Naziaufmarsch am 1. Mai in Dortmund verhindern
Dienstag, 01.05.2007
Am 1. Mai wollen Nazis auch in Dortmund aufmarschieren. Und auch das wird nicht ohne Gegenwehr über die Bühne gehen.
Wir dokumentieren den Aufruf zu einer Gegendemo der Antifaschistischen Union Dortmund:
Für mehr als nur dagegen!
Dem Naziaufmarsch am 1. Mai entgegentreten!
Zum ersten Mal in diesem Jahr wollen die Neonazis wieder in Dortmund
marschieren. Am 1. Mai werden Hunderte von ihnen erwartet. Es gilt, ihnen
einen möglichst unangenehmen Aufenthalt zu bereiten und erneut
klarzustellen, dass Dortmund nicht ihre Stadt ist.
Am 28.03.2007 jährt sich bereits zum zweiten Mal der Todestag des Punkers
Thomas „Schmuddel“ Schulz, der am Ostermontag 2005 von einem Neonazi
ermordet wurde. Schmuddel wurde von dem damals 17-jährigen Sven Kahlin in
der U-Bahnhaltestelle Kampstraße erstochen, nachdem er dessen rechte
Sprüche nicht unwidersprochen ließ. Der Mord an Schmuddel stellt den
traurigen Höhepunkt, aber leider nicht den Schlusspunkt, einer Reihe von
neonazistischen Übergriffen dar, die von den Neonazis gezielt und mit
extremer Brutalität ausgeführt wurden. Der Angriff auf junge
AntifaschistInnen, die teilweise im Krankenhaus behandelt werden mussten,
während eines Aufmarschs am 28.01.2006 oder der Überfall auf die
alternative Kneipe „Hirsch-Q“ am 28.04.2006 sind nur die extremen
Beispiele aus einer Reihe von Vorfällen. Nicht erst der Umstand, dass die
Neonazis Dortmund als einen ihrer Aufmarschorte am 1. Mai ausgewählt haben
beweist also, dass sie in Dortmund ein ernstzunehmendes Problem
darstellen, das mit aller Entschlossenheit angegangen werden muss.
...die Öffentlichkeit: Zwischen Verharmlosung und Ignoranz
Nach einem Aufmarsch am 28.01.2006 untertitelte die Dortmunder WAZ die
Bilder der Neonazidemonstration sowie die Bilder der Antifademo mit „Böse
Demo I“ bzw. „Böse Demo II“. Ungeachtet aller Realitäten kreiert die
Presse - in Anlehnung an offizielle Stellungnahmen der Polizei - ein Bild
von einer Gewaltspirale zwischen linken und rechten „Extremisten“ und
stellt diese als das eigentliche Problem dar. Zivilgesellschaftliches
Engagement gegen Rechts steht zwar offiziell auch in Dortmund hoch im
Kurs, geht aber nicht über medienwirksame Aktionen, die ein Bild von einer
weltoffenen WM-Stadt Dortmund vermitteln sollen, hinaus. Diejenigen, die
in Dortmund dauerhaft antifaschistisch aktiv sind, werden de facto mit den
mordenden Neonazis gleichgesetzt. So wurde auch Schmuddels
antifaschistische Courage, die ihn letztlich sein Leben kostete, bis heute
nicht durch eine Gedenktafel gewürdigt. Obwohl der Mord mittlerweile mehr
als zwei Jahre zurückliegt, weigern sich die Dortmunder Stadtwerke nach
wie vor eine Gedenktafel am Tatort Kampstraße zu errichten.
Für mehr als nur dagegen! (1)
In Deutschland ist - wenn er nicht grade selber einer ist - so gut wie
jeder gegen Neonazis. Auch am 1. Mai in Dortmund werden auf diversen
Veranstaltungen sehr viele Leute ihren Protest gegen den Aufmarsch der
Neonazis artikulieren. Das offen rassistische, antisemitische und
brutal-martialische Auftreten der Neonazis läuft ihrem
zivilgesellschaftlichen Verständnis der politisch-kulturellen Verfasstheit
Deutschlands zuwider. In ihnen regt sich ein doppeltes Bedürfnis: Zum
einen den Aussagen der Neonazis, denen sie - zumindest in dieser Form -
nicht zustimmen können, zu widersprechen und zum anderen für Alle sichtbar
zu demonstrieren, dass Neonazis in der deutschen Gesellschaft nicht
akzeptiert werden. In ihrer Vorstellung von einem geläuterten Deutschland
haben Neonazis keinen Platz und sind zudem äußerst schlecht für das
internationale Image und den Wirtschaftsstandort Deutschland. So
generieren sie einen Antagonismus zwischen deutscher Mehrheitsgesellschaft
und neonazistischer Randgruppe, der sich allenfalls ästethisch belegen
ließe. Jürgen Möllemann, Martin Walser und Martin Hohmann sind prominente
Vertreter der gesellschaftlichen Mitte, die mit ihren antisemitischen
Verlautbarungen und Schlussstrichforderungen eindrucksvoll bewiesen haben,
dass die Inhalte der Neonazis sich auch bei weiten Teilen der Bevölkerung
größter Beliebtheit erfreuen können. In Anbetracht der Tatsache, dass
Nationalismus in Deutschland wieder Hochkonjunktur hat und eine Vielzahl
von Deutschen extrem rechte Ansichten vertreten (laut einer Studie der
Friedrich-Ebert-Stiftung stimmten beispielsweise 20 Prozent der
Westdeutschen der These „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu
groß“ zu) ohne sich offen als Neonazis zu outen, ist es notwendig Neonazis
innerhalb und als Teil der deutschen Verhältnisse zu problematisieren.
Antifaschistische Kritik darf nicht links von der NPD enden. Im Gegensatz
zu den antifaschistischen Spektakeln der deutschen Zivilgesellschaft gilt
es mehr als nur „gegen Nazis“ zu sein.
(Neo)nazis und der Tag der Arbeit
Eine Demonstration am 1. Mai unter dem Motto „Gemeinsam gegen Kapitalismus
Heraus zum 1. Mai!“ klingt zunächst eher weniger nach einer
neonazistischen Veranstaltung. Doch es handelt sich hierbei tatsächlich um
die von Dennis Giemsch angemeldete Demonstration, die am 1. Mai von Körne
bis nach Brackel laufen soll. Die „Kapitalismuskritik“ der Neonazis zielt
jedoch nicht auf die radikale Veränderung der bestehenden
Produktionsbedingungen ab, sondern imaginiert die Existenz eines jüdischen
Finanzkapitals, das im Gegensatz zum „schaffenden“, d.h. deutschen,
Kapital lediglich „raffende“ Eigenschaften besäße und deshalb für die
schlechten Verhältnisse im Kapitalismus verantwortlich sei. Es handelt
sich hierbei um genau die antisemitische Ideologie der
Nationalsozialisten, die nicht den Widerspruch zwischen Arbeitern und
Unternehmern erkennt, sondern zwischen ihnen einen Sozialpakt schließen
will, der sich gemeinsam gegen den äußeren als jüdisch imaginierten Feind
richtet. Als die Nazis 1933 den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag
erklärten, pervertierten sie seinen Sinn, indem sie ihn vom
Arbeiterkampftag in den „Tag der nationalen Arbeit“ umdeuteten. Die
Interessenwahrnehmung der arbeitenden Bevölkerung gegenüber den
Unternehmen war nicht mehr das Thema. Hingegen wurde die gemeinsame, durch
materielle Arbeit geschaffene, Produktion deutscher Arbeiter und
Unternehmer der - als vermeintlich unter jüdischer Dominanz stehenden -
Zirkulationssphäre entgegengesetz, in der sich die Juden angeblich ohne
tatsächlich zu arbeiten bereicherten. Der 1. Mai diente nicht mehr dazu,
für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, sondern zelebrierte das Leiden
körperlicher Arbeit als deutsche Tugend. Eine derart offen
nationalsozialistische Ideologie schafft es kaum, Sympathien zu erwecken,
doch die Trennung zwischen gutem und schlechtem Kapital vollzog auch Franz
Müntefering, als er vor einiger Zeit Finanzinvestoren als „Heuschrecken“
betitelte. In Anbetracht derartiger strukturell antisemitischer Äußerungen
blieb die Empörung gering und auch eine deutsche Arbeitsethik, wie sie
Kurt Beck jüngst mit seinen Aufforderungen zum ‚waschen und rasieren‘
vertrat, stößt in der deutschen Gesellschaft eher auf Zustimmung als auf
Ablehnung. Der Kampf gegen das „Schmarotzertum“ - ob es sich dabei nun um
gieriges Finanzkapital oder vermeintlich Arbeitsunwillige handelt - wird
vom politischen Mainstream zwar nicht mit neonazistischer Deutlichkeit
geführt, schafft es aber wesentlich mehr Popularität zu erringen.
Für mehr als nur dagegen! (2)
Klargestellt werden muss dennoch, dass die Neonazis, gerade in Dortmund
durch ihr offen gewalttätiges Auftreten eine besondere Gefahr darstellen.
Sie sind für all jene, die nicht in ihr beschränktes Weltbild passen, eine
massive Bedrohung. Als marginalisierte Gruppe können sie politisch zwar
kaum etwas bewirken, sind aber zum Teil dennoch durch vereinzelte
gewalttätige Aktionen dazu in der Lage ihre ideologischen Vorstellungen
praktisch umzusetzen. Zudem stellen für sie Läden wie der Donnerschlag,
szenespezifische Musik, wie z.B. die der Dortmunder Naziband Oidoxie und
erlebnisorientierte Gruppen, wie die Borussenfront, einen - teils
spürbaren - Zugriff auf alltägliche Jugendkultur dar. Je mehr dies
unwidersprochen und scheinbar akzeptiert bleibt, desto eher fühlen sich
die zumeist jungen, abenteuerlustigen Neonazis dazu motiviert ihre
Handlungen fortzusetzen. Als Ziel ihrer Angriffe wählen sie immer
vermeintlich schwächere Gegner aus. Allein die bloße Empörung über ihre
Taten, die keine weiteren Konsequenzen folgen lässt, können die Neonazis
jedoch gut mit ihrem Selbstverständnis als nationale Rebellen verbinden.
Obwohl sie zutiefst in autoritären Verhaltensmustern verharren,
inszenieren sie sich als tapfere Underdogs, die gegen eine politische und
gesellschaftliche Übermacht zu Felde ziehen. Durch politischen Protest
alleine gerät dieses größenwahnsinnige Selbstbild nicht ins Wanken. Um dem
Treiben der Neonazis Einhalt zu gebieten, müssen gezielt ihre Strukturen
angegriffen und eine antifaschistische Gegenkultur geschaffen werden.
Zudem ist es unakzeptabel, dass Neonazis bei ihren Aufmärschen ihre
nationalistische, rassistische und antisemitische Propaganda offen und
ungestört verbreiten. Auch wenn sich oftmals die deutsche
Zivilgesellschaft als die eigentlich Leidtragenden der Neonazis versteht,
ist es doch vor allem für all jene unzumutbar, die potentielle Opfer
neonazistischer Angriffe sind. Deshalb gilt es auch am 1. Mai nicht nur
geschlossen gegen die Neonazis zu demonstrieren, sondern ihren Aufmarsch
nicht ungehindert geschehen zu lassen und den Tag der Arbeit für sie zum
Desaster werden zu lassen. Es reicht nicht bloß „gegen Nazis“ zu sein - es
gilt sie zu stoppen. Kommt zur antifaschistischen Demonstration in
Dortmund am 1. Mai!
Deutschland verraten, Neonazis bekämpfen, Naziaufmarsch platzen lassen!
Demo: 01.05.2007 / 10:00 h / Dortmund / Hauptbahnhof (Vorplatz)
|