihre Vorträge bestanden in einer einzigen Glorifizierung von Atomenergie, zu deren Zweck sie, gegen die vorliegenden wissenschaftlichen Studien, die sie offenbar gar nicht kannten, die Gesundheitsrisiken verharmlosten.
Die Ignoranz in ihren wissenschaftlichen Fachgebieten wurde überboten durch eine provozierende Überheblichkeit gegenüber den berechtigten Sorgen der ZuhörerInnen in der voll besetzten Aula. Runge machte Witzchen über die Erhöhung von Grundstücksprei_sen in weniger verstrahlten Gebieten, der Mediziner Wannenmacher präsentierte das Ortsschild des Dorfes „Radium“ in den USA, in dem es nur glückliche Einwohner gäbe. In sexistischer Manier zeigte er nur Frauenköpfe falscher und richtiger Behandlung durch radioaktive Strahlung, und wie der unmenschliche Arzt in Georg Büchners Woyzeck pries er die Schönheit krankhafter Ausprägung, hier eines krebskranken Fingers. Dass hinter den Zahlen möglicher Krebstoten durch Tschernobyl Menschen stehen und dass ein Arzt eigentlich verpflichtet ist, Risiken der Gesundheit abzuwenden, wurde kaum sichtbar.
Der Biologe Mohr sprach ständig von den „Experimenten“ Hiroshima und Nagasaki, ein entlarvender Begriff, der die menschenverachtende Haltung noch dadurch verstärkte, dass „Experiment“ in Anführungszeichen gesetzt wurde. Kein Wunder, dass er für eine autoritäre Expertenwissenschaft eintrat, der sich alle zu beugen hätten, und dass er in einem Beitrag in der Badischen Zeitung heftige Kritik übte an den Mitarbeitern von zwei Max Plack-Instituten, die den Ausstieg aus der Atomwirtschaft forderten, ihnen Kompetenzüberschreitung und „unbegründete Überheblichkeit“ vorwarf.[2] Mohr, der auch im Jahr 2003 noch der Meinung war, der Geheimdienst der DDR habe die bundesdeutschen Universitäten unterwandert, und der stolz darauf ist, so seine Worte, „die unheilvolle Umstrukturierung der Universität [...] zugunsten der linksextremen Kader“ mit aufgehalten zu haben, stilisierte sich zum großen Ethiker der Technikfolgen,[3] während er sich im konkreten Fall als wissenschaftlicher Ignorant in Sachen Atomstrahlung erwies und als unmenschlicher Verteidiger der Atomwirtschaft handelte - ein Beispiel für die Gespaltenheit des Charakters bürgerlicher Eliten im Kapitalismus mit einer besonderen deutschen Tradition.
Dieses Waterloo Freiburger Naturwissenschaftler in ihrem Einsatz für die Atomenergie fand, und das war für uns das Bedrückendste, Unterstützung in der Haltung der Badischen Zeitung, die in Südbaden eine monopolartige Stellung unter den Tageszeitungen hat, und durch den Rektor, der keine Gegenrede in den publizistischen Organen der Universität zuließ. Ich hatte keine Chance, meine Kritik an der Veranstaltung zu veröffentlichen; die Badische Zeitung lehnte meinen Leserbrief ab, ebenso einen weiteren, in dem ich vorschlug, den Schülerinnen und Schülern, die an dem großen Protestmarsch teilnahmen und denen eine disziplinierende Eintragung ins Klassenbuch drohte, in das Zeugnis zu schreiben: „....[Name] kämpfte am 26. Juni 1986 demokratisch gegen die Vernichtungsdrohung durch Atomkraft“.
An der Freiburger Universität waren es nicht NaturwissenschaftlerInnen, sondern Studierende und GesellschaftswissenschaftlerInnen, die sich gegen die Verharmlosung des Reaktorunfalls und atomarer Strahlung durch Atomkraftwerke wehrten. In einem längeren Leserbrief in der Badischen Zeitung warfen neun DozentInnen der Freiburger Philosophischen Fakultäten - die Philosophie-Professorin Ute Guzzoni und ihr Kollege Professor Jan Holl, der Historiker Professor Bernd Martin, der Linguistik-Professor Jürgen Ditt_mann, die Akademische Oberrätin und Sprachwissenschaftlerin Dr. Gisela Schoenthal, die Neugermanisten Professor Hans Peter Herrmann, Professor Erich Kleinschmidt, Professor Carl Pietzcker und ich – letztere sieben alle Deutsches Seminar – der Badischen Zeitung einseitige Berichterstattung vor.
Gisela Schoenthal, Hans Peter Herrmann und ich kritisierten in einem Brief an den Rektor die parteiliche Auswahl der Redner und forderten, in einer künftigen Veranstaltung für das Mindestniveau und die Darstellung von Gegenmeinungen zu sorgen.[4] Ute Guzzoni, Jan Holl, Erich Kleinschmidt, Bernd Martin und Carl Pietzcker baten den Rektor, den Protest von uns dreien in den Freiburger Universitätsblättern, der wissenschaftlichen Hauszeitschrift der Universität, die der Rektor herausgab, abzudrucken. Der Rektor, unser altgermanistischer Kollege Volker Schupp, lehnte den Abdruck ab mit der fadenscheinigen, aber bezeichnenden Begründung, er könne das wissenschaftliche Niveau einer solchen Veranstaltung „einseitig nicht in Frage stellen lassen, zu der die einschlägigen Fakultäten die Informatoren gestellt haben.“[5] Dieses In-Schutz-Nehmen von Ordinarien war eine klare Parteinahme für die Atomlobby, ein Lehrstück, was Herrschaftswissenschaft ist und wofür sich die Universität missbrauchen lässt.
Die Gegenveranstaltung wurde dann auch nicht von Rektorat organisiert, zu welcher der Rektor eigentlich verpflichtet gewesen wäre, sondern von Studierenden, die den Bremer Atomphysiker Jens Scheer einluden, der im Juli 1986 im übervollen Hörsaal 2004, vor vielen Hundert ZuhörerInnen, über die zu erwartenden Schäden durch die Tschernobyler Reaktorkatastrophe auf dem aktuellen Stand der internationalen Forschung sprach. Darüber berichtete die Badische Zeitung nicht.
Fazit: Die Universität Freiburg fühlt sich in einer solchen existentiellen Frage nicht dem Wohl der bedrohten Menschen verpflichtet, sondern den Wirtschaftsinteressen der Atomlobby. Damit bestätigte sich, wieder einmal, die These von der Abhängigkeit von Naturwissenschaftlern von der Privatindustrie.

Der Fall Murswiek
Das politische Klima in den Rechtswissenschaften, aber auch im Senat offenbarte die Berufung von Dietrich Murswiek 1990 zum Professor für Staatsrecht, Verwaltungsrecht und Völkerrecht. Murswiek war ehemaliges NPD-Mitglied, inzwischen aber zur CDU übergewechselt. 1987, also nur drei Jahre vor seiner Berufung in Freiburg, hatte er einen Artikel veröffentlicht, in welchem er in rechtem, nationalistischem Vokabular Umweltschutz „als nationale Aufgabe“ beschrieb und dazu das „deutsche Volk“ als „Lebensgemeinschaft“ und dessen „existentielle Basis“ bemühte. Dieses Vokabular brachte ihm den Vorwurf ein, „rechtsradikal“ zu sein (so der Landtagsabgeordnete Günter Schrempp). Ins Rollen brachten den Fall, wieder einmal, Studierende, der „Arbeitskreis kritischer Juristen“ an der Freiburger Universität.
Pikant war, das Ernst-Wolfgang Böckenförde, Vorgänger auf dem Lehrstuhl und Bundesverfassungsrichter, der Fakultät Murswiek empfohlen hatte. Diese Empfehlung war kein Zufall, wie sich spätere herausstellte, denn Böckenförde trat für die Bewertung des muslimischen Kopftuches als „religiöses Symbol“ ein und dessen Tolerierung, mit einer Argumentation, die den politischen Gehalt dieses Kopftuches als Symbol weltweiter Frauenunterdrückung ignorierte und damit eigentlich das Tor für die Tolerierung auch anderer Symbole wie das des Hakenkreuzes öffnete, da dies bekanntlich auch ein religiöses Symbol ist.
Der Protest gegen die Berufung Murswieks, ausgedrückt auch in einer Unterschriftenliste vieler Lehrkräfte der Universität, hatte keinen Erfolg. Murswiek wurde berufen und lehrt noch heute.
Dieser Fall zeigt die tendenzielle Rechtslastigkeit nicht nur der Freiburger Juristischen Fakultät, sondern auch des Senats, der die Berufung hätte zurückweisen können, und der CDU-Landesregierung, die Murswiek nicht hätte berufen müssen.
Zu diesem Verfahren passt, dass der Universität von der CDU-Landesregierung der Politikwissenschaftler Ludger Kühnhardt aufgezwungen wurde, der eine CDU-Karriere im Staatsdienst gemacht hatte, gegen alle Regeln der Stellenzuweisung und Stellenbesetzung, und die Professorenmehrheit in der Philosophischen Fakultät IV und der Senat mit spielten.
Wie politisch parteilich verfahren wurde, wird deutlich, wenn man sich klarmacht, was im Fall entsprechend linker Ansichten wohl geschehen wäre.

Die Ablehnung von Klaus Theweleit und Fritz Erik Hövels
Bei der vertretungsweisen Besetzung einer Mittelbaustelle für kurze Zeit in Neuerer deutscher Literaturgeschichte wurden Ende der 1970er Jahre die beiden höchst qualifizierten Bewerber nicht berücksichtigt, weil sie in der Studentenbewegung aktiv gewesen waren. Die beiden Bewerber waren Dr. Klaus Theweleit und Dr. Fritz Erik Hövels, beide hier in Freiburg mit der Bestnote summa cum laude promoviert, Klaus Theweleit in neuerer deutscher Literaturgeschichte mit seinem berühmten Buch Männerphantasien bei Hans Peter Herrmann, Hövels in Klassischer - lateinischer - Philologie bei Karl Büchner. Die Stelle erhielt eine nicht promovierte Bewerberin mit der alleinigen Qualifikation einer Staatsexamensarbeit in Slawistik.[6]
Diese Entscheidung war eigentlich mit dem Beamteneid, der zu einer fairen Auswahl nach der wissenschaftlichen Qualifikation verpflichtet, nicht vereinbar. Mir war das zuviel Unrecht. Obwohl nicht Mitglied des Fakultätsrats, bat ich die vier hauptverantwortlichen Professoren: Gerhard Kaiser und Wolfram Mauser, beide Neuere deutsche Literaturgeschichte, Paul Goetsch und Willi Erzgräber, beide Anglisten, um ein Gespräch und hielt ihnen ihr unakzeptables Verhalten vor. Das war kurz vor Einreichen meiner Habilitationsschrift, deren Annahme u. a. möglicherweise von diesen Professoren abhing. Erzgräber drohte mir denn auch nur wenig verblümt, er werde eventuell in meine Habilitationskommission gehen... - der Rest blieb unausgesprochen.[7] Ich konnte mir meinen Protest bei den vier Professoren nur erlauben, weil ich als Lebenszeitbeamter eine sichere Position hatte; selbst wenn meine Habilitation gescheitert wäre, hätte ich weiter Akademischer Oberrat bleiben können.
Dieser Vorgang ist durchaus mit den Vorgängen Murswiek und Kühnhardt vergleichbar. Während die NPD-Mitgliedschaft Murswiek als „Jugendsünde“ verziehen wurde (offiziell, das geheime Einverständnis manches Professors kann man nur vermuten), galt dies nicht für die ehemaligen aufmüpfigen Studenten Theweleit und Hövels. Während die Ultrarechten auf C4-Lehrstühle berufen wurden, durften Theweleit und Hövels nicht einmal für zwei Jahre in der Unterstufe im Deutschen Seminar lehren. Hier zeigt sich auch, dass konservative Professoren nicht vor dem Bruch des Beamteneids zurückschrecken – in der Gewissheit, dass dies in dem rechten Klima der Freiburger Universität und der Landesregierung keine Folgen haben wird.
Es ließen sich weitere Denkwürdigkeiten von Berufungen abführen. Bei der Wiederbesetzung einer C 4-Stelle Anfang der 90er Jahre wurde die von der Berufungskommission beschlossene Liste mit einer als links geltenden Hamburger Bewerberin an erster Stelle gekippt, indem Prof. Dr. Jochen Schmidt die von ihm selbst aufgestellten und beschworenen Regeln der Fairness verletzte und das Ansehen des Dekans und Sprechers des Gemeinsamen Ausschusses, Carl Pietzcker, mit dem Vorwurf unkorrekter Leitung der Berufungskommission universitätsöffentlich demontierte. Berufen wurde ein gerade Habilitierter mit geringer Publikationsliste – ein Verstoß gegen den Grundsatz, nach der Qualität der wissenschaftlichen Leistungen zu urteilen. Hier wurde auch gegen eine Frau auf einer C4-Stelle entschieden.
Ein anderer Fall: Um den als links eingestuften Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger Anfang der 1970er Jahre von Platz eins einer Berufungsliste fernzuhalten, wurde argumentiert, eine Berufung innerhalb Baden-Württembergs würde das Wissenschaftsministerium nicht dulden. Als bald darauf der Stuttgarter christlich katholische und CDU-nahe Philosoph Robert Spaemann berufen werden sollte, galt dieses Argument plötzlich nicht mehr.
Usw.

Das Farben Tragen studentischer Korporationen in der Universität
Wie rechtslastig die Freiburger Universität geführt wurde und mangels erfolgreicher Gegenströmungen war und ist, zeigt auch der Fall Stoeckle und die Korporationen. Wegen ihrer Rolle im Nationalsozialismus war den Studentenkorporationen nach dem Zweiten Weltkrieg verboten, auf dem Gelände und in den Gebäuden der Universität ihre Farben zu tragen.
Trotz ihres Bekenntnisses zur Demokratie blieben die Korporationen ein Hort des Rechtskonservatismus, erkennbar schon daran, dass sie ihre fatale Rolle im Dritten Reich kaum aufarbeiteten und sich nicht für ihre faschistische Vergangenheit öffentlich entschuldigten.
Es gab mehrere Versuche, dieses Verbot aufzuheben, bis zu gerichtlichen Auseinandersetzungen; die Gerichte gaben der Universität Recht.[8] Es war das Anliegen des Moraltheologen (!) Bernhard Stoeckle, als Rektor dieses Verbot aufzuheben, was denn auch 1983 geschah. Eine der Begründungen lautete, man wolle bei Akademischen Feiern nicht auf das Pittoreske von Studenten „im vollen Wichs“ verzichten! Die entschiedenen Proteste von Mitgliedern der Universität, angeführt von dem Historiker Bernd Martin, nützten nichts. Seither kann den politischen Zustand der Freiburger Universität optisch erkennen – z. B. bei der jährlich vom Rektor veranstalteten Feier zur Eröffnung des Akademischen Jahres.

Die Universitätsausbildung
Der Situation in den Inhalten der Wissenschaften entspricht die Art der Ausbildung. Die Verschlechterung der Universitätsausbildung hat sich, nach einer etwa zehnjährigen Phase der Verbesserung, seit Ende der 1970er Jahre bis heute kontinuierlich fortgesetzt. Nach dem Massenansturm seit Ende der 50er Jahre war es das Bestreben, durch Neugründungen von Universitäten und der erheblichen Vermehrung von Professorenstellen und anderem Lehrpersonal erträgliche Verhältnisse in der Lehre zu schaffen. Seit 1975 wird das alles zurückgefahren, kontinuierlich. Die Ausbildungsqualität sinkt ständig, schon allein durch die Veränderung der DozentIn-StudentIn-Relation. Das bisherige Ende der Fahnenstange ist das reduzierte Turbostudium des Bachelor, eine rezeptive Büffelangelegenheit wie im medizinischen Vorphysikum, bei der die Studierenden so gut wie nichts mehr vom forschenden Lernen mitbekommen. Einführung in die Wissenschaft als praktische Teilhabe an ihr? – Pustekuchen.
Die Universitäten befinden sich längst auf dem Weg zur Massenfachoberschule, mit einer Schmalspurausbildung ohne nennenswerten Kontakt zu einem Professor oder einer Professorin, zumindest in den großen Fächern. Auch im Aufbaustudium „Master“ sind die Verhältnisse nicht anders.
Was das z.B. für die das künftige Lehramtsstudium bedeutet, das dem Bachelor angeglichen werden soll, trotz aller Pläne eines Masterstudiengangs, kann sich auch der Phantasielose vorstellen: Die Austreibung des selbständigen Denkens zugunsten rezeptiv angelernten Wissens, das bei den Zertifikaten schriftlich abgefragt wird. Weil jede Note eines „Scheins“ zur Examensnote zählt, wird nur noch auf Teilziele hin studiert. Die Dequalifizierung universitärer Ausbildung wird schwere Schäden für unsere Gesellschaft zur Folge haben. Statt selbstverantwortlich argumentierender Persönlichkeiten geht die Tendenz zu einem angepassten Kulturtechnokraten.

Der ProfessorInnennachwuchs - Assistentinnen und Assistenten
Die Misere der Zwangshierarchisierung der Mitglieder der Universität und vor allem der Lehrenden ist das Resultat der Geschichte der westdeutschen Universitäten in den letzten vier Jahrzehnten. 1959 veröffentlichte Rudolf Walter Leonhardt in der Wochenzeitung Die Zeit sein Pamphlet gegen das System der Nachwuchsförderung, gegen die Servilität von Assistenten und auch Habilitierten ohne Stelle gegenüber den etablierten Professoren. (Der Sündenfall der Germanistik) Bei der Hochschulrevolte und Verfassungsreform ging es auch darum, die Untertänigkeit der Assistenten und Assistentinnen unter den fördernden Professor wenigstens etwas zu lockern. Von den seit damals geschaffenen Verbesserungen existiert heute nur noch das Bewerbungsverfahren nach öffentlicher Ausschreibung der neu zu besetzenden Professorenstelle und die Beurteilung durch Kommissionen.
Die Praxis zeigt, dass dieses Verfahren Seilschaften nicht verhindert, Berufungen weiter nach dem System Vitamin B, also über den fördernden Professor, erfolgen. Die notwendige Unabhängigkeit des Nachwuchses, also in der Regel der Assistenten und Assistentinnen, wurde torpediert. Heute herrscht unter den Assistenten und Assistentinnen, die einem Professor, seltener einer Professorin zugeordnet sind, wieder jene Servilität der 50er Jahre, erweitert und abstrakter gegenüber den Erwartungen konservativer Kommissionsmitglieder, zum Schaden für die Persönlichkeit der jeweils nächsten Generation von Professoren und Professorinnen, die immer noch und wieder verstärkt geprägt ist durch Gehorsam gegenüber Autoritäten, Ängstlichkeit in der öffentlichen Diskussion. Berufungen werden ausschließlich nach Prüfung der Anpassung an strukturkonservative Verhaltens- und Gesinnungsmuster vollzogen – für eine freie Wissenschaft und die Demokratie ein miserables Verfahren.
Kein Wunder, dass es unter den neu Berufenen nur noch angepasste Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gibt – auch da zum Schaden für den Fortgang der Wissenschaften und die Entwicklung unserer Gesellschaft. Die deutsche Universität ist mutiert zu einer Kaderschmiede des Duckmäusertums – mit einem Aggressionsventil in Richtung DDR.

Finanzausstattung und Autonomie
Gegen den Niedergang der Universitäten und den Verlust ihrer Autonomie hilft auch der jüngste, von den Landesregierungen initiierte Strukturwandel der Mittelzuweisung nichts. Die Entwicklung der Universitäten wurde immer schon von den Geldgebern wesentlich mitbestimmt. Noch die jüngste Geschichte der Freiburger Universität zeigt das Eingezwängtsein in den jeweils von der Landesregierung vorgegebenen finanziellen Handlungsspielraum, den politische Ziele festlegen. Der schwer erträgliche Zustand, von den politischen Vorgaben des jährlichen Landeshaushalts abhängig zu sein, führte zu dem Programm, die Universitäten von ministeriellen Detailentscheidungen unabhängig zu machen, festgelegte Pauschalbeträge den Universitäten zuzuweisen und deren jährliche konstante Höhe zu garantieren.
So lobenswert der Gedanke ist, in der Praxis bedeutet er keine Verbesserung. Der Kampf hat sich lediglich von dem Zerren zwischen Universitäten und Landesregierungen verlagert auf den Kampf in der Universität zwischen den Fakultäten und hier wieder zwischen den Fachinstituten. Schlimmer noch: da es über die Finanzmittelverteilung keine Beschlüsse mehr von gewählten Gremien gibt, sind bis auf wenige „Funktionsträger“ wie Dekane und Institutsleiter die Lehrenden wie die Studierenden völlig ausgeschlossen von der Mitwirkung an Beschlüssen über die Mittelverteilung. Und auch für die Universität als ganze ist diese Situation prekär: sie kann sich keine Mittel auf dem freien Geldmarkt beschaffen. Die sogenannte und proklamierte Selbständigkeit der Universitäten ist Augenwischerei, eine Hohlform für die Beeinflussung der Öffentlichkeit, aber keine Verbesserung der Situation der Universitäten.
Diese neue Art der Bereitstellung von Forschungsgeldern schränkt nicht nur die Universitäten insgesamt ein, sondern benachteiligt auch alle diejenigen Fächer, deren Ergebnisse keine unmittelbare industrielle Verwertung erlauben. Hauptbetroffene sind die Gesellschaftswissenschaften. Deren Niedergang durch das Abdrängen ins finanzielle Abseits ist von den strukturkonservativen Rambos auch deswegen gewollt, weil von einigen Wissenschaften Impulse zu einer emanzipierteren, besseren Gesellschaft mit mehr sozialer Gleichheit ausgingen. Immerhin wird inzwischen überall – besonders im „Jahr der Geisteswissenschaften“ – vor dem „Ausverkauf der Geisteswissenschaften“ gewarnt, und es gibt von der DFG, der Thyssen-Stiftung und der Stiftung Volkswagenwerk Absichtserklärungen zur Förderung der Gesellschaftswissenschaften.
Ob etwas daraus wird, bleibt abzuwarten. Skepsis ist angebracht. Denn wie sagte kürzlich Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte, die Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)? „Bei der Förderung geisteswissenschaftlicher Forschung geht es um die Bewahrung spezifischer Exzellenzkriterien unter den veränderten Rahmenbedingungen knapper Ressourcen“.[9] Das heißt im Klartext: Nur wenige Universitäten werden überhaupt noch etwa bekommen – und weniger. Und warum? Weil mit der Exzellenzinitiative „auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft verbessert werden“ soll. Gehandelt wird nach dem Motto: Askese ist die beste Motivation zur Hochleistung.
Der andere Grund liegt nach DFG-Meinung auf der Hand:


Viele deutsche Hochschulen haben sich noch immer nicht von 1968 erholt. Sie sind nach wie vor durch und durch politisiert. [...] Hier und dort hat man schon begonnen, die Fundamente der Wissenschaft vom Zeitgeistmüll der demokratischen, gremienbestimmten 68er-Gesamthochschule zu befreien.“ [10]


Das Weltbild, da sich darin dokumentiert, ist erschreckend: Die Gesamthochschule als links zu diffamieren ist untragbar. Das Eintreten für eine unpolitische Hochschule ist, das wurde längst bewiesen, eine Illusion. Wer dennoch sich dafür einsetzt, plädiert de facto für eine rechte konservative Politik der Hochschule. Wer sich in einem demokratischen Verfassungsstaat für eine undemokratische Hochschule einsetzt, ist ein Systemveränderer in Richtung faschistoidem Obrigkeitsstaat.
Es geht hier nicht um die Meinung von irgend jemanden, sondern um die Äußerungen im repräsentativen Hausorgan der DFG. Welche Konsequenzen wird die DFG gegenüber Stefan Hüfner ziehen? Ich vermute: keine.

Die „Exzellenzinitiative“
Da die Kapitalausstattung des Unternehmens „Universität“ so dürftig ist, wurde schon vor Jahren den Universitäten als Ziel vorgegeben, sich selbst Kapital zu besorgen, keineswegs aber über Bankenkredite oder die Umwandlung in Aktiengesellschaften, sondern durch Spenden. Obwohl die Universitäten in ihrer Führungs- und Verwaltungsstruktur immer mehr Aktiengesellschaften angeglichen werden sollen, wird ihnen die Beschaffung von Kapital auf dem freien Kapitalmarkt verwehrt. Das Elend der „Drittmitteleinwerbung“ bedeutet, dass die Universitäten bei ihren privaten Geldgebern zu Kreuze kriechen müssen und eine Kontinuität der Finanzierung nicht möglich ist.
Um die politisch bewusst erzeugte Armut zu verdecken, hat sich die deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) den Trick ausgedacht, ein paar Universitäten einen Batzen Geld zu geben, die anderen dafür ganz leer ausgehen zu lassen. Diese Absicht der finanziellen Besserstellung von einigen wenigen Universitäten soll von der bewusst herbeigeführten Armut aller Universitäten ablenken.
Schon der Name „Exzellenzinitiative“ weist auf Schaumschlägerei.[11] Es zeigt sich schon jetzt, dass die Ausstattung der „exzellenten“ Universitäten kaum an das heranreichen wird, was alle Universitäten als Minimum benötigen. Insgesamt bleibt das politische Ziel der Regierungen und Parlamente, wie bei allen anderen öffentlichen Schulen, der Pauperismus.[12]
Die Freiburger Universität hat sich beworben, wurde unter die ersten zehn Universitäten eingereiht und hofft mit einem neuen Antrag, am 19. Oktober 2007 als Spitzenuniversität deklariert und mit zusätzlichem Geld ausgestattet zu werden. Aus ihrer Misere wird die Freiburger Universität aber auch dann nicht herauskommen, wenn sie als „exzellent“ ausgewählt und mit einem Füllhorn zusätzlicher Gelder betröpfelt wird. Denn der Antrag der Universität, mit wenig Fingerspitzengefühl „Windows for Research“ genannt, weil sich gleich die Assoziation zu dem unsicheren Computer-Betriebssystem von Microsoft einstellt, und dem wenig souveränen Untertitel: „Zukunftskonzept zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung“ zeigt, dass die Gelder nur wenigen Fächern und schon gar nicht der Lehre zugute kommen.
Die Ziele – „Forschungsfreiräume für Freiburger Wissenschaftler“ (Wissenschaftlerinnen werden, zumindest sprachlich, nicht einbezogen), Kommunikation zwischen den Disziplinen und Internationalisierung der eigenen Tätigkeitsfelder – sind an sich nicht einmal schlecht, lesen sich aber in der Umsetzung wie begrifflich und bürokratisch aufgeplusterte Alltäglichkeiten.
Die Universität Freiburg will – wieder einmal – eine neue Einrichtung schaffen, in sich international gebendem angelsächsischen Idiom: Das „Freiburg Institute for Advanced Studies“ (FRIAS) soll vier Forschungsgebiete finanzieren:


- Historical Studies
- Language and Literature
- Life Sciences
- Soft Matter Science


Die Ausführungen zeigen, dass die englische Formulierung Internationalität vortäuschen will, dass schlicht gemeint ist die Förderung der Geschichtswissenschaften, von Sprach- und Literaturwissenschaften, Biotechnologie und Materialwissenschaften. Der Ansatz ist plausibel: Gefördert werden sollen Gebiete, auf denen, so die Meinung der Antragsteller, die Freiburger Universität jetzt schon besondere Leistungen aufweisen kann. Die konkreten Forschungsfelder sind eher hausbacken, etwa „vergleichende Europäische Geschichte“. Als wenn das nicht seit Jahrhunderten überall gemacht würde!
Es ist auch nicht einzusehen, warum dazu ein eigenes Institut gegründet werden muss, wenn solche Forschungsschwerpunkte bereits bestehen. Hier ist Etikettenschwindel am Werk, vier bis fünf zusätzliche Direktorentitel und offensichtlich viel bürokratischer Leerlauf sollen den Antrag, möglichst in englischen Vokabeln, aufpeppen.
Als zweites werden Gelder für den Aufbau Eines „Zentrenprogramms“ beantragt zur „Errichtung transdisziplinärer Zentren zur Entwicklung innovativer Exzellenzbereiche“. Die Wortwahl spricht für sich selbst: was unter „innovativem Exzellenzbereich“ zu verstehen ist, soll möglichst geheim bleiben. Zusätzlich wird beantragt ein sog. „Forschergruppen-Programm“, „primär zur Leistungssteigerung von Fächerverbünden“.
Die Forderung nach Interdisziplinarität taucht, so meine 36jährige Berufserfahrung als Dozent der Freiburger Universität – immer dann auf, wenn keine substantiellen Vorschläge gemacht werden. Die Zusammenarbeit von Fächern an sich bildet kein Programm. Sie ist nur sinnvoll bei konkret formulierbaren Projekten, deren Ziel klar bestimmbar ist. Im Gegenteil: Programme zur allgemeinen Kommunikation der Fächer untereinander produziert Arbeit ohne Nutzen. Sollen damit weitere aufgeblasene Papiertüten wie das „Zentrum für Business and Law“ gefördert werden?
Als drittes soll eine „Internationale Graduiertenakademie Freiburg“, die bereits gegründet ist, ausgebaut werden. Wer darunter die Förderung von Promotionen vermutet, liegt eher falsch. Das Institut soll die Promovierenden mit „Strukturvorgaben, Qualitätsstandards und Qualifizierungsmaßnahmen“ unter Druck setzen. Weh denjenigen, die in die Fänge einer solchen Einrichtung geraten! Und das werden alle sein, denn eine dreistufige Bürokratie sorgt für den Zwang für alle, die in Freiburg promovieren wollen. Sie geraten unter die Fuchtel einer Einrichtung, die unter dem Mantel „Förderung“ Druck ausüben wird. Ziel ist, die Förderung durch einen Professor oder eine Professorin zu übergreifen und zu unterlaufen. Bestenfalls werden die Doktoranden und Doktorandinnen mit überflüssigen Pflichtveranstaltungen behindert, die ihnen Arbeitszeit stehlen.
Obwohl der „Direktor“, der Altgermanist Hans-Jochen Schiewer, ein freundlicher und wohlwollender Mensch ist, dessen Person eigentlich für Hilfe statt Druck stehen sollte, kann man sich unter der im Detail vorgestellten Form nur einen Alptraum für alle Doktoranden und Doktorandinnen vorstellen, falls die Teilnahme nicht freiwillig bleibt.
Dass eine solche Promotionsschule gegründet wird, hat auch damit zu tun, dass die Forschungsprofessoren keinen Nachwuchs mehr ausbilden. Wer keine Seminare für Studenten und Studentinnen macht, kann auch deren Leistungen nicht beurteilen, also sich auch nicht um wissenschaftlichen Nachwuchs kümmern. Es kommt einem pervers vor, dass Promotionen künftig fast nur von reinen Lehrprofessoren gefördert werden. Krasser kann die Trennung von Forschung und Lehre kaum ausfallen.
Dieser Antrag steht im Zusammenhang mit der „Entwicklung qualitätsorientierter Auswahlverfahren für Studierende“. Dahinter verbirgt sich ein totaler interner numerus clausus. Die Universität Freiburg will bei Anfänger-Studierenden und auch bei Universitätswechslern Aufnahmeverfahren einführen. Die gesonderte Förderung soll also das Vehikel sein, um sich gemeine Studierende vom Hals halten zu können. Freiheit der Wahl des Studienortes? - Ade!
Entlarvend ist der vierte Antrag. Ein „Science Support Centre“ („centre“ immerhin englisch und nicht amerikanisch geschrieben) soll professionelle Unterstützung bei der „Beantragung und Abwicklung von Drittmittelprojekten“ bieten. Dieses Zentrum besteht bereits. Der bombastische Ausbau zeugt von dem Wandel in der Forschungsfinanzierung. Es wird eine Bürokratie geschaffen für die Beschaffung von Mitteln auf dem Spendenmarkt. Die immer weitere Abhängigkeit von privaten Geldgebern ist offenbar nicht mehr aufzuhalten.
Das erkennbare Verfahren: Die Universität Freiburg versucht sich zu qualifizieren durch bürokratische Einrichtungen ohne erkennbaren Nutzen. Das non plus ultra in dieser Entwicklung ist der „Zentrenverbund für Studienreform und Weiterbildung (ZWS)“, in der folgende acht Einrichtungen zusammengefasst sind, deren Titel frau wie man gelesen haben sollte:


- Central Student Advisory Office
- Advice Center (jetzt in amerikanischer Schreibweise) for Curriculum Development
- Teacher Trainíng Center
- Ethical-Philosophical Foundation Course
- Center of Key Qualifications
- Center for the Advancement of University Teaching and Learning
- Career Center
- Center for Continuing Education (with Academy of Continuing Education)


Wer sich das in der Praxis vorzustellen vermag, wird herausfinden, dass es sich überwiegend um Felder des Faches Pädagogik handelt. „Direktor“ dieser „Academy“ ist aber ein Altgermanist. Hier wird offenbar für Selbstverständliches ein pompöser Aufwand betrieben – eine der vielen Mogelpackungen.
Sehr fragwürdig ist der Plan, die Qualität der Freiburger Universität durch Berufungen ausländischer Wissenschaftler/innen zu steigern; angestrebt wird ein Anteil von 30 Prozent. Staatsbürger eines anderen Landes zu sein ist noch kein Merkmal für Qualität. Die Vorstellungen von internationaler Konkurrenz, die dahinterstehen, sind an sehr merkwürdigen Vorstellungen von Globalisierung gebildet. Zu welchen abstrusen Vorspiegelungen und Bürokratisierungen eine solche Internationalität der Konkurrenz führt, zeigt der Antrag der Freiburger Universität in geradezu erschreckender Weise. Die Verfasser haben nicht einmal ein Bewusstsein ihres Tuns; ein Mildern der Monstrositäten durch relativierendes Nachdenken fehlt völlig.
Zu Sprache und Inhalt des Antrags muss man allerdings wissen, dass diese elende Pseudowissenschaftlichkeit von der DFG vorgegeben wurde. Es sind eben „Exzellencluster“, wie die Hauszeitschrift der DFG verkündet, deren „Förderlinie“ man folgen muss, will man einen € oder gar zwei ergattern. Was in dieser Zeitschrift im Zusammenhang der „Exzellenz“ an Sprachmüll und Inhaltsentleerung betrieben wird, grenzt an Genialität - kurz vor dem geistigen Kollaps.
Wen wundert da noch, dass die Freiburger Universität sich mit entsprechenden Zielen und Vorgaben in lächerlich amerikanisierter Sprache bewirbt?[13]

Die Trennung von Forschung und Lehre
Sie gilt als das immer neu beschworene höchste Gut aller Universitäten: Die Einheit von Forschung und Lehre. Alle Studierenden sollen in ihrem wissenschaftlichen Studium von Lehrkräften ausgebildet werden, die nicht nur lehren, sondern auf ihrem Fachgebiet auch forschen.
Dieses Prinzip ist schrittweise aufgeweicht worden, vor allem durch die Einführung von sog. Akademischen Räten für das Grundstudium seit Mitte der 1960er Jahre. Diese wie Studienräte bezahlten Hochschullehrer sollten vorwiegend nur lehren, eigene Forschung gehörte nicht zu ihren Dienstaufgaben. Dass viele Akademische Räte dennoch forschten und sich auch habilitierten (wie ich selbst), unterlief die Trennung der wissenschaftlichen Dozenten in forschende Professoren und nicht forschendes Fußvolk und damit die Trennung in einen Teil minderer und einen Teil besserer Lehre.
Jetzt soll – nach dem Entwurf der Baden-Württembergischen Landesregierung eines „Ersten Gesetzes zur Umsetzung der Föderalismusreform im Hochschulbereich (EHFRUG)“, hinter dessen hochtrabendem Titel sich schlicht eine Novellierung des Hochschulgesetzes verbirgt – jetzt soll die Trennung in Forschungsprofessuren und Lehrprofessuren vollzogen werden – die endgültige Trennung von Forschung und Lehre. Noch krasser wird es beim „Junior-Hochschuldozenten“, der 12-16 Stunden lehren soll, dem zwar Forschen formal gestattet, aber de facto unmöglich gemacht wird. Diese Formalität besitzen „Akademische Mitarbeiter“ nicht, die bei ausschließlicher Lehre bis zu 25 Stunden geben sollen. Pikant ist auch, dass alle „Akademischen Mitarbeiter“, die nicht innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes eine neue Dienstaufgabenbeschreibung haben, einheitlich 25 Stunden geben sollen. Dazu kommt noch die Ausweitung von befristeten Verträgen, die im „Wissenschaftszeitvertragsgesetz“ (sic!) geregelt wird. Arme Universität!
Diese Vorgaben zeigen, mit welchen Riesenschritten die Universität in Richtung Fachoberschule mit Forschungsinseln geht, zu denen es keine Brücken, nicht einmal einen Fährverkehr gibt, mit einer sehr weitgehenden und umfassenden Trennung von Forschung und Lehre.
In der Freiburger Universität stört das offenbar nur den U-Asta, der Personalrat informiert wenigstens noch und merkt an, dass sich die Kürzel EHFRUG für die Novelle auf „Unfug“ reimt. Protest wurde sonst nicht vernommen. Warum auch: Die derzeit lehrenden Professoren, Professorinnen, Hochschuldozenten, Hochschuldozentinnen, Assistenten, Assistentinnen, Akademischen Räte und Rätinnen mit Lehraufgaben – alle haben ihre hehren Grundsätze offenbar aufgegeben. Spricht man mit einigen persönlich, kommt ein resignativer Zynismus zum Vorschein: Es lohne nicht, dagegen vorzugehen, man könne nichts mehr machen. Jeder will seine Kräfte auf seine aktuellen Aufgaben konzentrieren.

Die Studentenschaft
Die Misere der Freiburger Universität resultiert auch aus der Zusammensetzung der Studierenden. Es gibt leider keine Statistik über die soziale Lage der Elternhäuser Freiburger StudentInnen, so dass man sich an die jüngsten, empirisch erhobenen Zahlen für die gesamte Bundesrepublik halten muss.
Nach der „18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks“, 2007 veröffentlicht, deren Basis die Befragung von 17.000 Studierenden im Jahr 2006 ist, studieren 83 Prozent der Kinder von Akademikern, aber nur 23 Prozent von Nichtakademikern.
Diese Zahlen belegen, dass der große Kampf seit den 1960er Jahren, mehr Kindern aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien ein Hochschulstudium zu ermöglichen, nur kurze Zeit eine Verbesserung bewirkt hat. Während 1982 wenigstens noch 23 Prozent der Studenten aus der „niedrigen“ Schicht stammten, sind es 2006 nur noch 13 Prozent. Es ist davon auszugehen, dass die Einführung der Studiengebühren die Lage noch verschlechtern wird.
Bei Freiburg kommt hinzu, dass sie den Ruf einer Freizeituniversität hat. Früher ging man nach Freiburg, um im Winter bequem Ski zu laufen, um das Bächle-Städtle als idyllische Antigroßstadt zu genießen, wie die Rentner in die deutsche Provence oder Toscana zu ziehen, in die wärmste deutsche Stadt mit 367 Tagen Sonnenschein, usw. Wenngleich es keine Erhebungen gibt und die Zeiten härter geworden sind, so ist doch unverkennbar, dass Freiburg ein studentisches Mittel- und Oberschichtenmilieu hat, welches die Zahlen des Studentenwerks noch weiter zugunsten der Kinder aus Akademikerfamilien übertreffen wird.
Die Freiburger Universität tut nichts dagegen, im Gegenteil: Die Alumni-Animationen z.B. zeigen, dass alles auf eine Verschärfung der sozialen Schieflage hinausläuft. Das gebildete Bürgertum feiert sich selbst, auf Kosten der anderen Klassen der Gesellschaft. Eine Schande.

Entwicklungen an der Freiburger Universität[14]
Wenn im folgenden negative Beispiele für die Entwicklung der Freiburger Universität aufgeführt werden, so soll wenigstens am Anfang gesagt sein, dass es auch positive Modernisierungen gegeben hat, die bis heute bestehen und fortentwickelt sind:


- Die Freiburger Universität verfügt über eine ausgezeichnete Universitätsbibliothek, nicht nur in den Beständen, sondern auch was die Organisation und Benutzung angeht.
- Nicht weniger hervorragend ist das Rechenzentrum als Zentralstelle aller elektronischen Datensysteme.
- Keine Mogelpackung ist der Titel des „Instituts für Informatik und Gesellschaft“, denn unter der Leitung der Professorin Britta Schinzel werden sogar Lehrveranstaltungen zu „Technik, Kulturen und Geschlecht“ angeboten.
- Sinnvolle Arbeit leistet auch das Frankreich-Zentrum für den Austausch von deutschen und französischen Studierenden, ebenso die „Europäische Konföderation der Oberrheinischen Universitäten (EUCOR), in der Universitäten der drei Länder Frankreich Schweiz und Deutschland zusammenarbeiten.
- Erheblich verbessert hat sich auch die Situation des Universitätsarchivs, das lange Jahre für Mitglieder der Universität fast unzugänglich war. Durch den Kampf des Historikers Prof. Dr. Bernd Martin ist das Archiv wieder frei zugänglich und hat mit Dr. Dieter Speck einen professionellen Leiter.
- Spät, sehr spät, nach Jahrzehnten des Mauerns und Verhinderns, aber mit jetzt angemessener Gründlichkeit trotz immer noch einiger Lücken, ist die nationalsozialistische Vergangenheit aufgearbeitet worden. Auch die Universitätsleitung erkennt die Schuld der Universität in der nationalsozialistischen Ära an; die Würdigung ihrer Opfer ist heute in Gebäuden der Universität sichtbar.

Diesen Einrichtungen stehen eine größere Anzahl von „Zentren“ gegenüber, die nur der äußeren Image-Pflege dienen. Die jüngste Geschichte zeigt, dass dagegen wichtige Institutionen verhindert wurden. Wie an der Freiburger Universität in den letzten vier Jahrzehnten die Entwicklung behindert wurde, zeigen zwei charakteristische Beispiele:


- die Verhinderung eines Instituts für Medienwissenschaften und
- die Verhinderung eines Lehrstuhls für Frauenforschung.

Die Verhinderung eines Instituts für Medienwissenschaften
Die Institutionalisierung der Erforschung der Medien – vor allem der elektronischen Medien, also der Fernsehanstalten, des Rundfunks, aber auch des Films, von Theater und Presse, wurde seit Anfang der 70er Jahre gefordert. Fächer wie Romanistik, Anglistik und Neugermanistik erbrachten Vorleistungen durch befristete Lehraufträge für Dozenten und Dozentinnen, die auf diesem Gebiet wissenschaftlich publizierten. Seminare über Literaturverfilmungen kamen in Mode. Auf Rektoratsebene wurde eine Kommission zur Einrichtung eines audiovisuellen Medienzentrums mit der notwendigen technischen Ausstattung eingesetzt. Ich war selbst in der Kommission zur Ausarbeitung eines Plans, den der Romanist Josef Fuckerieder, der Germanist Helmut Rössler und ich – alle drei Mittelbaulehrkräfte - ausgearbeitet haben.
Der Neugermanist Wolfram Mauser und der Anglist Pauls Goetsch unterstützten den Plan und fungierten als Kommissionsleiter. Besonders Wolfram Mauser, einer der großen Reformer an der Universität seit seiner Berufung 1964, besonders des Deutschen Seminars und der Universitätsbibliothek, hat sich intensiv um die Einrichtung eines Medienlehrstuhls mit einem selbständigen Institut bemüht.
Als der Plan fertig war, kam 1980 das endgültige Aus, vom Verwaltungsrat begründet mit den von der Landesregierung verordneten Sparmaßnahmen, die in der Tat den Spielraum der Freiburger Universität einengten. Der Plan wurde aber nicht aufgeschoben, sondern gleich ganz ad acta gelegt. In Wirklichkeit scheiterte die Etablierung von Medienwissenschaften an einflussreichen Konservativen im Verwaltungsrat und im Senat, an ihrer Spitze Friedrich Wilhelm Siburg, dem Kanzler der Universität. Mausers einflussreicher Gegenspieler war der Altgermanist und Sprachwissenschaftler Hugo Steger. Auch hier spielte die Angst vor einem gesellschaftskritischen, möglicherweise „linken“ Institut eine große Rolle.
In Freiburg kann frau-man bis heute nicht Medienwissenschaft studieren, nicht einmal Theaterwissenschaft. Die Sprach- und Literaturwissenschaften, die Soziologie und das Fach politische Wissenschaft benötigen aber dringend eine Institut für Medienkunde mit einem entsprechenden selbständigen Studiengang. Dass es das nicht gibt, hat zu einer Verarmung und Provinzialisierung der Gesellschaftswissenschaften an der Universität Freiburg geführt. Der Fächerkanon in der – nach heutiger Einteilung – Philosophischen und in der Philologischen Fakultät blieb auf dem Vorkriegsstand stehen, es fand keine Entwicklung statt, welche neue gesellschaftliche Veränderungen in den Formen der Öffentlichkeit durch den großen Aufschwung der elektronischen Medien aufgreift, die immer einflussreicher geworden sind, dem Medium Druckschriften längst die Vorrangstellung genommen haben. Hier hätte die neue Dimension des Internets Platz gefunden. Stillstand in der Wissenschaft ist Rückschritt, und die Freiburger Universität hat sich hier selbst ins Abseits manövriert.

Die „neuen Medien“
Seitdem hat das Zeitalter des Internets begonnen. Hier ist die Universität tätig geworden. Was sie als „Medienentwicklungsplan“ in Gang gebracht hat, ist eine Elektronisierung des Studiums. Bereits 10.000 Benutzer/innen lernen mit „vorlesungsbegleitenden Materialien“. Die Entpersönlichung des Studiums schreitet voran. Die Universität arbeitet daran, sich die lästige Ausbildung von Studentinnen und Studentinnen über den Weg elektronischer Textvermittlung vom Hals zu schaffen. Sicher keine Besonderheit der Freiburger Universität, aber eine entsetzliche Entwicklung, die sich schon seit Jahren darin abzeichnet, dass wegen des Massenandrangs Gegenstände und Gebiete, die eigentlich in Seminaren, in denen die Studierenden diskutieren und Arbeiten schreiben müssen, über Vorlesungen mit abschließender Zentralklausur „vermittelt“ werden. Die Zukunft wird dann so aussehen, dass nur eine ausgewählte Schar förderungswürdiger Subjekte noch mit einem Professor oder einer Professorin reden darf.[15]
Der im Antrag titulierte „Medienentwicklungsplan“ hat nichts mit den sozialen Notwendigkeiten zu tun. Zumindest der Lehramtsstudiengang müsste obligatorisch ein Seminar über die Medien Film, Fernsehen, Rundfunk und Internet verpflichtend machen, in dem es nicht um die Benutzung eines PC, sondern um die gesellschaftliche Folgen dieser Medien geht. Anders als an andern Universitäten fehlen in Freiburg die elementarsten Voraussetzungen dafür. Dass im Antrag der „Exzellenzinitiative“ kein Institut oder wenigstens „Zentrum“ für Medien gefordert wird, bestätigt die Rückständigkeit.

Die Verhinderung ein Professur für Frauenforschung
Ebenso offensichtlich durch Ängste konservativer Männerprofessoren bedingt war das Resultat des Kampfes um eine Professur für Frauenforschung. Die Institutionalisierung der Erforschung von Frauengeschichte, ein dringendes Erfordernis, um die Aufhebung der Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft zu fördern, wurde abgewürgt. Gekonnt war die elegante Erledigung durch die scheinbare Förderung. Da fast alle Professoren verheiratet sind, fiel es manchen schwer, ihre Ablehnung gegenüber ihren Ehefrauen zu begründen.
Der gesellschaftliche Druck in Richtung Frauenförderung war zu groß für ein krasses Nein. Zugelassen wurde ein „Zentrum für Anthropologie und Gender Studies“, für das heute –2007- wissenschaftlich zuständig sind eine Soziologien (für „Gender Studies“) und ein Althistoriker (für Anthropologie). Es gibt nicht einmal eine Stiftungsprofessur, d.h. eine von einem privaten Geldgeber finanzierte Professorinnenstelle. Das „Zentrum“ ist nicht mehr als eine Geschäftsstelle, kein Institut mit eigenem ordentlichen Etat. Der Fortschritt, dass es seit 2001 einen Magisterstudiengang für Gender Studies/Geschlechterforschung gibt, wird gleich eingeschränkt durch die Beschränkung auf Nebenfach.
Schon der Name dieses „Zentrums“ sagt alles. Er klingt wie das Abrücken von etwas Ekligem. Der Begriff „Frau“ kommt gar nicht vor. „Gender“ umfasst auch Männer und klingt zudem harmloser als „Geschlecht“, etwa in „Geschlechterrollen“. Der deutsche Begriff „Forschung/ Erforschung“ wird im amerikanischen Begriff „Studies“ vermieden. „Studien“ können alles mögliche sein, die Systematik von Forschung enthält dieser Begriff erst gar nicht, um die Inferiorität des Unternehmens zu betonen.
Ein eigenes Programm von Lehrveranstaltungen kann unter solchen Umständen nicht zustande kommen. Jahrelang wurde jedes Semester ein hektographiertes Verzeichnis herausgegeben mit Lehrveranstaltungen in vielen Fächern, die irgendwo etwas mit dem Thema Frauen und Geschlechtsrollen zu tun haben. Ein Zusammenhang besteht nicht. Das „Zentrum“ hat kein Zentrum. Vortragsveranstaltungen können das nicht ausgleichen.
Die – unter diesen Umständen – recht beachtlichen Aktivitäten der Geschäftsstelle können nicht verhindern, dass das „Zentrum“ zwangsläufig das Bild einer Mogelpackung abgibt. Die Antifeministen haben es geschafft, etwas für Frauenforschung zu tun, was nichts ist. Eine beachtliche Leistung! Insgesamt ist dieses „Zentrum“ (ich selbst bin Gründungsmitglied) eine Schande für die Freiburger Universität, gemessen an dem, was gesellschaftlich notwendig wäre.

Wissenschaftlerinnen an der Freiburger Universität
Eine sich modern gebende Universität braucht eben nur ein vorzeigbares liberales Image, die Substanz kann fehlen. Wie dieses Bild geschaffen werden kann, ohne dass dem Bild die materielle Wirklichkeit entspricht, zeigt neben dem „Zentrum für Anthropologie und Gender Studies“ (ZAG) die Praxis der Berufung von Wissenschaftlerinnen.
Verbal und deklamatorisch wird einiges zur Förderung von Frauen getan, etwas auch praktisch sozial. Es gibt die „Ständige Senatskommission zur Förderung von Wissenschaftlerinnen und Studentinnen“. Jede Fakultät hat eine Frauenbeauftragte. Auf der Ebene der Gesamtuniversität gibt es noch einmal eine Frauenbeauftragte. Die Frauenbeauftragten der Fakultäten dürfen in den Berufungskommissionen anwesend sein. Bei jeder Ausschreibung, die geschlechtsneutral formuliert sein muss, wird im Text gesagt, dass die Universität Freiburg bestrebt sei, den Anteil von Frauen zu erhöhen. Es gibt einen Förderpreis für Frauenforschungen und Stipendien für Frauen mit Kind/ern zum Wiedereinstieg. Als ganz großer Fortschritt wird eine Kindertagesstätte, die „Uni-Kita“, gepriesen, die es seit zehn Jahren gibt.
Das alles, einschließlich der Erweiterung der Kindertagesstätte, kurz: „der Familienservice“ soll in der Exzellenzinitiative noch verstärkt werden.
Wie die Praxis wirklich verläuft, zeigt die Statistik. Zwar erhöht sich der Anteil an Frauen bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern, bei den C4-Stellen, also den alten Ordinarien, sieht es nach wie vor düster aus; der Anteil beträgt derzeit gerade mal 6,7%. Der Anteil von Frauen an den Habilitationen sinkt: von 17.9% im Jahr 2001 ist der Anteil auf 14,3% im Jahr 2006 gefallen.[16] Dass es an anderen Universitäten nicht besser zugeht, ist kein Einwand und keine Entschuldigung.
Das Verfahren in den einzelnen Fächern ist unterschiedlich. In der Anglistik z.B. wurden mit Monika Fludernik (1994) und Barbara Korte (2002) zwei Wissenschaftlerinnen auf C4-Lehrstühle berufen. Andere Fakultäten wie die Rechtswissenschaften und die Wirtschaftwissenschaften sind reine Männerdomänen. 2006 gab es in der Juristischen Fakultät gerade mal eine C4-Professorin, in den Wirtschaftswissenschaften gar keine. Die meisten Dozentinnen hat noch das Fach Psychologie, aber auch hier keine C4-Professorin.
Charakteristisch scheinen mir die Resultate jüngerer Berufungen in der Germanistik, im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte, zu sein. 1988 wurde mit Irmgard Roebling erstmals in der Geschichte des Deutschen Seminars eine Neugermanistin berufen – auf eine C3-Stelle, also im niederen Rang. Obwohl es möglich gewesen wäre, wurde ihr eine Assistentin verweigert, d.h. sie hatte keine Möglichkeit, wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden.
Von der Abwehr der Berufung einer renommierten Wissenschaftlerin auf eine C4-Stelle im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte am Deutschen Seminar habe ich schon weiter oben berichtet. In diesem Zusammenhang ist wichtig festzuhalten, dass eine Bewerberin auf eine C4-Stelle verhindert wurde und ein Mann den Posten bekam.
In der Neugermanistik blieb es dabei: eine der C3-Stellen wird mit einer Frau besetzt – inzwischen ist die dritte Frau auf dieser Stelle. Auch die derzeitige Inhaberin, Sabina Becker, hat keine Assistentin. Als 2004 wieder eine C4-Stelle neu zu besetzen war, ging sie natürlich wieder an einen Mann: Werner Frick.
Das Modell ist klar: In der Abstufung: drei C4-Stellen nur an Männer, von zwei C3-Stellen eine an eine Frau, wird scheinbar der Gleichstellung von Frauen und Männern Genüge getan. In Wirklichkeit wird die Politik der Verhinderung von Frauen auf C4-Professorenstellen fortgesetzt. Gravierend dabei ist die Konsequenz, das die C3-Professorin keine AssistentInnenstelle erhält, also keinen Forscherin zur Habilitation bringen kann. Wenn schon Frauen für diese Laufbahn ausgewählt werden, dann doch bitte nur nach Prüfung durch einen Mann-Professor.
Und selbst die Sicherung der Tradition, eine C3-Stelle mit einer Frau zu besetzen, ging nicht ohne Kampf ab. Als die C3-Stelle von Irmgard Roebling neu besetzt werden sollte, bat der Dekan der Philosophischen Fakultät III die Leitung des Deutschen Seminar II (Neuere deutsche Literaturgeschichte) um den Vorschlag für den Ausschreibungstext. Zuständig dafür war – nach einem Kompromiss aus den Kämpfen 1967/70 um Mitbestimmung bei Entscheidungen der Institutsleitung – die Konferenz der Habilitierten des Deutschen Seminar II. Um einen Ausschreibungstext durchzusetzen, der nicht die Qualifikationsanforderung „Publikationen zur Frauenliteratur“ enthielt, veränderte der Geschäftsführende Direktor, Prof. Dr. Jochen Schmidt, die Zusammensetzung des Gremiums – ohne Absprache mit den Beteiligten und ohne sie überhaupt zu informieren. Er lud die nicht auf Dauerstellen beschäftigen Habilitierten gar nicht erst ein mit der – später nachgereichten - Begründung, sie hätten kein Mitspracherecht, und verletzte damit die bestehende Regelung. Da Prof. Dr. Carl Pietzcker nicht teilnehmen konnte, schrumpfte das Gremium auf nur 6 TelnehmerInnen. Schmidt stellte in der Sitzung das Fehlen der ausgeladenen Habilitierten als einfaches Verhindertsein dar. Erst im nachhinein erfuhr ich von der Brüskierung der Kolleginnen und Kollegen.
Mein Antrag auf Aufnahme von Frauenliteraturforschung als Qualifikationsmerkmal in den Auschreibungstext wurde abgelehnt. Der Ausschreibungstext wurde ohne diesen Passus von den Anwesenden nur mit meiner Gegenstimme beschlossen.
Auf meinen brieflichen Protest an den Dekan und die anderen Mitglieder des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät III mit der Offenlegung des Verfahrens änderte der Fakultätsrat den Ausschreibungstext und nahm Frauenliteraturforschung auf. Auch die Liste der vorgeschlagenen möglichen Mitglieder der Berufungskommission wurde geändert. Prof. Dr. Jochen Schmidt musste auf seine Beteiligung verzichten. Berufen wurde dann Prof. Dr. Henriette Herwig.
Das Beispiel zeigt, mit welchen Methoden Männerprofessoren versucht haben, Frauen als Professorinnen zu verhindern. Wie es bei anderen Berufungsverfahren in der gesamten Universität zugeht, kann nur vermutet werden, denn selbst Mitglieder von Berufungskommissionen mit abweichender Meinung schweigen in der Regel, weil sie sich – fälschlicherweise – auch beim Verfahrensablauf an die Schweigepflicht, die eigentlich nur die bewerbenden Personen schützt, gebunden fühlen.
Das Resultat einer langen Phalanx berufener Männer in den letzen zwei Jahrzehnten trotz vieler Bewerberinnen lässt den Schluss zu, dass trotz aller Lippenbekenntnisse und eines erkennbaren, wenngleich auch hier bescheidenen, Aufschwungs bei der Zahl der Assistentinnen die Mehrheit von Professoren immer noch der Meinung sind, Spitzenprofessuren seien weiterhin fast ausschließlich Männern vorzubehalten. Die Anglistik ist da eine ganz seltene Ausnahme. In der Regel wird der Kampf sublimer geführt, d.h. Männermehrheiten verständigen sich darüber, dass es keine ausreichend qualifizierten Frauen gibt. Was passieren kann, wenn eine Kommission sich nicht an diese – niemals ausgesprochene – Regel hält, zeigt das weiter unten dargestellte Beispiel der Nachfolge Gerhard Kaiser, einer C4-Stelle im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte.
Das Ergebnis solcher Selektion wird auch in den Forschungen sichtbar. Für die deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Neuzeit gibt es lediglich für die konservative Annette von Droste-Hülshoff und die Romantikerin Karoline von Günderrode eine wissenschaftliche historische Ausgabe. Für die bedeutenden Schriftstellerinnen der Frauenemanzipation und der deutschen Revolutionen von Sophie LaRoche über Louise Aston und Hedwig Dohm bis zu Else Lasker-Schüler gibt es nicht einmal verlässliche Sammelausgaben.
Und noch ein Beispiel, das mir repräsentativ zu sein scheinen. In der Skandinavistik leiten Dr. Angelika Nix und Dr. Svenja Blume die „Freiburger Arbeitsgruppe zur Kinder- und Jugendliteraturforschung in der Skandinavistik (ZAKS)“. Das passt den Herren: Frauen sind für Kinder zuständig, dort dürfen sie was machen, aber beileibe nicht auf einer Professorenstelle, sondern hübsch unten. Deshalb bekommen die beiden Skandinavistinnen einen großen Artikel in der UNIversalis-Zeitung (Mai 2007).
Resultat: die angestrebte „Mindestbeteiligung von 40 % Wissenschaftlerinnen“ steht nur auf dem Papier – Sand in die Augen der Öffentlichkeit. Wer soll das durchsetzen? Bei den vorherrschenden Männerkonservatismus wird sich an der Praxis des Verhinderns von Frauen auf Lehrstühlen wenig ändern.

Aufstieg und Fall der Psychoanalyse
Den Weg der Freiburger Universität von einer relativen Liberalisierung und Modernisierung in den 1960er Jahren zu einer Rückkehr zu einer strukturkonservativen Konformität belegen zwei charakteristische Beispiele: die psychoanalytische Wissenschaft und die marxistische Gesellschaftswissenschaft.
Seit 1967 hat es in Freiburg eine bedeutende Protestbewegung gegeben, beginnend mit großen Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhung in Straßenbahnen und Bussen bis hin zum Häuserkampf noch in den 1980er Jahren. Auch an der Freiburger Universität kam es nach einer längeren Vorphase 1969 zu massiven Protesten, zur Sprengung von Vorlesungen und Senatssitzungen. Die heftige Debatte in der Grundordnungsversammlung 1968, in der um eine neue Verfassung der Universität gerungen wurde, die überfüllten studentischen Vollversammlungen zu Protestaktionen, die Aktionen des Mittelbaukonvents u.a.m. sorgten für einen erheblichen Druck nach Reformen, auch in den Wissenschaften. Insbesondere die hoch ideologisierte Germanistik wurde zur Zielscheibe. Akteure der Proteste waren, wie an anderen Universitäten auch, Studenten und beträchtliche Teiles des Mittelbaus, d.h. des Professorennachwuchses.
Diese außeruniversitäre und inneruniversitäre Protestbewegung führte auch an der Freiburger Universität zu Veränderungen, von denen sich ein Teil mehr als drei Jahrzehnte hielt und die Geschichte der Universität mit prägte. Davon ist fast alles wieder verschwunden. Die Freiburger Universität hat sich damit zu jenem voraufklärerischen Konservatismus zurückentwickelt, der, wenn auch heute in einem anderen Gewand auftretend, die Universität seit dem 19. Jahrhundert prägte.
Für den gegenwärtigen Niedergang der Freiburger Universität bezeichnend ist der Fall der Psychoanalyse. Von den Nationalsozialisten unterdrückt und verfolgt, hätte man ein Aufblühen der Psychoanalyse nach dem zweiten Weltkrieg erwarten können, zumal es sich um eine bürgerliche Wissenschaft handelte, die keine Systemänderung betrieb. Diese Blüte aber trat nicht ein. Bis auf die Ausnahme Frankfurt blieb die Psychoanalyse auch im Adenauer-CDU-Staat unterdrückt. Erst in den 60er Jahren nahm das öffentliche Interesse an der Psychoanalyse zu.
In der Ausgabe vom 7. Juli 1967 forderte der junge Student Fritz Erik Hoevels unter dem Titel: „Das Elend der Psychoanalyse. Plädoyer für einen neuen Lehrstuhl“ in der Freiburger Studentenzeitung die Schaffung eines Lehrstuhls für Psychoanalyse. Ihm antwortete Prof. Dr. phil. Dr. med. Walter J. Schraml, ein nur außerplanmäßiger Professor, d.h. ohne Lehrstuhl, in einem „Offenen Brief“ mit dem Hinweis, dass es seit zwei Jahren ein „Psychoanalytisches Seminar Freiburg“ gäbe, natürlich außerhalb der Universität, und dass es sowohl von Psychiatrischen Universitätsklinik als auch vom Psychologischen Institut an der Universität Unterstützung gäbe für den Plan, einen Ausbildungsgang für Psychoanalytiker einzurichten. Er unterstütze Hoevels Forderung nach einem Lehrstuhl für Psychoanalyse.[17]
Der Kampf für diesen Lehrstuhl dauerte noch fünf Jahre. Und auch dann wurde kein Lehrstuhl für Psychoanalyse geschaffen, sondern für „Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin“ an der psychiatrischen Universitätsklinik; der Begriff „Psychoanalyse“ wurde bewusst vermieden. Mit Johannes Cremerius (1918-2002) wurde 1972 ein Psychoanalytiker berufen. Er blieb in Freiburg bis zu seiner Emeritierung 1986 und baute die psychoanalytische Therapie in der Psychiatrie als Behandlungsmethode auf und aus.
Am Psychologischen Institut, der nicht medizinischen Psychologie, früher in der Philosophischen Fakultät beheimatet, heute der „Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftlichen Fakultät“ zugeordnet, gab es außer dem Lehrauftrag für Schraml in den 60er Jahren keinen einzigen Vertreter der Psychoanalyse. Die aggressive Abwehr gegen die Psychoanalyse hat das Freiburger Psychologische Institut geprägt; sie dauert bis heute an. Es ist sowohl für die Klinische Psychiatrie wie für das Psychologische Institut bezeichnend, dass aus dem Ausbildungsgang für Psychoanalytiker an der Universität nichts wurde, die Spezialausbildung fertiger Mediziner zum Psychoanalytiker / zur Psychoanalytikerin nicht in die Universität integriert wurde, sondern nur an dem außeruniversitären Psychoanalytischen Seminar Freiburg möglich war und heute noch ist. Da es sich um eine private Institution handelt, müssen die hohen Kosten für diese Facharztausbildung von den Medizinern selbst getragen werden, die sich dort ausbilden lassen.
Erik Hoevels war Student der Klassischen Philologie und der Germanistik und kämpfte für die psychoanalytische Interpretation von Literatur. In der Freiburger heißen Phase der Studentenbewegung 1968/69 nahm er sich das Recht, als Student eigene Lehrveranstaltungen in psychoanalytischer Textinterpretation abzuhalten.
Er blieb nicht der einzige. Die Neugermanisten Carl Pietzcker, Rainer Noltenius und Wolf Wucherpfennig, junge Assistenten in Neuerer deutscher Literaturgeschichte, später auch die Akademische Rätin Astrid Lange-Kirchheim und ich selbst als Akademischer Rat arbeiteten sich in die Psychoanalyse ein, die ja schon bei Freud und seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen auch einen Zweig zu einer wissenschaftlichen psychologischen Interpretationsmethode von Mythen und Literatur hatte. Interesse entwickelte auch Wolfram Mauser, Ordinarius für Neuere deutsche Literaturgeschichte am Deutschen Seminar. Der praktizierende Psychoanalytiker Friedrich Weiß, der seinen Namen im Exil zu Frederic Wyatt verändert hatte, erhielt einen Lehrauftrag und hielt Seminare zur psychoanalytischen Literaturinterpretation ab, zusammen mit Prof. Dr. Wolfram Mauser.
Auf Betreiben von Johannes Cremerius wurde bald nach seiner Berufung in Freiburg der „Arbeitskreis Psychoanalyse und Literatur“ geschaffen, der jährlich eine öffentliche Tagung abhielt; diese Institution besteht bis heute. Diese Vortrags- und Diskussionsveranstaltung, deren Vortragsmanuskripte auch gedruckt erschienen und erscheinen, wurde die renommierteste Fachtagung für Psychoanalyse und Literatur in der Bundesrepublik.
Entsprechend groß waren Widerstand und Anfeindungen von Professoren verschiedener Fachrichtungen und Gremien. Zwar konnte sich Carl Pietzcker 1973, unterstützt von Cremerius, mit einer psychoanalytischen - und zugleich marxistischen! - Arbeit über Bertolt Brecht habilitieren, ich 1981 mit einer marxistischen und psychoanalytischen Arbeit über Goethes Faust, die Arbeitstagung jedoch wurde aus der Universität hinausgedrängt. Anfangs im katholischen Kolping-Kolleg tagend, fand die Veranstaltung mehrere Jahre in einem Hörsaal der Universität statt. Durch unannehmbare Bedingungen für die Raumvergabe durch die Universitätsverwaltung wurde der Arbeitskreis gezwungen, aus der Universität auszuziehen. Seit 1989 findet die Jährliche Tagung im Saal des Bürgerhauses am Seepark statt, einem städtischen Gebäude, weit ab von allen Universitätsgebäuden.
Diese Vertreibung der Psychoanalyse und psychoanalytischen Literaturinterpretation aus den Räumen er Universität war ein signifikanter Vorgang, der den Widerstand in der Universität gegen die Psychoanalyse öffentlich machte. Es gab Proteste gegen die geänderten Bedingungen der Raumvergabe durch das Rektorat, auch von mir; sie führten aber zu keiner Änderung. Zu einem öffentlichen Protest kam es nicht.
In den Gesellschaftswissenschaften wurde nicht ein einziger Professor, nicht eine einzige Professorin berufen, die psychoanalytische Interpretation vertraten. Entsprechende BewerberInnen auf Professorenstellen in der Neueren deutschen Literatur wurden nicht berücksichtigt. Die Präsenz psychoanalytischer Wissenschaft ergab sich nur aus der Aneignung schon eingestellter, berufener Lehrkräfte.
Damit zeichnete sich das Ende der Psychoanalyse an der Freiburger Universität ab. Der Nachfolger von Cremerius auf dem Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Prof. Dr. Michael Wirsching, ist kein Psychoanalytiker. Rainer Noltenius und Wolf Wucherpfennig waren nur auf befristeten Assistentenstellen und verließen Freiburg in den 70er Jahren. Mit der Pensionierung von Carl Pietzcker (2001), von mir (2004) und Astrid Lange-Kirchheim (2005) endete die Präsenz psychoanalytischer Wissenschaft an der Universität Freiburg; sie wird nur noch an der Pädagogischen Hochschule gelehrt.
Der Aufbruch aus der materialistischen medizinischen Psychiatrie und die Etablierung einer wissenschaftlichen Psychologie, die besonders für die psychologisierende Literatur des 18. bis 21. Jahrhunderts große Erkenntnisse gebracht hat, wurde abgewürgt. Ein Sieg der Antiaufklärung in Freiburg.

Aufstieg und Fall marxistischer Wissenschaft
Der Angriff von Studenten und Studentinnen und auch Dozenten auf die historischen Gesellschaftswissenschaften begann Mitte der 1960er Jahre mit der Kritik konservativer Erklärungsmuster für die Entstehung, Wirksamkeit und Dauer des internationalen europäischen, vor allem des deutschen Faschismus.
Die Diskussion historisch dialektischer materialistischer Erklärungen offenbarte die Dürftigkeit bisheriger Erklärungen und widerlegte vor allem den individualistischen Ansatz (Hitler und seine Clique sind die Urheber und die allein Schuldigen). Mit der Einbeziehung ökonomischer Ursachen und der Entwicklung des Klassenkampfes in der Weimarer Republik traten die gesellschaftlichen Ursachen für den Antisemitismus und Antibolschewismus, für das Weltbild des Faschismus insgesamt, ins Blickfeld.
Die Etablierung marxistischer Wissenschaft in den Gesellschaftswissenschaften: in der Geschichtswissenschaft, in der Philosophie, der Soziologie, der Wissenschaftlichen Politik, der Germanistik und den Fremdsprachenfächern war eine logische Konsequenz der Kritik bürgerlich konservativer Geschichtswissenschaft. Während es in England mit dem deutschen Emigranten Eric Hobsbawn, mit E.P. Thompson und Christopher Hill zur Etablierung einer bedeutenden marxistischen Geschichtswissenschaft kam, wurde in der westdeutschen BRD im Zuge des hysterischen phobischen Antikommunismus verhindert, dass auch nur eine einzige Professorenstelle mit einem Marxisten oder einer Marxistin besetzt wurde. Selbst SPD-linke Historiker wie Hans-Ulrich Wehler, Jürgen Kocka oder Heinrich-August Winkler haben dafür gesorgt.
Dieser Vorgang belegt schlagend, dass das Gerede vom „Wissenschaftspluralismus“ eine schön färbende Farce war, welche den rigiden Ausschluss historisch dialektisch materialistischer Wissenschaft übertünchen sollte.
In Freiburg ließ sich am Historischen Seminar der Universität nur ein einziger Dozent, der schon eingestellte Akademische Rat Michael Berger, auf den Marxismus ein. Seine Marx-Kurse verschafften der ansonsten autodidaktischen studentischen Aneignung wissenschaftliche Solidität.
Am Deutschen Seminar bildete sich eine Gruppe von Studenten und Dozenten, die aus der Kritik der Germanistik Konsequenzen ziehen und die Germanistik, insbesondere die neuere deutsche Literaturwissenschaft, zu einer kritischen Gesellschaftswissenschaft verändern wollte. Dieser Zusammenschluss, an dem ein Drittel aller Lehrkräfte beteiligt war, sorgte unter den Konservativen für erhebliche Unruhe. Der Hauptansatz war die Veränderung von Studium und Lehre am Deutschen Seminar. Für ein Jahrzehnt haben die fest Ange_stellten dieses Kreises bewusst ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen zugunsten der Entwicklung neuer Formen und Inhalte der Lehre hintangestellt. Die Ziele:


- Erforschen des dialektischen Verhältnisses zwischen Literatur und historischen Prozessen, wobei dem marxistischen und dem psychoanalytischen Ansatz besondere Bedeutung zukommt.
- Das forschende Lernen als didaktisches Grundprinzip, um gesellschaftliche Mechanismen der Anpassung zu durchbrechen und kritische Solidarität zu praktizieren.
- Die Orientierung des Studiums an der späteren Berufspraxis als Lehrer/in an höheren Schulen, da nahezu alle Studierenden Lehrer/innen werden.
- Abstimmung der Lehrveranstaltungen mit dem Ziel, einen neuen Studiengang zu entwickeln.


Die Entwicklung dieser Ziele und die Planung des konkreten Semesterprogramms erfolgte in einer Koordinationskonferenz, die abschnittweise wöchentlich tagte. Infolge dieser Konferenz kündigten wir unsere Lehrveranstaltungen in der neu geschaffenen Broschüre des Veranstaltungskommentars des Deutschen Seminars unter dem Namen „Koordinierte Lehrveranstaltungen“ mit einem Vorspann an, zum erstenmal im Sommersemester 1971, vorsichtig mit 6 von 35 Lehrveranstaltungen insgesamt, im Wintersemester 1972/73 bereits mit 13 Lehrveranstaltungen, gut einem Drittel des Gesamtlehrangebots; dieser Anteil blieb konstant. Unter dem Kürzel „KLv“ wurden die Koordinierten Lehrveranstaltungen sieben Jahre lang zu einem heiß umstrittenen Politikum und haben heute fast den Status eines Mythos. Die Grundlage des Zusammenschlusses, marxistische - genauer: historisch materialistische - und psychoanalytische Wissenschaft waren für die Germanistik der BRD revolutionäre Wissenschaftsansätze - und sieht man sich den Verlauf und den heutigen Stand an, dann sind sie es noch.[18]
Die KLv war Teil der bundesweiten Bewegung für eine neue Germanistik und hat, wie andere Gruppen und KollegInnen auch, das klassische Feld der Interpretation fiktionaler Literatur erweitert zur Publizistik, zum Film, zur sog. Trivialliteratur, zur Geschichte der Literaturtheorie, zur Reiseliteratur, zu Arbeiterliteratur und zur sozialistischen Literatur, zur Literaturrezeption und zum Deutschunterricht. Wir haben uns mit anderen, z. B. Wolf_ram Mauser, für die Einrichtung eines Instituts für Medienwissenschaften mit entsprechendem Studiengang eingesetzt, wie oben dargestellt, und für einen Lehrstuhl für Frauenforschung.
Der historisch materialistische Ansatz war das methodische Tor zur Erkenntnis der realpolitischen Rolle der Literatur in der Neuzeit auf der Grundlage eines Begriffs von Geschichte als Einheit aller in der bürgerlichen Wissenschaft getrennten Prozesse, von der Ökonomie über die sozialen Formen bis zur Kul_tur. Das hatte freilich zur Konsequenz ein riesiges, von einzelnen nicht zu leistendes For_schungsprogramm. Denn infolge der Fixierung der Geschichtswissenschaft auf Regierungs- und Verfassungsgeschichte klafften riesige Lücken in der sogenannten Wirtschafts- und Sozialgeschichte, also für uns der eigentlichen Geschichte, und die wenigen Studien hatten keinen brauchbaren systematischen Ansatz.[19]
Der Kreis war nicht festgelegt und kein Verein. Es gab die seminaröffentliche große KLv-Versammlung, zu der alle Interessierten kamen, wir gaben eine eigene Schriftenreihe mit Unterrichtsmaterialien heraus.[20] Die Umgestaltung des Studiums bedeutete für interessierte Studierende die aktive Beteiligung an der Festlegung der Themen, an der Vorbereitung in den Semesterferien und der Durchführung der Seminare, an der Entwicklung der Lehr- und Lernformen, der Festlegung der Anforderungen für den Seminarschein. Vorlesungen wurden wegen ihrer Einbahnstraße bloß rezeptiven Lernens nicht gehalten.
Die Gruppe, von den Zeitstellen her schon in permanenter Veränderung, löste sich Ende der 70er Jahre von innen her auf. Die Ursachen liegen in gesamtgesellschaftlichen, internationalen Entwicklungen. Die unmittelbar praktische Ursache für das Ende lag im Schwinden des studentischen Engagements. Die neue Studentengeneration verlagerte ihre politischen Aktivitäten von der Hochschule weg in die Bürgerinitiativen und deren Kampf, eine Entwicklung, die auch uns Lehrende betraf, und entzog damit der Gruppe den Boden. Hinzu kam, dass durch die Akademikerarbeitslosigkeit die Berufsperspektiven sich änderten und damit der Stellenwert des Studiums und die Bedeutung der Universität.
Aber auch der Zerfall bei den Lehrenden war nicht aufzuhalten. Obwohl unsere Wissenschaftsauffassung alle Gesellschaftswissenschaften betraf, blieb der Ansatz der KLv in Freiburg auf die Neuere deutsche Literaturwissenschaft begrenzt. Unterstützung fanden wir bei Historikern; Die Kurse in marxistischer Geschichtstheorie von Dr. Michael Berger, Akad. Oberrat, waren eine große Unterstützung, ebenso Professor Bernd Martins Kampf um die Erforschung der faschistischen Vergangenheit der Freiburger Universität und sein Eintreten für die Öffnung des Universitätsarchivs. Mit der Philosophieprofessorin Ute Guzzoni, ihrem Kollegen Jan Holl und der erst in den 70er Jahren hinzukommenden Akademischen Rätin Dr. Gisela Schoenthal, die feministische Sprachwissenschaft betrieb, waren hochschulpolitische Aktionen möglich.
Dennoch war der Kreis in Freiburg zu klein. Resignation aus der Einsicht, zu wenig erreichen zu können, lähmte das Engagement. Die KLv sind im Wintersemester 1977/78, im vierzehnten Semester ihres Bestehens, zum letzten Mal als eigene Abteilung im Veranstaltungskommentar vertreten, eindrucksvoll mit zwei Schwerpunkten, zur Literatur des Kaiserreichs und zur Lehrerbildung, und mit insgesamt 19 Seminaren von 50 Lehrveranstaltungen insgesamt, also 38%.
Mit meiner Pensionierung 2004 endete die über 30jährige Präsenz historisch dialektisch materialistischer Wissenschaft. Die Freiburger Universität ist in die konforme Monokultur bürgerlicher Wissenschaft zurückgefallen.

Bürokratie wörtlich: Die Herrschaft der Verwaltung über die Universität
Am schlechten Zustand der Universität Freiburg hat die Universitätsverwaltung einen beträchtlichen Anteil. Als Ende der 1950er Jahre unter dem Massenansturm die alte Struktur der Verwaltung zusammenbrach, war allen klar, dass Abhilfe nicht allein mit der Aufstockung von Personal geschaffen werden konnte, sondern eine neue Struktur erforderlich wurde, die der Größe der Institution angemessen war.
Die Neuordnung eröffnete die große Chance, eine Verwaltungsstruktur zu schaffen, die der realen Selbständigkeit der Universität entsprach und die Demokratisierung dieser Institution vorantrieb. Das Gegenteil trat ein. Es wurde eine striktere Hierarchie als zuvor geschaffen. Damit entwickelte sich die Verwaltung gegenläufig zu der wissenschaftlichen Selbstverwaltung.
Im folgenden stelle ich an zwei konkreten Beispielen – dem Herrschaftssystem Siburg und dem Umgang mit habilitierten Akademischen Räten - dar, wie sich die Verwaltung in Freiburg zu einer autoritären Institution entwickelte. Da sich am Zustand der Verwaltung seit Siburg bis heute nur die persönlichen Machtverhältnisse zwischen dem jeweiligen Kanzler und Rektor verändert haben, nicht aber der absolutistische autokratische Geist der Verwaltung, und da das ungehemmte Wirken Siburgs auch etwas über die Freiburger Professorenschaft aussagt, ist etwas näher auf den Begründer der heutigen Verwaltungspraxis einzugehen, auf das System Siburg.

Das System Siburg
Unter dem Druck der Reformbewegung erhielt auch Freiburg mit dem Baden-Württembergischen Reformgesetz von 1969 eine Struktur mit Gremien, in die jede der vier Gruppen – Professoren, Mittelbau, Studierende, nicht wissenschaftliches Personal – gewählte VertreterInnen entsendet, die Mehrheitsbeschlüsse fassen.
Das Baden-Württembergische Universitätsgesetz stärkte aber auch die Rolle des Verwaltungschefs, des Kanzlers, gegenüber dem Rektor. Der erste – und einzige! – gewählte Kanzler, Friedrich Wilhelm Siburg, mit großen Vorschusslorbeeren bedacht als liberaler Verwaltungsjurist, daher gewählt auch mit den Stimmen der Vertreter des Mittelbaus, Kanzler in Freiburg von 1970 bis 1994, entpuppte sich als knallharter autoritärer Rechter. Statt Liberalisierung zog ein vorher nicht gekannter autoritärer Geist ein, der den Verwaltungsangestellten strikte Untertänigkeit abforderte.
Kanzler Siburg zog alles an sich, beaufsichtigte alles und jede/n, schränkte den Entscheidungsspielraum aller MitarbeiterInnen so stark ein, dass viele unterfordert wurden und entsprechender Unmut sich breit machte. Siburg ergriff die vom Gesetz ermöglichte Chance, eine faktische Diktatur der Verwaltung durchzusetzen.
Rigidität im Beschränken war das vorstechende Merkmal von Siburgs Amtsführung. Der Statur nach ein kleiner Mann mit zum Teil servilen Umgangsformen, der selbst Leuten wie mir, d.h. Mittelbauern, gegenüber beim Händedruck zur Begrüßung einen Diener machte, war er eine starke Persönlichkeit mit autoritären Gehabe. Er dominierte alle wichtigen Entscheidungen, die eigentlich der Rektor und der Senat zu treffen hatten, nach Belieben. Sein Instrument war der Verwaltungsrat, ein 12 köpfiges Gremium, in dem die Amtsmitglieder (Rektor, 3 Prorektoren, Kanzler) das faktische Übergewicht hatten. Da dieses Gremium alle Forderungen von Fakultäten und Instituten auf ihre Bezahlbarkeit zu prüfen hatte, wurde es das eigentliche Entscheidungsgremium für die gesamte Universität und hebelte die Befugnisse des Senats weitgehend aus, dem nur noch die Spielwiese des Absegnens von Prüfungsordnungen und Berufungslisten blieb.
Siburg ließ den gewählten Rektoren die Repräsentationsaufgaben, die Entscheidungen traf er selbst. Die sechs Rektoren während der Amtszeit Siburgs: Hansjörg Steinlin (1970-1973), Helmut Engler (1973-1977), Bernhard Stoeckle (1977-1983), Volker Schupp (1983-1987), Christoph Rüchard (1987-1991), Manfred Löwisch (1991-1995) haben meiner Erinnerung nach nicht eine einzige Entscheidung gegen den Kanzler durchgesetzt. Mit den etwas profilierteren Persönlichkeiten wie Engler und Löwisch verband Siburg eine enge CDU-Parteigängerschaft, die zu keinen Reibereien führte. Die zur Schau gestellte Einvernehmlichkeit zwischen dem jeweiligen Rektor und Kanzler Siburg basierte darauf, dass Siburg entschied und der Rektor dem Entscheid beitrat.
Von der Neuordnung der Verwaltungsstrukturen war mit Recht zu erwarten, dass die neue Verwaltung sachlich und wirksamer als bisher auf die Bedürfnisse der Wissenschaften auf deren Forschungs- und Lehrbetrieb reagiert. Daraus wurde nur sehr wenig. So wie Kanzler Siburg die gewählten Rektoren dominierte, so wuchs sich die Tätigkeit der Verwaltung in ihrer Spitze und ihren Ressortleitern zu einer Verselbständigung aus, welche die wissenschaftliche Forschung und vor allem die Lehre behinderte. Statt Kooperation herrschte Konfrontation. Wie antikooperativ sich die Verwaltung verhielt, habe ich während einer einjährigen Verwaltungstätigkeit, die von uns Lehrkräften turnusmäßig geleistet werden musste, am Deutschen Seminar erlebt. Ich hatte Sondermittel von drei Konten mit 5.000, 6.000 und 11.000 DM zu verwalten und dafür zu sorgen, dass das Geld auch ausgegeben wurde. Mir unterlief der Fehler, den Kontobeleg über 11.000 DM als Zusammenfassung der beiden anderen Blätter über 5.000 DM und 6.000 DM zu verstehen, so dass statt 22.000 DM nur 11.000 DM ausgegeben wurden; der Rest verfiel am Jahresende. Als ich den zuständigen Angestellten in der Universitätskasse fragte, warum er mich auf den Fehler nicht aufmerksam gemacht habe, erwiderte er mir, sie seien angewiesen, die Institute nicht zu informieren, um dem Staat Geld zu sparen.
Der dominierende Geist der Verwaltung in der Ära Siburg charakterisiert sich dadurch, dass hochrangige Beamte der Verwaltung nicht den Instituten dienten, sondern diese als lästige Bittsteller empfanden und entsprechend behandelten. Willkürlich wurden Mittelanforderungen der Institute als überflüssiger Luxus abgekanzelt.
Zugegeben: Seit Mitte der 1970er Jahre setzte seitens der Landesregierung von Baden-Württemberg eine Sparwelle ein, die zu gravierenden Einschnitten vor allem in der Lehre führte. Ein Stellenstreichungsplan jagte den anderen, bei steigenden Studentenzahlen. Gab es im Deutschen Seminar 1972/73 immerhin 33 Lehrkräfte für 2.145 Studierende, so waren es 1986 noch 19 Lehrkräfte für 3.796 Studierende. Während also die Studentenzahl auf fast das Doppelte stieg, halbierte sich fast die Zahl der Lehrkräfte.[21]
Die Streichungen zu vollziehen, bürdete auch der Verwaltung große Mühen auf. Die Freiburger Besonderheit aber war, dass Kanzler Siburg und seine Spitzenbeamten gegenüber den Fakultäten und Instituten ein Klima spätabsolutistischer Herrschaftsattitüde praktizierten, als gelte es, die Professoren und anderen DozentInnen zur längst fälligen Askese zu erziehen. Das Sparen, Verhindern, Kürzen, Streichen wurde mit Lust betrieben. Das ging so weit, Erlasse des Wissenschaftsministeriums, z. B. der wichtige Erlass zur Lehrverpflichtung, der die Anzahl der Lehrstunden für die verschiedenen Typen von Lehrenden festlegte, bewusst falsch auszulegen, also willkürlich mehr Lehrstunden zu verlangen als vorgesehen und erlaubt war, die den neu Eingestellten Lehrdeputate aufhalste, die nicht nur im Widerspruch zu den Vorgaben des Wissenschaftsministeriums standen, sondern die Wissenschaftlichkeit der Lehre gefährdeten. Es bedurfte massiver Proteste von Dekanen und Institutsleitern, um wenigstens die krasseste Willkür einzudämmen.
Dieser Stil war die Kopie des spätabsolutistischen Regierungsstils der Landes-CDU in Baden-Württemberg. Er charakterisierte auch den Umgang mit dem nicht wissenschaftlichen Personal. Die Universität entwickelte sich zu einem der miesesten Arbeitgeber, der durch Unterbezahlung Ausbeutung betrieb, Kettenverträge abschloss, obwohl dies gesetzlich verboten war, Höhergruppierungen infolge höherwertiger Arbeitsqualität ablehnte.
Das Rektorat gibt keine Statistik der verlorenen Prozesse vor dem Arbeitsgericht preis. Nur durch zufällig bekannt gewordene Fälle, Informationen aus dem Freiburger Arbeitsgericht und vom Personalrat der Universität wurde deutlich, dass die Verwaltungsspitze ihre Fürsorgepflicht gegenüber den MitarbeiterInnen vernachlässigte, sich wie ein knallharter Unternehmer in der Privatwirtschaft gebärdete. Es ist mir noch die Darstellung einer langjährigen Fakultätssekretärin in Erinnerung, die sich bitter darüber beklagte, dass ihr Vertrauensverhältnis zu der Rektoratsspitze zerstört sei, weil sie gegen den eigenen Arbeitgeber klagen musste, um angemessen bezahlt zu werden.
Siburg konnte diesen Stil nur praktizieren, weil vier Faktoren zusammenkamen:


- In den gewählten Gremien, den kleinen und großen Senat, in den Fakultätsräten, schon gar im Verwaltungsrat, fanden sich Vertreter ein, die dem autoritären Gehabe der Verwaltung und ihres Chefs nur in wenigen Ausnahmefällen Gegenwehr boten, sonst aber im Grunde damit einverstanden waren. Das Verhaltensmuster der Professoren und andere Lehrender bestand in einer sich duckenden Anbiederung an den Kanzler, um von seiner Gnade wenigstens ein paar Brosamen zu erhaschen.
- Der zweite Faktor war der Rückhalt in der Stuttgarter Landesregierung. Notwendig gewesen wäre ein dauernder Kampf mit der gesamten Landesregierung um größere finanzielle Spielräume, in Solidarität mit den Wissenschaftsinstituten, deren Niedergang eigentlich auch Verwaltungsbeamte jammern musste. Siburg jedoch wurde zum devoten Vollstrecker jeder Art von Restriktion, die von der Landesregierung ausging. Schon das Raunen von Beamten des Wissenschaftsministeriums, es könnten neue Maßnahmen zur Einsparung da und dort erlassen werden, führte bei Siburg im vorauseilenden Gehorsam zum Vollzug, längst bevor der Erlass erging. Der für bundesdeutsche Verhältnisse extreme autokratische Regierungsstil in Stuttgart hatte in Siburg seinen genehmen Statthalter und Vogt.
- Als dritter Faktor kam hinzu, dass mit dem Rechtsberater des Rektors, traditionell dem Ordinarius für öffentliches Recht, Martin Bullinger, eine Persönlichkeit Rechtsauslegung betrieb, die ganz auf der autoritären Linie Stuttgarts und Siburgs lag. Seine Gutachten als Leitlinie des Verhaltens der Rektoratsspitze bewegte sich auf der Grenze zur Verletzung geltenden Rechts und der Mißachtung der Rechtsprechung der Gerichte. Dass sein Nachfolger, Thomas Württenberger, diese Tradition fortsetzte und verschärfte, in seinem Rechtsgutachten dem Rektorat glatten Rechtsbruch empfahl, wird gleich an einem Beispiel zu zeigen sein.
- Noch ein vierter Faktor ermöglichte den Stil von Kanzler Siburg: Das war die Reaktion etablierter Professoren auf die auch in Freiburg starke Protestbewegung unter den Studierenden und die massive Politik des Konvents des Mittelbaus. In der Abwehr aller Kritik an den Herrschaftsverhältnissen in der Universität, ihren Wissenschaften, dem Lehrstil, dem gesamten Verhalten von Professoren, die keinen Jota von Mitsprache in der Selbstverwaltung zulassen wollten, fand sich eine starke Fraktion konservativer Professoren zusammen, die, im Bündnis mit der CDU-Landesregierung, alles niederzuhalten und niederzumachen versuchte, was nach Reform oder auch nur liberaler Lockerung aussah. Angeführt von Medizinern, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern, an denen die Studentenrevolte fast ganz abprallte, fanden sich auch in den Gesellschaftswissenschaften genügend Wert- und Strukturkonservative zusammen, um Siburg zu unterstützen. Die Hauptursache dafür lag in der Identifizierung von Reformenforderungen mit linker Veränderung des Gesellschaftssystems überhaupt.
Der autoritäre Stil Siburgs versprach Härte und Widerstandskraft, das Ethos war die Verteidigung des Abendlandes gegenüber seiner Bolschewisierung. Reformer wie der Musikprofessor Eggebrecht oder der Germanist Mauser, die wahrlich nicht mit den Linken sympathisierten, hatten es schwer, notwendige Reformen gegen eine von Phobie vor allem Linken gezeichnete Professorenschaft durchzusetzen. Dass solchen Reformern, die einen Teil der Forderungen von Mittelbau und Studenten nach Mitspracherechten umsetzen wollten, Knüppel zwischen die Beine geworfen wurden, be- und verhinderte eine moderate Modernisierung der Universität.


Der in allen Bereichen des bundesrepublikanischen gesellschaftlichen Lebens grassierende überzogene Antikommunismus und Antisozialismus stärkte Antidemokraten wie Siburg den Rücken.
Siburg gebärdete sich als fanatischer Gegner aller linken Studentengruppen. Es gibt Indizien, die nahe legen, dass er dem Verfassungsschutz zuarbeitete. Bewiesen werden konnte das natürlich nicht; dafür wäre eine Revolution notwendig, die zur Öffnung der Akten bundesrepublikanischer Geheimdienste wie in der untergegangenen DDR führen würde.
Nach dem Ausscheiden von Siburg 1994 wurde der autokratische Stil beibehalten. Der Nachfolger, Jürgen Heß, war aber keine so starke Persönlichkeit wir Siburg. Mit Wolfgang Jäger wurde 1995 eine Persönlichkeit Rektor, der nicht mehr am Gängelband eines Kanzlers lief. Die Gewichte kehrten sich um: Seit mehr als einem Jahrzehnt prägt der Rektor das Geschehen, mit verändertem, aber kaum weniger rigiden autoritären Gehabe. Um sich durchzusetzen, praktiziert Jäger besonders gegenüber Mitgliedern der Universität einen Stil der scheinbar unkontrollierten Zornesausbrüche, vor dem viele Angst haben und sich einschüchtern lassen.
Dass sich auch unter Rektor Jäger am Verfahren des latenten Rechtsbruchs nicht änderte, belegt der Umgang der Verwaltung mit den habilitierten Akademischen Räten, denen die ihnen zustehende Rechtsstellung als Dozenten, das entsprechende Amt und die damit verbundene angemessenen Bezahlung verweigert wurde.

Der Umgang mit Akademischen Räten
Gravierend war die Missachtung von Recht im Fall der korporationsrechtlichen Gleichstellung mit den Professoren. Hier zeigt sich, mit welcher Selbstherrlichkeit und Willkür Macht ausgeübt wird.
Als Reaktion auf den Ansturm in den Massenfächern wurden in den 60er Jahren Akademische Räte und Rätinnen eingestellt, das waren promovierte Dozenten und Dozentinnen ohne die Lehrbefugnis der venia legendi, die im Grundstudium unterrichteten. Manche davon mussten infolge Mangel an Professoren im Hauptstudium unterrichten, einige habilitierten sich und erhielten die allgemeine Lehrbefugnis, ohne berufen zu werden.
Der Wildwuchs an Lehrbefugnissen sollte nach dem Willen der Bundesregierung beseitigt und durch klare Regelungen ersetzt werden, wissenschaftliche Lehre, auch die des Grundstudiums, berufenen Professoren und Hochschuldozenten vorbehalten bleiben. Dieses Hochschulrahmengesetz von 1977 wurde für die Bundesländer verbindlich, die ihre Gesetze angleichen und damit die Personalstruktur ändern mussten. Die Institute wurden daraufhin aufgefordert, nach ihren Verhältnissen Stellenumwandlungen in die neue Struktur zu beantragen. Das hieß für das Deutsche Seminar, das keine Lektorenaufgaben hatte, dass alle Akademischen Ratsstellen in Professorenstellen, freilich der niedrigsten Gehaltsstufe C2, denn das Ganze sollte „kostenneutral“ erfolgen, umzuwandeln waren. An einem sonnigen Vormittag haben der Akademische Oberrat Dr. Hanno König und ich, der gerade Verwaltungsarbeit leisten musste, in unserem Dienstzimmer die neue Lehrkörperstruktur des Deutschen Seminars ausgearbeitet, die unbeanstandet durch alle Instanzen ging und mit nur zwei Abweichungen vom Landtag so beschlossen wurde.
Genützt hat uns das nichts, denn Landesregierung und Universität haben mit allen Mitteln versucht und geschafft, die Akademischen Räte nicht auf diese Stellen zu berufen, nicht einmal die habilitierten, obwohl es sowohl nicht nur nach dem Arbeitsrecht, sondern auch nach dem Beamtenrecht unzulässig ist, einem Beamten dauernd Aufgaben aus einem höheren Amt zu übertragen, ohne ihm das Amt selbst zu übertragen und ihn entsprechend zu bezahlen. Landesregierung und Universität haben damit über 25 Jahre lang im Haushalt vorgesehene Gelder von mehreren Millionen Mark gespart, die uns vorenthalten wurden.
Soweit ist alles zwar nicht legal, bei den hiesigen Verhältnissen aber noch ganz normal und kaum der öffentlichen Rede wert. Dass dieses Ziel aber unter schweren Rechtsbrüchen erreicht wurde, ist erwähnenswert, weil es zeigt, wie Vorgesetzte in der Universität Freiburg, unterstützt von der Landesregierung von Baden-Württemberg, am Recht vorbei handeln können, wenn es ihren Interessen dient.
In einem Prozess, in dem es nicht einmal um Geld, sondern nur um die Anerkennung ging, dass habilitierte Akademische Räte mit Lehraufgaben wie Professoren lehren und arbeiten und ihnen deswegen die gleichen Mitwirkungsrechte in der universitären Selbstverwaltung zustehen wie den Professoren, hat die Leitung der Freiburger Universität in meinem Fall wider besseres Wissen und in betrügerischer Absicht vor allen Instanzen der Verwaltungsgerichte falsche Angaben über meine tatsächliche Tätigkeit und Dienststellung gemacht. Das führte zu einem siebenjährigen Prozess durch alle Instanzen, den ich, stellvertretend für meine Kolleginnen und Kollegen, dank des Bundesverwaltungsgerichts in Berlin gewonnen habe.
Mein Antrag, die Falschaussagen gegenüber den Gerichten disziplinarisch zu ahnden, wurde sieben Jahre lang hinausgezögert und dann zurückgewiesen. Da solche Prozesse ohne Erscheinen der Parteien vor den Verwaltungsgerichten geführt werden, war nicht einmal klar, wer in der Universitätsverwaltung hauptsächlich für die Falschaussagen verantwortlich war. Kanzler Hess weigerte sich, mir den Beamten zu nennen, der die Falschaussagen beging – eine unglaubliche Haltung.
Die Universitätsleitung hat zudem versucht, uns habilitierten Akademischen Oberräten mit dem Titel „außerplanmäßiger Professor“ die mögliche Beförderung zu verweigern. Auch hier ist nicht die Tatsache des Verweigerns von Belang, sondern der Rechtsbruch. Das Wissenschaftsministerium änderte 1990 die Kriterien für die Beförderung von Akademischen Räten; danach war kontinuierliche Lehre im Hauptstudium von mindestens drei Wochenstunden Grund für eine Beförderung. Diesen Erlass leitete die Universitätsleitung nicht an die Fakultäten und Institute weiter, deren Aufgabe es ist, bei vorliegenden Kriterien Anträge auf Beförderung zu stellen, sondern ließ den Erlass in der Versenkung verschwinden. Erst 10 Jahre später, nur durch einen Zufall, erhielten wir davon Kenntnis.
Die disziplinarische Beschwerde von mir und einigen Kollegen hat der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst von Baden-Württemberg, Prof. Dr. Peter Frankenberg, der heute noch im Amt ist, am 15. September 2003 abgewiesen. Nach seiner Auffassung und der des Ministeriums ist es rechtmäßig, dass die Universitätsleitung fast 10 Jahre lang den Instituten und Fakultäten, die das Recht und die Pflicht haben, bei vorliegenden Voraussetzungen Beamte zur Beförderung nach den geltenden Richtlinien vorzuschlagen, den Erlass mit der Neuregelung vorenthalten hat. Rechtmäßig sei weiterhin, dass das persönliche Interesse eines Beamten an seiner Beförderung ein Grund ist, ihm die geltenden Richtlinien nicht zur Kenntnis zu bringen. Diese Auffassung ist unvereinbar mit dem Verwaltungsrecht. Sie ist der Ausdruck undemokratischer, autoritärer Staatsauffassung, und es hilft auch wenig, dass die Kultusbürokratie in Baden-Württemberg wegen ihrer feudalabsolutistischen Praktiken verschrien ist. Dass der Antrag auf disziplinarische Ahndung des Verhaltens der Universitätsleitung mit dieser Begründung niedergeschlagen wurde, ist in meinem Verständnis mit Rechtsstaatlichkeit nicht vereinbar.

Änderung der Dienstaufgaben
Bewusste Rechtsbrüche beging die Universitätsleitung auch bei einer Änderung der Dienstaufgaben. Bei habilitierten Akademischen Räten sollten ein Viertel ihrer Dienstaufgaben als pflichtige Privatangelegenheit gewertet werden, was eine Erhöhung der Arbeitsbelastung um 25 Prozent darstellte. Dieses Vorhaben, das sich vorgeblich auf einen Erlass des Ministeriums (vom 9. 4. 1997) stützte, wurde von Rektor Jäger forciert. Das hatten auch andere Universitäten versucht, Gerichte hatten das abgewiesen; es gab ein Grundsatzurteil dazu. Trotzdem erstellte der Rechtsberater des Rektors, Thomas Würtenberger, C4-Professor für öffentliches Recht, ein Gutachten, das diese Praxis für rechtskonform erklärte. Ein Gegengutachten gegen dieses Falschgutachten beeindruckte die Mitglieder des Senats – nicht.
Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät III machte diesen Rechtsbruch nicht mit und unterschrieb die neue Dienstanweisung in der Form der Integration dieses Viertels in die gesamte Dienstzeit. Daraufhin fälschte der Personaldezernent dieses Dokument, indem er ein Wort ausstrich und durch ein anderes ersetzte, ohne den Prodekan, der das Dokument unterzeichnet hatte, auch nur zu informieren. Eine Reihe von Kollegen hat die Annahme dieser gefälschten Dienstanweisung verweigert, und dabei ist es geblieben. Das Ministerium schaltete sich ein und verbot auf Grund der Rechtslage die Viertelprivatisierung unserer Diensttätigkeit. Eine neue Dienstanweisung aber wurde nicht ausgefertigt.
Auch hier reagierte die Universitätsleitung auf meinen Antrag auf disziplinarische Ahndung der Urkundenfälschung mit Hinauszögern. Der Antrag lief seit dem 3. August 2000 und wurde erst am 16. Februar 2004 entschieden. Der neue Kanzler, Wolf-Eckhard Wormser, stellte fest, dass die Dienstaufsichtsbeschwerde unbegründet sei, weil die Urkundenfälschung „auf Weisung des Rektors“ (im Brief fett getippt) geschehen sei.
Diese Aussage sagt unendlich viel über diesen Verwaltungschef. Sie besagt: Wenn eine Obrigkeit wie der Rektor eine Urkundenfälschung anordnet, dann ist sie erstens von einem hochrangigen Beamten, dem Personaldezernenten, im Befehlsvollzug zu begehen, zweitens kann ein Rektor für diese Aufforderung zur Urkundenfälschung nicht belangt werden. Das ist Rechtspraxis in der Verwaltung der Freiburger Universität!
Falschaussage gegenüber den Gerichten und Urkundenfälschung sind strafbare Delikte. Meine Forderung nach disziplinarischen Konsequenzen hatte in keinem dieser Fälle Erfolg. Die Art der Ablehnung zeigt, dass die Universitätsspitze das Disziplinarrecht als Herrschaftsrecht der Obrigkeit gegenüber den „Untergebenen“ versteht. Es steht, so die Meinung von Kanzler, Rektor und Minister, einem einfachen Mitglied der Universität nicht zu, das Disziplinarrecht gegen Vorgesetzte anzuwenden. Schon deswegen mussten meine Anträge zurückgewiesen werden.
Nachzutragen bleiben charakteristische Manöver von Rektor Jäger. Er bemühte sich um eine Beilegung des Konflikts, indem er mir gegen Verzicht meines Antrags auf disziplinarische Maßnahmen die Beförderung für ein Jahr, ohne Pensionsansprüche, in Aussicht stellte. Dieser Vorschlag besagt, dass die Voraussetzungen für eine Beförderung vorlagen und dass auch nach der Verfügbarkeit von Stellen eine Beförderung möglich gewesen wäre.
Um guten Willen zu zeigen, ging ich darauf ein; das Vorhaben erwies sich als ein Täuschungsmanöver, um mich hinzuhalten. Als ich mir das nicht gefallen ließ, erklärte Rektor Wolfgang Jäger am 2. Mai 2003 das Scheitern meiner Beförderung.
Zu verantworten hat Jäger auch, dass der Rechtsanwalt, Dr. Konrad Huber, das Verfahren zuletzt auch durch das Mittel der Prozessverschleppung behinderte. Nachdem mir das Bundesverwaltungsgericht Recht gegeben hatte, verwies es den Fall an den baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshof zurück, der nach dem Spruch ein neues Urteil fällen musste. Diese Entscheidung versuchte der Rechtsanwalt des Rektorats mit Tricks herauszuzögern. Als ich den Rektor, Professor Dr. Wolfgang Jäger, darauf hinwies und um Abhilfe bat, erfolgte – nichts.
Nach dem Urteil wurde geschwiegen. Ein Bedauern oder gar eine Entschuldigung, dass die Universität jahrelang falsch gehandelt hatte, gab es nicht; in der Öffentlichkeit ließ Jäger sein Verhalten so darstellen, als habe sich das Rektorat dem Urteil des Gerichtes gebeugt und freiwillig auf den Einspruch verzichtet; in Wirklichkeit hatte es alle Einspruchsmöglichkeiten ausgereizt; gegen das Urteil war gar kein Widerspruch mehr möglich.
Um dem noch eins draufzusetzen, lehnte der Rektor ein Gespräch über die Folgen des Urteils für meine Dienststellung ab mit dem Argument, ich würde seine Position nicht anerkennen, nämlich dass mir die Universität niemals Professorenaufgaben übertragen hätte. Dass mir die Universität Professorenaufgaben übertragen hat, stellt das rechtskräftige Urteils des Verwaltungsgerichtshofs in Mannheim fest.
Diese Beispiele zeigen, dass sich seit 1970, also seit der Neustrukturierung der Universität, die Verwaltung eine rasante Fahrt in die antidemokratische Hierarchisierung hinlegte, die zu handlungshemmenden Widersprüchen mit den Aufgaben der Universität geführt hat. Dass Universitätsleitung und Landesminister im Konfliktfall bedenkenlos Rechtsgrundsätze des Verwaltungsrechts und geltendes Recht verletzen, beweist, dass das seit langem bestehende Urteil über autokratische Methoden des Regierens und Verwaltens im Südweststaat keine üble Nachrede ohne Grundlage ist. Die Abweisung als Einzelfall und überall mal vorkommende Unregelmäßigkeit wäre eine falsche Interpretation. Hier geht es um die Zerstörung notwendiger demokratischer Freiheiten im Beruf.

Die Hauszeitschrift: Freiburger Uni-Magazin
Jede Universität hat eine eigene Hauszeitschrift, die in der Regel vom Rektor herausgegeben wird. In Freiburg heißt sie „Freiburger Uni-Magazin“ und wird von der Pressestelle des Rektorats zusammengestellt, verfasst und gestaltet. Ein lebendige Universität erkennt man auch an ihren Kontroversen und deren inneruniversitärer öffentlicher Diskussion. Die zentrale Universitätszeitung ist der natürliche Ort solcher Diskussionen. So wäre es z.B. ein dringendes Erfordernis, die einschneidenden Maßnahmen, welche der Entwurf des Wissenschaftsministeriums von Baden-Württemberg zur Novellierung des Hochschulgesetzes vorsieht, universitätsöffentlich zu diskutieren.
Nichts davon findet sich im Uni-Magazin. Die Hochglanzbroschüre ist ein Jubelmagazin des Rektors. In fast jeder Ausgabe erscheint sein Bild, oft mehrmals – in der Juni-Ausgabe 2007 gleich fünf mal, in der Ausgabe davor neun mal, davor sieben mal! -, bei den vielen Repräsentationsveranstaltungen, bei Preisverleihungen und Reden zu allen möglichen Anlässen. Das Bild, das so von der Universität vermittelt wird, ist geschönt, ist falsch. Die Universität soll als Institution mit erfolgreicher Wissenschaft und Lehre erscheinen: alles in Harmonie, als wenn es keine Konflikte gäbe. Dieser Stil macht das Uni-Magazin zum Ort der denkbar ödesten Präsentation der Universität. Das ist besonders ärgerlich auch deswegen, weil es kein anderes zentrales Publikationsorgan gibt, in welchem die Konflikte erörtert werden. Die Verpflichtung zu einer universitätsöffentlichen Diskussion von Problemen besteht auch deshalb, weil das Uni-Magazin mit Haushaltsmitteln der Universität in hoher Auflage gedruckt und kostenlos, breit gestreut, verteilt wird; selbst in Arztpraxen liegen die Hefte aus.
Von den Wissenschaften erfährt man wie frau durch Beispiele erfolgreicher Forschungen. Gegen solche Artikel ist nichts einzuwenden, wenn sie eingebettet erscheinen in die Diskussion über die Probleme der Universität. – Nichts davon. In professioneller Illustriertenaufmachung wird ein engstirniger und letztlich verfälschender Hurrah-Patriotismus betrieben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nicht einmal kritische Leserbriefe gedruckt werden.
Dass Mitglieder der Universität keinen Protest gegen diese Art von Magazin erheben, sagt viel über den Zustand der Universität aus. Die schädliche Starre, die sich darin dokumentiert, stört offenbar kaum jemanden. Im Gegenteil: Jüngst konnte die – neue – Redaktion vermelden, dass sie zu ihrem Stil, der die Berichte über Forschungen verstärkt, Zustimmung erfährt. Universitäre Kritiker dieser Zeitung, so erfährt man in Gesprächen, schätzen die Chancen, etwas zu ändern, als so gering ein, dass sie darauf keine Kraft vergeuden wollen.
Die Sprache dieses Magazin fügt sich ganz in den Trend der von Strukturkonservativen geprägten Anglizismen in der Universitätsleitung und auch in einigen Wissenschaften ein. Beispiele, vorwiegend aus dem aktuellen Heft 3/Juni 2007: Der elektronische Nachrichtenbrief heißt „Newsletter“ (S.9). Das „Büro für Internationale Beziehungen“ heißt auch „International Office“. Zur Zeit wird „Gender Mainstreaming“ an der Universität „implementiert“. (S.8f) Als Graduiertenschule hat sich an der Universität die „Spemann Graduate School of Biology and Medicine“ gegründet (S.13), in dem durch „Teamwork zur corporate identity“ geführt wird (S.13). Das „Tumorzentrum Ludwig Heilmeyer“ hat den Untertitel: „Comprehensive Cancer Center“ (S.128). Ein Doktoranden-Austausch wird zum „Milestone-Colloquium“ (S.13), Informationen im Botanischen Garten zum „E-learning“ (S.17), „systematischen Pflanzungen“ sollen künftig „als Infopoint anklickbar“ sein. /S.17). Dass sich das Uni-Magazin der Werbung anpasst, zeigt die Werbeanzeige von „Imtech Deutschland“, das sich „best in technical performance“ bezeichnet (S.9). Der neue Lehramtsstudiengang in Baden-Württemberg, eingeführt im Wintersemester 2008/09, wird zum „Master of Education“ führen. Eine Häufung dieses Stils prägt den Text des „Exzellenz“-Antrags „Windows for Research“. Die Universität wirbt für ihr Fest u.a. mit dem Slogan: „Bright Minds for a Better World“.
Die Entwicklung zu Anglizismen hat charakteristische niedere Motive: Vortäuschung von Internationalität, Vortäuschen von hoher Bedeutung durch Vorspiegelung einer Fachsprache für Eingeweihte, Verschleiern des Inhalts, weil die Sache trivial oder eine reine Luftnummer ist. Die Entwicklung in der Nomenklatur der Universität und ihres Repräsentationsorgans Uni-Magazin geht in Richtung Basic English. Diese Verarmung, die ja schon in den Naturwissenschaften und der Medizin, aber auch in den Sprachwissenschaften auf deren Kongressen seit vielen Jahren läuft, wird als Fortschritt verkauft. Arme Universität![22]

Die katholische Universität
Die Freiburger Universität ist eine katholische Universität. An der theologischen Fakultät gibt es nur Katholiken, protestantische Theologie kann man in Freiburg erst gar nicht studieren. Als besonderes Unikum hat der Erzbischof das Recht, einen Lehrstuhl in Philosophie mit einem Katholiken zu besetzen, der Philosophie als Theologie betreiben darf. Die feierliche Eröffnung des Akademischen Jahres, einem Ritual aus der Mottenkiste des Traditionsvorrats, begeht der Rektor mit einem Gottesdienst. Und auch die Feierlichkeiten zur 550 Jahrfeier werden mit einem Gottesdienst, immerhin einem ökumenischen Gottesdienst – man muss sich ja weltoffen geben -, diesmal pompös im Freiburger Münster, beginnen.
Die katholische Prägung ist auch räumlich präsent. Vier Kollegiengebäude, die Alte Universität, die Universitätskirche und die Universitätsbibliothek liegen in der Innenstadt, das Institutsviertel schließt sich im Norden direkt an die Innenstadt an. In Freiburg begegnet man zwangsläufig alle 200 Meter einem Kreuz oder, noch schlimmer, Kruzifix. Der Schlossberg wurde in den letzten Jahren mit weit sichtbaren Kreuzen aufgerüstet. In unmittelbarer Nachbarschaft von Münster und dem Protzbau des Erzbischöflichen Ordinariats, muss man schon wegsehen, um das Katholische dieser Universität nicht zu bemerken. Passend dazu wird zum Jubiläum am Freiburger Münsterturm, in 15 Metern Höhe, ein riesiges Transparent in Rot-Weiss prangen mit der Aufschrift: „Die Erzdiözese gratuliert der Universität zum Jubiläum. Die Erzdiözese Freiburg.“ Und wenn an Gebäuden französischer Universitäten die Schlagworte der Französischen Revolution – liberté, égalité, fraternité – angebracht sind, ist es im Freiburger Fall ein Bibelzitat.
Es wäre zuviel gesagt, wenn man behaupten wollte, alle Wissenschaften würden sich Rahmen der christlich katholischen Weltordnung bewegen. Freiburg ist nicht Eichstädt – noch nicht ganz. Dennoch ist unverkennbar, dass der Universitätsspitze eine zur Schau gestellte Christlichkeit am Herzen liegt.
Damit liegt sie voll im Trend, denn nach den USA greift der „Kreationismus“ auch in Europa um sich. Kreationismus ist die Leugnung der Entstehung der Arten durch Evolution in der Natur zugunsten der Behauptung, die Natur sei von Gott geschaffen. Die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) z. B. plädiert dafür, im Biologieunterricht auch die Schöpfungslehre der Bibel zu besprechen.
Das greift so stark um sich, dass der Kulturausschuss des Europarats Ende Juni die 47 Mitgliedsländer aufforderte, den Kreationismus nicht als gleichberechtigte Wissenschaftsdisziplin neben der Evolutionstheorie im Schulunterricht zuzulassen. Die Resolution über „Die Gefahren des Kreationismus“ wurde im Europarat aber mit einer knappen Mehrheit, vornehmlich christdemokratischer Vertreter, abgelehnt.[23] Wenn Europa ins Mittelalter zurückfällt, warum nicht auch die Freiburger Universität? Im Mittelalter gab es die Freiburger Universität noch nicht. Es wird höchste Zeit, dass die Freiburger Universität diese Epoche schnellstens nachholt.
Mit der zur Schau gestellten Religiosität sind Grenzen der Erkenntnis bezeichnet, die – vollzogen über die Berufung entsprechend eingeschränkter Persönlichkeiten – die Universität prägen. Die neuzeitlichen Wissenschaften schließen ein religiöses Weltbild aus. In ihrer Geschichte seit der frühen Neuzeit waren und sind Wissenschaften geprägt durch einen Empirismus, der jedes metaphysische Weltbild kippte, zuletzt auch die Philosophie von der Theologie abkoppelte. Mit der vom Erzbischof zu besetzenden Professur für Philosophie hat die Freiburger Universität diese Trennung bis heute nicht ganz vollzogen. Das Image einer katholischen Universität, das von Rektor Jäger favorisiert wird, ist ein Rückfall in die Voraufklärung oder in die Romantik. Diese Rückwärtsgewandtheit im Gewand des scheinbaren Fortschritts bestimmt greifbar ungreifbar das Klima und ist ein weiterer Faktor der gegenwärtigen Misere der Freiburger Universität.

Fazit
Ich fasse zusammen: Die Universität Freiburg ist keine Stätte der freien Wissenschaft mehr, sondern erniedrigt sich immer mehr zum Zulieferbetrieb für die Industrie. Dass sich die Universität das Jubelfest zum Fünfhunderfünfzigsten mit etwa zwei Millionen € privat „sponsern“, d.h. von möglichen Profiteuren der Universität, bezahlen lässt, zu deren Aquirierung extra zwei „Fundraiserinnen“ eingestellt wurden, die einen „Förderkreis Universität und Wirtschaft“ ins Leben riefen, sagt viel.
In der Ausbildung fungiert die Universität nur noch als Fachoberschule, mit Inseln wissenschaftlicher Forschung und Lehre. Die meisten Bachelor-Studierenden werden in absehbarer Zukunft in den Seminaren, den zentralen Orten der Ausbildung, keinen Professor und keine Professorin mehr erleben, die zugleich forschen.
Die Selbstverwaltung der Universität ist zur Fremdverwaltung geworden, organisiert in rigiden Hierarchien eines industriellen Großbetriebes. Die Entwicklung der Universität bestimmt ein Beirat in der Funktion eines Aufsichtsrats, zur Hälfte besetzt mit außeruniversitären Persönlichkeiten, die über keine inneruniversitäre Erfahrung verfügen und deren Interessenlage unklar ist. Die Studierenden sind so stark entmachtet wie in den letzten 30 Jahren, abgedrängt auf ein bisschen Mitgestaltung in sozialen studentischen Belangen und ein wenig Kultur.
Eine Gegenwehr gegen die sich zur Zeit beschleunigende Dequalifizierung der Ausbildungsstätte Universität gibt es unter den Mitgliedern der Universität so gut wie gar nicht. In den Gesellschaftswissenschaften wurde jegliche Modernisierung abgewürgt. Sie befinden sich weiterhin auf dem Weg zur Entpolitisierung und öffentlichen Wirkungslosigkeit. Die Gründung von Zentren, also von sog. „An-Instituten“, folgt entweder dem Trend der industriellen Verwertung naturwissenschaftlicher Forschungen oder sind Mogelpackungen, bestimmt um Forderungen ruhig zu stellen, ohne ihnen nachzukommen.
Die Autokratie der Verwaltung in ihren schlimmen autoritären Strukturen widerstreitet einer auf Selbstverantwortung basierenden Berufsausübung der Dozenten und Dozentinnen. Dieser Widerspruch lähmt die Zusammenarbeit und verpulvert viel zu viel Energie für Kämpfe und Zergeleien.
Der Lebendigkeit der Universität, d.h. der Entfaltung der Forschenden, Lehrenden und Lernenden werden immer engere Grenzen gesetzt. Die Freiheit zur Selbstbestimmung und Selbstorganisation des Studiums besteht kaum noch, Restbestände werden in den nächsten Jahren weiter beseitigt; das ist angekündigt. Ein Turbostudium wird die eigentlich notwendige Sozialisation zu einer und einem selbst verantwortlichen Akdademiker/in nicht mehr zulassen. Der Kontakt zu ForschungsprofessorInnen wird sich auf immer weniger Studentinnen und Studenten einschränken, da erstere immer stärker ihren Forschungsprojekten nachjagen und keine Zeit mehr für die Ausbildung „gewöhnlicher“ Studenten und Studentinnen haben.
Die Universität Freiburg ist für die CDU in Stuttgart in den letzten Jahrzehnten von allen Landesuniversitäten der verlässlichste Partner gewesen und ist es noch heute. Dass die Landesregierung den Freiburger Biologen Hans Mohr, den Befürworter autoritärer Herrschaft und der Atomkraft, in die „Ethikkommission“ berief, sagt viel über die Freiburger Universität und ihr Verhältnis zur Landesregierung. Wie eng das Verhältnis in der jüngsten Vergangenheit war, zeigt sich auch daran, dass der ehemalige Freiburger Rektor Engler Wissenschaftsminister wurde. Es würde mich nicht wundern, wenn Wolfgang Jäger eine ebensolche Karriere machen würde. Die zur Schau gestellte Christlichkeit ist da sicher hilfreich.
Der weiterhin grassierende Antikommunismus setzt allen Reformern und Reformerinnen, allen gesellschaftskritischen neuen Projekten und Wissenschaftsrichtungen, dem Verdacht des Ruins des Abendlandes aus. Stillstand statt Fortschritt bei großem Aktionismus prägt heute das Gesicht der Freiburger Universität. Trotz aller zur Schau gestellten Christlichkeit haben nicht Wertkonservative das Sagen. Die Universität Freiburg ist heute eine Stätte strukturkonservativer Macher, autoritärer Herrschaft und servilen Duckmäusertums.[24]
Während Universitäten wie Harvard den Weg der privaten wie regierungspolitischen industriellen Vernutzung verlassen und sich auf antikapitalistische Ziele in der Wissenschaft und in der Bildung besinnen, fahren die Macher der Freiburger Universität, unterstützt von den wirtschaftshörigen Politikern in Stuttgart und Bonn, mit erhöhtem Tempo auf dem eingeschlagenen Weg weiter. Da sie kurzsichtig sind, können sie nicht erkennen, dass sie in einer Sackgasse fahren.

Bleibt keine Hoffnung? Gibt es nichts Positives? – Doch! Trotz alledem bleibt, wie seit hundert Jahren, durch die Anwesenheit auch von Studentinnen, durch alle Wechsel der Zeiten hindurch, die Universität ein gigantischer Liebes- und Heiratsmarkt, eine Stätte der gesellschaftlichen Abgrenzung der Studierenden nach unten, der akademischen Inzucht – ein kaum zu überschätzender Stabilisator der bundesdeutschen Klassengesellschaft.

Es lebe die Freiburger Universität!


[1] Gerd Simon, Die Hochschule als Zulieferbetrieb? „Diese Entwicklung der Hochschulen zu Einrichtungen, in denen ein Sammelsurium von Gefälligkeitsforschern an der Beantwortung von Spezialaufträgen aus Politik und Wirtschaft arbeitet, sollte man nicht als karikierendes Zukunftsgemälde abtun.“ (S.4) http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon
[2] Badische Zeitung Nr. 140, 23. Juni 1986.
[3] Hans Mohr, „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Rückblick eines Grenzgängers zwischen Biologie und Abschätzung von Technikfolgen, in: Freiburger Universitätsblätter, 3. Jg., Freiburg 2003, Heft 161, S.31-44, hier S.37.
[4] Brief vom 1. Juli 1986 an den Rektor, Prof. Dr. Volker Schupp.
[5] Brief des Rektors Prof. Dr. Volker Schupp an Prof. Dr. Hans Peter Herrmann vom 31. Juli 1986. Bezeichnend ist auch die scheinbare Blauäugigkeit des Prorektors Rainer Wahl, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht, der sich damit rechtfertigte, ihm seien die Standpunkte der Vortragenden nicht bekannt gewesen. Brief an Hans Peter Herrmann vom 17. 9. 1986.
[6] Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1977/78 (Diss. phil. Freiburg 1977). – Fritz Erik Hövels, Märchen und Magie in den Metamorphosen des Apuleius von Madaura, Amsterdam 1979 (Diss. phil. Freiburg 1977).
[7] Ich muß hinzufügen, daß alle vier meine Habilitation zuließen. Kaiser und Mauser gingen nicht in die Kommission, Goetsch schrieb ein positives Gutachten über meine Arbeit, Erzgräber verhielt sich bei meinem Habilitationskolloquium fair, und als Dekan stellte er mich bei meiner Antrittsvorlesung sogar wohlwollend ironisch vor.
[8] Dargestellt von Sebastian Kurtenacker, Die Freiburger Korporationen – einst und jetzt, in: UNIversalis-Zeitung. Für Universität und Hochschulen in Freiburg, 3. Jg., 5. Ausgabe, Freiburg 2007, S.7-9.
[9] DFG forschung, 1/2007, S.2.
[10] Stefan Hüfner, Wie exzellent ist die Exzellenz? DFG forschung, 1/2007, Beiblatt, S.2 und 3.
[11] Es wird von verschiedenen Seiten Kritik an den Begriffen „Exzellenz“ und „Elite“ geübt, z. B. von Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006, S.125
[12] Gerd Simon, Die Hochschule als Zulieferbetrieb? Macht darauf aufmerksam, dass es die Idee der Elitehochschulen schon einmal in der deutschen Geschichte gegeben hat: Im Dritten Reich. (S.6)
[13] Zur Kritik der neuen Literaturgattung der „Antrags-, Projektbeschreibungs-, Selbstdarstellungs- und Bewertungsprosa“ siehe Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006, S.98f.
[14] Im folgenden werden Entwicklungslinien an repräsentativen Beispielen gezeichnet. Zum Beleg ist es notwendig, auf Einzelheiten einzugehen. Diese sind in ein kleineres Druckbild gesetzt, so dass diese Passagen von nicht Interessierten überlesen werden können.
[15] Ähnlich urteilt Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006: „Am Ende werden nur genau jene drei oder vier Prozent der Studierenden in den Genuß einer fundierten wissenschaftlichen Ausbildung kommen, die vor den Reformen die damals noch funktionierenden Universitäten besuchten.“ S.128
[16] Übrigens auch der Anteil von Studentinnen: von 53,2% auf jetzt 42,8%. Quelle: Statistische Daten der Universität Freiburg, Zugang über die Internetseite der Universität.
[17] Fritz Erik Hoevels, 30 Jahre Ketzer, Freiburg 1998, S.27-36.
[18] Zur KLv siehe auch Hans Peter Herrmann, Die Widersprüche waren die Hoffnungen. Eine Geschichte der Reformen am Institut für Neuere deutsche Literaturgeschichte der Universität Freiburg im Breisgau 1956 bis 1977. In: Klaus-Michael Bogdal/Oliver Müller (Hg.): Innovation und Modernisierung. Germanistik von 1965-1980.,Heidelberg 2005, S. 67-107.
[19] Dieselbe Erfahrung haben gleichzeitig weberianische Sozialhistoriker wie Hans-Ulrich Wehler oder Jürgen Kocka gemacht und Konsequenzen daraus gezogen.
[20] Z. B.: Überlegungen und Vorschläge zur Gruppenarbeit, 1974. - Kritik bürgerlicher Wissenschaft, 1974. Deutschland im 18. Jahrhundert. Zwischen Feudalismus und Kapitalismus, 1975. – Einführung in die Kommunikationstheorie, 1976.
[21] Genaue Auflistung, auch für andere Universitäten, bei: Hans Peter Herrmann, Vom Elend der Geisteswissenschaften, in: der Hochschullehrer. Unabhängige Zeitung, Bonn, Nr. 4/5, Oktober 1989, S.1-3.
[22] Zur Kritik dieser Sprache siehe Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006, S.134ff.
[23] Zitiert nach Alex Rühle, Gott beweist: Darwin ist tot. Der Kreationismus breitet sich langsam auch an europäischen und deutschen Schulen aus, Süddeutsche Zeitung Nr. 148, 30. Juni 2007, S.13.
[24] „So, wie in den späten sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die zur Ideologie gewordenen Lust an der Kritik dominierte, lässt sich heute geradezu von einer nicht weniger ideologischen Lust an der Affirmation sprechen.“ Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006, S.174.

1. April 2007 - DruckansichtURL - Top

Der Schwur von Buchenwald

Ansprache in französischer, russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache auf der Trauerkundgebung des Lagers Buchenwald am 19. April 1945

Kameraden!

Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Aussenkommandos von der Nazibestie und ihrer Helfershelfer ermordeten 51.000 Gefangenen!
51.000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet - abgespitzt -
51.000 Väter, Brüder - Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren.
51.000 Mütter und Frauen und hunderttausende Kinder klagen an!

Wir lebend gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialitäten sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen.

Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache!

Heute sind wir frei!
Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen.

Wir gedenken an dieser Stelle des grossen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, - Slovaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslaven und Ungarn kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung. Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht - Der Sieg muß unser sein!

Wir führten in vielen Sprachen den gleichen, harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!

Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Apellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.

Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.

Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:

W I R S C H W Ö R E N !

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Schwur von Buchenwald
22. Februar 2007 - DruckansichtURL - Top
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